Der 30-Jährige hat sich vor einigen Monaten einen kleinen Magneten in seinen Ringfinger implantieren lassen. Um Elektrofelder zu spüren.

„Mein Finger hat dann leicht vibriert, je nachdem, wie stark das Magnetfeld war“, beschreibt er den zusätzlichen Sinn. „Vor allem in der U-Bahn habe ich das gemerkt.“ Er konnte über seinen Finger sogar Musik hören. Seine Stereoanlage habe Greiner einfach an eine Induktionsspule angeschlossen – und aus seiner magnetischen Fingerkuppe hörte er Töne.

Die Idee, dass ein Mensch einen Magneten im Körper trägt, könnte auch aus einem Science-Fiction-Film stammen. Das hört Greiner oft. Er beschäftigt sich seit fünf Jahren mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine – was im Kern die Bedeutung des Begriffs „Cyborg“ ist. Im Dezember 2013 hat er den Cyborg e.V. in Berlin mitgegründet, der deutschlandweit einzigartig ist. Zur Gruppe gehören Leute aus verschiedenen Fachbereichen, Geisteswissenschaftler, Soft- und Hardware-Spezialisten, Künstler. Greiner selbst hat an der Technischen Universität seinen Abschluss in Human Factors gemacht.

„Für uns ist der Körper nicht an den Fingerspitzen zu Ende. Er ist nur Teil eines größeren Systems“, erklärt Greiner den Leitgedanken des Vereins. „Der Körper verschmilzt mit Hardware und Software – dabei ist er selbst die Wetware, das neue Element.“ Dem Verein gehe es nicht nur um kuriose Experimente. Ankurbeln wollen sie eine Debatte über die noch bestehende Grenze zwischen Mensch und Technologie.

Dabei ist es kein medizinisches Novum, dem menschlichen Körper mit Technik zu helfen. Wie gehörlosen Menschen mit dem Cochlea Implantat. Eingesetzt wird es ins Innenohr, schließt Nervenenden kurz und schickt akkustische Signale zum Gehirn. Oder ein Herzschrittmacher, der mit elektrischen Impulsen den wichtigsten Muskel des Organismus stimuliert. Aus medizinischer Sicht – und auch für die meisten Menschen – sind hier die Verknüpfung von Mensch und Maschine nichts Abwegiges. Oft sind sie sogar notwendig. Die Idee, den menschlichen Körper mit Technik zu verbinden, geht zurück ins Jahr 1960. Die erste Reise ins Weltall stand kurz bevor. Damals überlegten Forscher, wie sich Menschen an ein Leben fern der Erde anpassen könnten. Die Wissenschaftler schlugen zum Beispiel vor, auf Lungenatmung zu verzichten. Ersetzt werden sollte diese durch Technik im menschlichen Brustkorb.

Stefan Greiner spekuliert nicht auf ein Leben außerhalb der Erdatmosphäre. Aber er scheint fasziniert von der Vorstellung, die eigene Wahrnehmung zu erweitern. Den Magneten hat Greiner sich zwar kürzlich entfernen lassen. Aber er forscht mit seinem Kollegen Martin Späth schon an einem neuen Projekt: Sie wollen über die Haut kommunizieren – mit Hilfe von Vibration. Sie wollen eine Sprache entwickeln, die man fühlt.

Wie auch die Braille-Schrift für blinde Menschen durch das Tasten mit den Fingerkuppen funktioniert. „Jeder von uns kennt ein vibrierendes Handy“, erklärt Greiner. „Aber wir wissen dann nur, dass wir eine SMS bekommen haben, aber nicht, was drin steht.“ Durch die neue Vibrationssprache soll sich das ändern. Die Menschen würden dann vielleicht weniger auf ihre Smartphones starren.