Keine Turmhäuser mehr am Alex! Mit einem Interview in dieser Zeitung hat die Senatsbaudirektorin vor einigen Wochen einen Befreiungsschlag gewagt, und prompt werden an lange vergessenen Fronten die alten Fahnen geschwenkt. Unverdrossen trommelt die Tageszeitung Die Welt gegen „die Wüsten, Brachen und Schneisen, die der Arbeiter- und Bauernstaat im Zentrum Berlins hinterlassen hat“. In der Berliner Zeitung macht Nikolaus Bernau sich für die „radikale gestalterische Einheitlichkeit“ der 1993 von Hans Kollhoff geplanten Hochhauskulisse stark. Die erinnere ihn, so Bernau, „an die Gesamtkunstwerks-Idee der Wagner-Zeit“ und „steht für eine gesellschaftliche Utopie“. Sind denn die letzten zwei Jahrzehnte vollkommen spurlos an unseren urbanistischen Diskursen vorübergegangen?

In Erwartung gigantischen Wachstums – Berlin sollte bald sechs Millionen Einwohner haben und das Zentrum des Ost-West-Handels schlechthin sein – hatte der Berliner Senat 1993 einen Wettbewerb zum Alexanderplatz ausgeschrieben, der von Hans Kollhoff mit zehn Wolkenkratzern im Art deco-Stil gewonnen wurde.

Zwanzig Jahre später ist von alldem nichts zu sehen, Boomtown war anderswo. Die Käufer der Grundstücke begnügten sich mit der Renovierung der Bestandsbauten, was auch Geld kostet, das nun erst wieder verdient werden muss. An Büroflächen aber herrscht in Berlin Überangebot. Dafür schlagen das nach Plänen von Jan Kleihues um- und ausgebaute Kaufhaus aus DDR-Zeiten sowie die ästhetisch umstrittene Shoppingmall „Alexa“ bundesweit alle Umsatzrekorde. Zum U- und S-Bahnkreuz gesellt sich die größte Ballung an Tramlinien Berlins. Auf dem Platz herrscht babylonisches Sprachengewirr. Sobald Weihnachts- und andere Saisonmärkte noch dazwischen drängen, wird es für normale Passanten schon zu eng. Wer wartet da eigentlich auf Hochhäuser?

Einzig der US-Investor Hines will, nach dem drögen ElektronikKaufhauswürfel mitten auf dem zu DDR-Zeiten geplanten Platz, seinen Turm doch in Angriff nehmen und verspricht – Wohnungen! Schon wieder so ein Griff in die Trickkiste: Wer glaubt denn an eine Entspannung des Berliner Wohnungsmarktes durch Hochhaus-Appartements in Spitzenlagen? Immerhin hatte der Senat beim Verkauf der Alex-Parzellen Fristen in die Verträge geschrieben: Wer nach sieben Jahren nicht angefangen hat, verliert bei Planänderung allen Anspruch auf Entschädigung. Seltsam, dass ausgerechnet bei der befreienden Mitteilung der Senatsbaudirektorin niemand nachhakt. Wie oft ist uns „drohende Entschädigung“ schon bei anderen missratenden Bauverträgen vorgehalten worden! Auch um die zweite Kernaussage ihres Interviews blieb es merkwürdig still. In der kritisiert sie am Kollhoff-Plan, „dass viele neue Gebäude dort errichtet werden sollen, wo bereits Häuser stehen – und die werden stehen bleiben.“ Soviel zu Berlins Stadtplanung, und wie sie seit über zwanzig Jahren sich auf des Kaisers neue Kleider freut.

Weltstadtträumer vs. Realität

Schließlich vermisste Nikolaus Bernau noch jede Alternative zur Kollhoff-Utopie: „Nichts weist auf eine neue Idee von Stadt hin, schon gar nicht darauf, dass (…) ein neuer Wettbewerb stattfinden soll.“ Wer so klagt, verkennt den vollkommen anderen Ansatz der Senatsbaudirektorin, die sich Stadt eben nicht anhand verlockend ausgemalter Bilder herbeiwünscht, sondern auf Beobachtung und Begleitung realer Akteure und Kräfteverhältnisse setzt. Da können überraschende Trends zum Vorschein kommen: So entsteht etwa hinter dem ehemaligen Haus der Elektroindustrie, rings um die Keibelstraße, gerade ein ganzes Herbergsviertel. Auch nach dem Bau von bereits sieben Hotels und Hostels niederer Preisklassen ist kein Ende abzusehen, und mit der Ansiedlung von Spielcasinos sowie eines „Münchner Hofbräuhauses“ zeichnet sich ein Kundenprofil ab, das unsere Weltstadtträumer wohl eher nicht so gern vor Augen haben.

„Zwischenzustände sind auch mal auszuhalten.“ Regula Lüscher begreift Planung nicht als das Durchboxen einer vorgefassten Idee, sondern als vielschichtigen, konfliktreichen und deshalb zivilisierungsbedürftigen Prozess. Mit dem öffentlichen Eingeständnis, dass die Blütenträume von 1993 nicht reiften, hat sie die Chance ergriffen, endlich auch ganz andere, zeitgemäßere Ideen von Stadt denken zu lassen. Wenn sie es schafft, den Alexanderplatz, diese wahrscheinlich vitalste Adresse Berlins, für die krassen Umbrüche und unabsehbaren Stadterwartungen des 21. Jahrhunderts planerisch wieder zu öffnen, dann tritt sie endgültig aus dem langen Schatten ihres Vorgängers Hans Stimmann heraus.