Berlin/Potsdam - Die Jagd ist beendet. Die Ermittler sind sich nun sicher, dass der Mann, der sich jetzt der Potsdamer Staatsanwaltschaft stellte, der seit dreieinhalb Jahren von der Polizei gesuchte DHL-Erpresser ist. Dies bestätigte am Donnerstag die Behörde gemeinsam mit dem Landeskriminalamt Brandenburg. Der 35-Jährige, der sich „Omar“ nannte, gab bei den ersten Vernehmungen zu, 2017 und 2018 mit Paketbomben den Postzusteller DHL erpresst und einen Millionenbetrag gefordert zu haben. Trotz der Schwere der Taten wurde er nicht in Untersuchungshaft genommen.

Nach Informationen der Berliner Zeitung stammt der in Brandenburg wohnende Mann aus Weißrussland, kam im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Als Tatmotiv soll er persönliche und finanzielle Gründe angegeben haben. „Angesichts der persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten und aufgrund der Tatsache, dass er sich den Ermittlungsbehörden selbst gestellt hat, hat der Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Potsdam den von der Staatsanwaltschaft beantragten Haftbefehl gegen strenge Meldeauflagen außer Vollzug gesetzt“, so eine Behördensprecherin.

Über seinen Anwalt meldete er sich bei der Staatsanwaltschaft

Der 35-Jährige hatte sich am Mittwochnachmittag über seinen Anwalt bei der Staatsanwaltschaft in Potsdam gemeldet. Bei der anschließenden Vernehmung erklärte er, „für insgesamt zehn Erpressungen mit dem Ziel der Erlangung von Geldbeträgen in Millionenhöhe in Form von Bitcoins verantwortlich zu sein“, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte.

Dazu gehörte auch die Tat vom 1. Dezember 2017. An jenem Tag war in einer Apotheke am Rande des Potsdamer Weihnachtsmarkts eine Paketbombe abgegeben worden. Ein Angestellter hörte beim Öffnen der Sendung ein Zischen, dann sah er Drähte und Batterien und alarmierte die Polizei. Der Weihnachtsmarkt und anliegende Häuser wurden geräumt, das Päckchen kontrolliert gesprengt. Die Sendung enthielt einen Polenböller und Hunderte Schrauben und Nägel. Laut den Ermittlern hätte sie jederzeit explodieren können. Das Paket erhielt auch ein als QR-Code verschlüsseltes Schreiben, das die Ermittler rekonstruierten und in dem der Paketzusteller DHL erpresst wurde, zwölf Millionen Euro in der Kryptowährung Bitcoin zu zahlen.

Bereits am 6. November 2017 war bei einem Online-Versandhändler in Frankfurt (Oder) ein in Berlin abgeschicktes Paket mit einem Sprengsatz eingegangen. Als Spezialisten des Landeskriminalamtes die verdächtige Lieferung öffneten, verbrannte sie. Zwei weitere Briefbomben schickte der Erpresser 2018 an eine Filiale der Commerzbank in Steglitz und an die Berliner Handwerkskammer in Kreuzberg. Die Polizei konnte sie unschädlich machen. Die Ermittler waren sich damals sicher, dass die Sendungen alle von ein und derselben Person stammten.

Insgesamt 350 Polizisten, Kriminaltechniker und Fahnder waren dreieinhalb Jahre auf den DHL-Erpresser angesetzt. Die Sonderkommission „Quer“ wurde gebildet, über 1000 Spuren und Hinweise ausgewertet. Ihre Jagd nach dem Erpresser glich der nach einem Phantom. Der Mann hinterließ offenbar kaum verwertbare Spuren, schien keine Fehler zu machen, war wie unsichtbar.

Fotofahndung setzte den Erpresser unter Druck

Doch dann bekam das Phantom in diesem Frühjahr ein Gesicht. Im April hatten die Ermittler der Sonderkommission „Quer“ ein Foto veröffentlicht, das am 22. Oktober 2020 gegen 18.45 Uhr von der Überwachungskamera eines Bitcoin-Geldautomaten in einem Spätkauf nahe der Warschauer Straße in Friedrichshain aufgenommen wurde.

Das Bild zeigt einen etwa 1,80 Meter bis 1,85 Meter großen Mann, der eine rote Mund-Nasen-Schutzmaske trägt. Die Soko-Fahnder unter der Leitung von Kriminalhauptkommissar Axel Hoffmann hofften nun, auf diesem Foto endlich den DHL-Erpresser zu haben. Das Bild erschien in den Medien, wurde auf über 1000 Fahndungsblättern gedruckt, die in Berlin, Potsdam und Frankfurt (Oder) plakatiert waren. Dazu lobte die Polizei eine Belohnung für „wertvolle Hinweise“ von bis zu 5000 Euro aus.

In Ermittlerkreisen geht man davon aus, dass aufgrund der Öffentlichkeitsfahndung der Druck auf den mutmaßlichen Täter zu groß geworden sei, er sich deshalb nun stellte.

Nach der Vernehmung wurde noch am Mittwoch die Brandenburger Wohnung des Täters durchsucht. Dort wurden unter anderem Computertechnik, eine Sturmhaube und eine Schreckschusswaffe mit Munition gefunden, teilten die Ermittlungsbehörden mit. Auch eine rote Mund-Nasen-Bedeckung wurde gefunden. So eine, wie sie auch auf dem Fahndungsfoto zu sehen war.