Der kriminelle Jahresrückblick: Amok, Mord und Hexenflüche

Auf den Straßen und in den Häusern Berlins ging es im zurückliegenden Jahr brutal zu. Unser Crime-Reporter Andreas Kopietz zieht seine eigene Bilanz.

Hinter dieser Wohnungstür wurde eine Frau mit einem Fleischerbeil getötet.
Hinter dieser Wohnungstür wurde eine Frau mit einem Fleischerbeil getötet.Berliner Zeitung/Andreas Kopietz

Bestialische Morde, Geldtransporter-Überfälle, Panzerknacker und ein Krimineller, der Hexenflüche ausstieß: Im zurückliegenden Jahr war einiges los. Die Berliner Zeitung zieht ihre eigene Bilanz:

Jeden Tag rammt das SEK eine Tür auf

Drogenhändler müssen jetzt zittern. Nachdem die französische Polizei das verschlüsselte Kommunikationssystem „Encrochat“ geknackt hat, das die Organisierte Kriminalität zur Abwicklung illegaler Geschäfte nutzte, greift die  Polizei zu: Kein Monat vergeht im vergangenen Jahr, in dem nicht irgendwo in Berlin eine Wohnungstür splittert und ein Spezialeinsatzkommando gegen den organisierten Drogenhandel vorgeht – etwa am 25. Januar: An elf Orten in Berlin – die meisten liegen in Kreuzberg – durchsuchen Ermittler Wohnungen und Geschäftsräume, die von Männern im Alter von 24 bis 39 Jahren genutzt werden.

Die Polizisten beschlagnahmen große Mengen Drogen und Bargeld, das in Tresoren aufbewahrt ist. In einer Suppendose finden sie 60.000 Euro in bar. Die Verdächtigen sollen vor allem die Dealer am Kriminalitäts-Hotspot Kottbusser Tor mit Marihuana, Haschisch, Kokain und Heroin beliefert haben. Die Verhafteten hatten über Encrochat miteinander kommuniziert. Die „Encrochat-Verfahren“ in Berlin werden sich im Jahr 2022 häufen. Bis Ende Juli – neuere Zahlen gibt es noch nicht – laufen bereits 438 Ermittlungsverfahren, meist wegen Drogenhandels und -schmuggels.

Geldtransporter als leichte Beute

Lange passierte nichts. Doch am 7. Februar wird wieder ein Geldtransporter überfallen. Vor einer Kaufland-Filiale an der Gutschmidtstraße in Neukölln will ein Wachmann einen Geldkoffer in seinem Transporter verstauen. Plötzlich bedrohen ihn zwei Unbekannte mit einer Pistole und sprühen ihm Reizgas in die Augen. Mit dem Geldkoffer flüchten sie auf Motorrollern. Fünf Tage später melden Spaziergänger der Polizei einen Geldkoffer am Ufer des Neuköllner Schifffahrtskanals. Der Koffer ist leer. Ob er aus dem Raub stammt, sagte die Polizei nicht. Im weiteren Verlauf des Jahres wird es noch mehr Geldtransporter-Überfälle geben.

Zuhälter suchen Ukrainerinnen

Wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine kommen Anfang März Zehntausende Flüchtlinge aus dem Land in Berlin an – meist Frauen und Kinder. Mutmaßliche Zuhälter und Menschenhändler versuchen die Not der Ukrainerinnen auszunutzen und machen ihnen Wohnungsangebote. Am Hauptbahnhof und am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) sprechen sie Frauen an, wie Helfer immer wieder berichten. Am Hauptbahnhof erteilt die Bundespolizei mehreren Männern Platzverweise.

Am ZOB sind Zivilbeamte der Landespolizei unterwegs, um Zuhälter aufzuhalten. „Zuhälter schicken ihre aus der Ukraine stammenden Zwangsprostituierten, weil Frauen den Kontakt zu Frauen besser herstellen können“, sagt eine Helferin der Berliner Zeitung. Allerdings ist es schwer, gerichtsfeste Beweise zu sammeln, weshalb über konkrete Strafverfahren bislang nichts bekannt ist.

Polzisten nehmen den Mörder von Zohra Gul fest.
Polzisten nehmen den Mörder von Zohra Gul fest.Sabine Gudath

Sechsfache Mutter wird in Pankow ermordet

Ein Mord erschüttert ganz Deutschland: Mit 13 Messerstichen tötet ein 42-Jähriger am 29. April seine Frau auf offener Straße. Die 31-jährige Zohra Gul war 2020 mit ihrem Ehemann und den sechs gemeinsamen Kindern aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Sie lebten in einer Flüchtlingsunterkunft.

Der Mann hatte die damals 17-Jährige 2008 nach islamischem Recht geheiratet. Nachdem das Paar nach Deutschland gekommen war, wurde die Frau immer selbstständiger und wollte sich scheiden lassen. Darüber fühlte sich der 42-jährige Ehemann offenbar in seiner Ehre gekränkt und entschloss sich zur Tötung der Frau. Der Prozess gegen den Mann läuft derzeit vor dem Berliner Landgericht.

Wieder ein Mord im Clan-Milieu

Zwei Tage später das nächste Tötungsdelikt – diesmal im Clan-Milieu: Beim Volksfest „Neuköllner Maientage“ in der Hasenheide kommt es am späten Abend des 30. April zu einem Streit. Der 25-jährige Mohammed R. zieht eine Pistole. Ein Kontrahent ersticht ihn. Mohammed R. ist der Bruder des 2018 auf dem Tempelhofer Feld erschossenen Nidal R., der einst bekannt wurde als „Berlins jüngster Intensivtäter“. Beide gehörten zum Clan-Milieu. Entsprechend groß ist der Auflauf bei der Beisetzung des Mannes auf einem Schöneberger Friedhof. Etwa 1000 Männer nehmen teil, darunter Mitglieder und Oberhäupter arabischer Clans.

Nach einigen Wochen hat die Polizei den Haupttäter ermittelt. Am 8. Dezember stellt sich ein 21-Jähriger im Beisein seines Anwalts der Polizei, als er aus der Türkei am Flughafen BER einreist. Er soll ebenfalls zu einem Familienclan gehören. Sein Tatmotiv soll Rache für eine frühere tätliche Auseinandersetzung gewesen sein.

Hexenflüche und die Suche nach einem Auftragsmörder

Ein 28-Jähriger will einen Mann töten lassen, der seiner Liebe im Wege steht. Dafür sucht er im Darknet nach einem Auftragsmörder. Schon 2020 hat er sich laut Staatsanwaltschaft in einen Mann verliebt, der aber in einer festen Beziehung lebt. Die Versuche, zunächst durch im Internet buchbare „Hexenflüche“ die Liebe des Angebeteten für sich zu gewinnen, bleiben erfolglos.

Als der Mann mit seinem Freund in eine gemeinsame Wohnung zieht, wird die  Eifersucht zu stark. Im Februar entschließt er sich, den Nebenbuhler töten zu lassen, um den Mann für sich zu gewinnen. Der 28-Jährige registriert sich im Darknet bei einer Website, die angeblich Killer vermittelt, lädt Fotos des Opfers hoch und zahlt 24.000 Dollar in Bitcoins. Doch kein Mörder rührt sich.

Stattdessen offenbart ihm der Administrator der Seite, dass er auf eine Betrugsseite reingefallen sei. Geld zurück gebe es nicht. Aber er könne sich ja selbst als Auftragskiller auf der Webseite anbieten und Kunden betrügen. Eine Journalistin, die zu Kriminalität im Darknet recherchiert, bringt die Polizei auf die Spur des liebesirren Mannes. Im Mai wird er festgenommen. Am 8. Dezember wird der 28-Jährige zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt wegen versuchter Anstiftung zum heimtückischen Mord.

Die Amok-Fahrt im Juni in Berlin-Charlottenburg erschütterte im Juni die Öffentlichkeit. Der Fahrer eines Kleinwagens tötete eine Frau und verletzte 17 weitere Personen. Schließlich raste er in ein Schaufenster.
Die Amok-Fahrt im Juni in Berlin-Charlottenburg erschütterte im Juni die Öffentlichkeit. Der Fahrer eines Kleinwagens tötete eine Frau und verletzte 17 weitere Personen. Schließlich raste er in ein Schaufenster.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Tödliche Amokfahrt auf dem Kurfürstendamm

Es ist eine Tat, die fassungslos macht: Am 8. Juni rast der 29-jährige Gor H. mit einem Renault Clio auf den Bürgersteig des Kurfürstendamms, Ecke Rankestraße in Charlottenburg in eine Menschenmenge, darunter eine Schulklasse aus Bad Arolsen, die auf Abschlussfahrt ist.

Eine 50-jährige Lehrerin stirbt, vierzehn weitere Menschen werden schwer verletzt, sechs davon lebensgefährlich. Gor H. wird in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Was der Auslöser für die Tat war, ist noch immer unklar. Die Gerichtsverhandlung ist für Februar angesetzt.

„Letzte Generation“ eine kriminelle Vereinigung?

Schon über 800 Straf- und Ordnungswidrigkeitsverfahren hat die Berliner Polizei im Juli eingeleitet gegen Blockierer, die sich seit Anfang des Jahres auf den Straßen festkleben.

Die Vertreter der Gruppe „Letzte Generation“ blockieren in jenem Monat unter anderem Autobahnausfahrten der A103 in Steglitz, der A111 in Tegel und der A114 in Weißensee. Inzwischen prüfen verschiedene Behörden, ob die Gruppe „Letzte Generation“ eine kriminelle Vereinigung ist.

15-Jähriger tötet Seniorin bei Raubüberfall

Dieser Fall lässt selbst abgebrühte Polizeibeamte wütend werden: Auf der Pankstraße in Gesundbrunnen wird am 26. Juli eine 75-jährige Frau überfallen. Der Täter schlägt ihr ins Gesicht und zerrt an ihrer Tasche. Die Seniorin stürzt, und der Täter entkommt mit der Tasche. Die 75-jährige stirbt in einer Klinik an ihren Verletzungen.

Am nächsten Tag überfällt derselbe Täter in Reinickendorf eine 79-jährige Frau. Er stößt sie um, schlägt der auf dem Boden liegenden Seniorin mehrfach mit der Faust ins Gesicht und entreißt ihr die Handtasche. Mithilfe von Zeugen kann die Polizei den Räuber fassen. Er ist im Polizeicomputer bereits als sogenannter „Kiezorientierter Mehrfachtäter“ gespeichert. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft.

Suche nach dem Mörder von Kreuzberg

Bei einem Mord klappt die Polizei die Akte auch nach sieben Jahren nicht zu. Im August ergeben sich Hinweise zu einer Tat vom 7. November 2015 auf dem Oranienplatz in Kreuzberg. Damals erstach ein Unbekannter den spanischen Studenten Alejandro G. Nun konzentriert sich die 7. Mordkommission auf einen unbekannten, aber wichtigen Zeugen.

An einem Haus in der Oranienstraße waren Alejandro G. und seine zwei Begleiter mit dem Zeugen in Streit geraten. Der Täter soll kurz darauf erst mit dem jetzt gesuchten Zeugen gesprochen haben, bevor er unvermittelt auf Alejandro G. einstach. Damit sich der Unbekannte meldet, weist die Polizei darauf hin, dass seine Mitwisserschaft verjährt ist und nicht mehr verfolgt wird. Für die Aufklärung des Mordes bietet die Staatsanwaltschaft Berlin 10.000 Euro Belohnung. Gemeldet hat sich aber bis heute niemand.

Mann erschlägt Ukrainerin mit Fleischerbeil

Am 4. September, ereignet sich in einem verwahrlosten Hochhaus an der Löwenberger Straße in Friedrichsfelde eine Bluttat. An jenem Sonntagmorgen erschlägt ein 23-jähriger Kosovo-Albaner eine 27-jährige Ukrainerin mit einem Fleischerbeil. Beide hatten wohl zuvor exzessiv Drogen konsumiert.

Doch nun dreht der Mann durch und jagt die Frau mit dem Beil über den Flur. Dabei schlägt er auf Türen und Wände und die Deckenverkleidung ein. Alarmierte Polizisten erschießen ihn, als er noch immer auf die Frau einhackt.

Der Täter jagte die Frau über den Flur und schlug dabei auf Türen, Wände und Deckenverkleidungen ein.
Der Täter jagte die Frau über den Flur und schlug dabei auf Türen, Wände und Deckenverkleidungen ein.Berliner Zeitung/Andreas Kopietz

„Kommissar Dietrich vom Raubdezernat“

Am 29. September teilt die Staatsanwaltschaft Folgendes mit: Sie habe Anklage erhoben gegen einen 21-Jährigen, der sich als Polizist ausgegeben und 1,5 Millionen Euro ergaunert haben soll. Als „Kommissar Dietrich vom Raubdezernat“ soll er für eine aus der Türkei arbeitende Gruppe ältere Menschen angerufen und am Telefon zur Herausgabe von Geld und Wertsachen überredet haben. Betrüger, von deren Art es ziemlich viele gibt, machen den Angerufenen Angst vor „Räuberbanden“ oder korrupten Bankmitarbeitern, weshalb Geld und Wertgegenstände in Sicherheit zu bringen und dem „Polizisten“ zu übergeben seien.

Mit dem Kernbohrer durch die Wand

Durch ein Loch in den Tresorraum einer Bank: Diese Methode wenden Einbrecher immer wieder mal an – wie 2014, als Unbekannte einen Tunnel zur Volksbank in Steglitz gruben, mit einem Kernbohrer kreisrunde Löcher in die Wand schnitten und dann Hunderte Schließfächer ausräumten. Die Täter, die zehn Millionen Euro erbeuteten, sind bis heute nicht gefasst.

In der Nacht zum 3. Oktober versuchen vier Männer den Coup in einer Sparkasse in Königs Wusterhausen nachzuahmen. Mittels Kernbohrer wollen sie dort den Tresorraum erreichen. Doch sie werden von einem Spezialeinsatzkommando des Berliner LKA überrascht. Fahnder verfolgten schon länger die Täter. Die vier Männer gehören laut Polizei zu einer Bande, die seit Jahren Einbrüche in Banken verübt und Schließfächer leert, unter anderem wohl auch in einer Sparkasse in Frohnau. Ende Oktober wird in Berlin ein fünfter Tatverdächtiger verhaftet.

Schüsse in Friedrichsfelde

Am 17. November schießt in der Lichtenberger Dolgenseestraße ein unbekannter Mann fünf Mal auf ein fahrendes Auto. Der 55-jährige Audi-Fahrer wird schwer verletzt.

Zwei Wochen später kann die Polizei den Täter festnehmen. Es stellt sich heraus, dass er ein Häftling ist, der aus dem offenen Vollzug entwichen ist. Er soll wütend auf den Bauunternehmer gewesen sein, weil dieser ihm die Frau ausgespannt hatte. Jetzt sitzt der Mann wieder im geschlossenen Vollzug.

Ein Feuerwehrmann als Drogendealer

Am 24. November wird in Spandau ein Feuerwehrmann verhaftet. Der 35-jährige Beamte soll mit großen Mengen Marihuana, Kokain und Crystal Meth gehandelt haben. Er sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Überführt wird er über seine Kommunikation via Encrochat. Nicht immer also sind Drogendealer finstere Gestalten, die an Bahnhöfen oder in Gebüschen herumlungern.

Die vor drei Jahren aus dem Grünen Gewölbe gestohlene Große Brustschleife der Königin Amalie Auguste fehlt noch. Wird sie vielleicht stolz von jemandem getragen?
Die vor drei Jahren aus dem Grünen Gewölbe gestohlene Große Brustschleife der Königin Amalie Auguste fehlt noch. Wird sie vielleicht stolz von jemandem getragen?Polizeidirektion Dresden

Angst vor den Berliner Polizei-Kollegen

Die Hoffnung, die letzten gestohlenen Juwelen aus dem Grünen Gewölbe in Dresden in Berlin zu finden, ist groß. Noch immer fehlen die bei dem Diebstahl beschädigte Epaulette mit dem „Sächsischen Weißen“, einem 50 Karäter, und die Große Brustschleife der Königin Amalie Auguste.

 Die Hoffnung, die Pretiosen zu finden, ist so groß, dass Polizeitaucher am ersten Weihnachtsfeiertag auf dem Grund des Neuköllner Schifffahrtskanals im Schlick gründeln. Sie wählten diese Stelle, weil Mitglieder des libanesischstämmigen Remmo-Clans, der hinter dem Juwelendiebstahl stecken soll, dort schon einmal Beute versteckt haben sollen. Vielleicht wurden die fehlenden Brillanten ja bei irgendeiner einer Clanhochzeit getragen. Und vielleicht durchstöbern Kriminalisten deshalb gerade die sozialen Netzwerke nach entsprechenden Fotos.

Die Dresdener Ermittler hatten die Berliner Kollegen übrigens  in die Fahndung nicht eingeweiht. Zu groß sei ihre Angst vor undichten Stellen bei der Berliner Behörde, ist zu hören.