Ein Wachturm überragt in Berlin die Außenmauer der JVA Tegel.
Foto: dpa/Maurizio Gambarini

BerlinNach dem versuchten Gefängnisausbruch in der JVA Tegel untersuchen Kriminaltechniker der Polizei, wie es Mario K., dem "Maskenmann", gelingen konnte, die Gitter seines Zellenfensters zu durchtrennen. Anscheinend halfen ihm dabei Kugelschreiber, Klebeband und ein paar saftige Zitronen.

Zunächst hieß es, Mario K. (52) habe zwei Gitterstangen durchgeschweißt. Doch wahrscheinlich wandte der Ausbrecher ein Elektrolyse-Verfahren an. Mario K., der 2016 wegen versuchten Mordes und erpresserischen Menschenraubes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und in der JVA Tegel einsitzt, hatte sich in der Nacht zum Montag aus seinem Fenster abgeseilt. Justizbeamte konnten ihn stellen.

Bei der Durchsuchung seiner Zelle fanden die Bediensteten einen aufgerissenen Beutel Zitronen. Man kann sie bei Erkältung verwenden – oder um aus ihnen Zitronensäure zu pressen. Die Beamten entdeckten auch Natron, das man zum Backen verwenden kann und das ebenfalls frei im Gefängnis erhältlich ist. Außerdem Putzmittel, aufgeschnittene Plastikflaschen und Schwämme sowie zahllose leere Kugelschreiberminen, die zu Schläuchen ineinander gesteckt waren.

Ähnlich einem Tropf hatten sie Flüssigkeit auf die Schwämme an den Gittern geleitet. Es lag Paketklebeband herum und ein Batteriepack, das damit zusammengebunden war. Aus einem Rasierapparat hatte Mario K. das Netzteil ausgebaut, die Stromquellen waren mit den Gittern verbunden.

Chemiker: "Vielleicht hat er die Stäbe galvanisch zersetzt"

Bis die Kriminaltechnik ein Ergebnis hat, wird es wohl noch dauern. „Wenn wir dann wissen, wie er es gemacht hat, werden wir uns damit beschäftigen, ob wir einzelne Produkte künftig in der Haft nicht mehr zulassen und entsprechende Informationen an die anderen Haftanstalten schicken“, sagt Justizsprecher Sebastian Brux. Der Häftling äußert sich nicht zu seiner Vorgehensweise.

Eine Idee hat dagegen Dr. Johann Spandl, der an der Freien Universität Berlin anorganische Chemie lehrt. „Vielleicht hat er die Stäbe galvanisch zersetzt.“ Aufgelöstes Natron oder Zitronensäure eigne sich als galvanische Flüssigkeit. „Würden die Schwämme an den Stangen befestigt und durch den Tropf feucht gehalten, könnte durch Strom eine anodische Zersetzung des Eisenstabs stattfinden“, so der Chemiker. „Dann wandern die Eisenionen aus dem Stahl zur nächsten Elektrode hin.“ Das könne einige Tage oder Wochen dauern. Spandl fragt sich allerdings, warum das keiner in der JVA Tegel bemerkt hat.

Niemand hat etwas gemerkt - trotz Kontrolle

Zumindest kann niemand etwas gerochen haben. Denn bei der Elektrolyse entweicht nur geruchloser Wasserstoff. Laut Brux wurde der Haftraum zuletzt am vergangenen Donnerstag kontrolliert - inklusive der Gitter. Denn Mario K. gehöre zu jenen Gefangenen, wo dies aufgrund der Sicherungsverfügung regelmäßig erfolge.

Mario K., von Beruf Dachdecker, war 2016 für schuldig befunden worden, zwei Mal eine Millionärsfamilie in Bad Saarow überfallen zu haben. Zudem soll er einen Bank-Manager aus dessen Villa entführt und ihn auf einer kaum zugänglichen Schilfinsel in einem Sumpfgebiet am Storkower See gefangen gehalten haben, um Lösegeld zu erpressen. Weil der Täter jedes Mal eine Maske trug, wurde er in der Öffentlichkeit als "Maskenmann" bekannt.