Das Gemälde, 1886 von von Robert Warthemüller gemalt, trägt den Titel „König überall“. Es zeigt Friedrich den Großen, wie er den von ihm gewünschten Kartoffelanbau inspiziert. Der Bauer nähert sich ihm untertänigst. Auch seine Kinder leisten Feldarbeit.
Gemälde: Deutsches Historisches Museum

BerlinOb Abenteurer, Kapitäne, Forscher, Händler oder Adlige – immer mehr Reisenden gefiel es im 18. Jahrhundert, als exotisches Souvenir einen Menschen – von Surinam, aus der Karibik, aus Indien oder Afrika – mitzubringen. Am liebsten ein Kind. Sie kamen zwar nicht in Ketten, aber auch nicht freiwillig. Jedenfalls wurde Preußen bunter. Und es entstand die Frage nach deren rechtlicher Position. Sklaverei gab es offiziell nicht; die Landeskinder lebten ganz überwiegend in Leibeigenschaft. Persönliche Freiheit blieb ein Privileg weniger.

1780 kam es zu einem Musterprozess vor dem Berliner Kammergericht; Friedrich II. (1712–1786) mischte sich ein. Wie die Sache lag, erfahren wir aus einem überlieferten Schreiben, in dem ein Gerichtsbediensteter das Justizministerium in Kenntnis setzte: Ein vom „Kämmerer von Arnim in Koppenhagen erkaufter und in hiesige Lande mit eingebrachter Mohr hat es gewagt“, sich mit einem Schreiben an die Majestät zu wenden mit der Bitte, „dass er vom Joche der Knechtschaft befreyet“ und von Arnim der Weiterverkauf „untersaget würde“. Ein schwarzer Mann, dessen Name nicht überliefert ist, hatte „es gewagt“, selbstbewusst sein Recht einzufordern.

Was irritierte den Berichterstatter stärker – die Hautfarbe des Petenten oder das Aufbegehren eines Untertanen überhaupt? Im Preußen des 18. Jahrhunderts waren etwa 70 Prozent der Menschen – Frau, Mann, Kind – als Leibeigene an die Scholle gebunden, hatten Fronarbeit zu leisten, gehörten jemandem, der darüber entschied, ob und wen sie heirateten. Etwas erleichterte Bedingungen als auf Rittergütern galten auf den in königlichem Besitz befindlichen Domänen.

Die Erbuntertänigkeit sicherte dem Gutsherrn das Eigentum an seinen Bauern. Er durfte sie züchtigen. Das Anlegen der Daumenschrauben, das Strecken oder Verbrennen einzelner Hautstellen zum Bestrafen oder Erzwingen eines Geständnisses galt als rechtmäßig, bis Friedrich II. die Folter verbot. Am 31. Mai 1740 bestieg er den Thron, drei Tage später verfügte er per Federstrich das Ende der Praxis. Allerdings blieb der Erlass unveröffentlicht, also geheim, sodass die Folterstrafe drohend im Raum stand. Als Nachfolgemethode diente das Prügeln, im Militär als Spießrutenlaufen praktiziert, nicht selten mit Todesfolge. Das Vorgehen des aufgeklärten Absolutismus in Preußen unterschied sich insofern nicht wesentlich von dem der Sklavenhalter auf amerikanischen Zuckerrohrplantagen.

Zurück zum „eingebrachten Mohren“. Sieben Jahre vor seiner Klage hatte ihn der Adlige Joachim Erdmann von Arnim während seiner Zeit als Botschafter Preußens in Dänemark zur Ergänzung seiner Dienerschaft erworben. Nun machte der Bittsteller geltend, von Armin habe ihn „von dem geh. Rathe Wurm mit der Bedingung erkaufet; daß er nur noch 2 Jahre als sein eigener Unterthan zu dienen hätte, weil er vorher schon 8 Jahr gedienet, und nur 10 Jahr dazu schuldig wäre, alsdann er auf freye Füße gestellt werden müßte“. Rechtlich ging der Kläger davon aus, er sei als Vertragsknecht gedungen und die Dienstzeit nunmehr abgelaufen.

Friedrich II. ordnete am 24. April 1780 eine genaue Untersuchung an. Das Kammergericht befasste sich ausführlich. Ein Gerichtsgutachter diskutierte den Fall öffentlich. Von Arnim musste Stellung nehmen, bestritt jede schriftliche Vereinbarung, schon gar nicht habe er dem für 200 Reichstaler Gekauften nach gewisser Zeit die Freiheit geben wollen.

Für solche Fälle existierte kein Gesetz in Deutschland. Wer einen Menschen besaß, nannte ihn nicht Sklave und hielt gleichwohl das Recht auf dessen Besitz für natürlich. Auch im Rahmen der Leibeigenschaft galten auslegbare Regeln: Der Verkauf von Menschen war zwar verboten, gehörte aber zur geduldeten Praxis. In der Regel verdreifachte sich der Wert des Mitbringsels auf dem Heimatmarkt. Freilassung aus edlen Motiven? Das kam hin und wieder vor wie im Fall von Anton Wilhelm Amo, der als Kind nach Europa verschleppt worden war und in Halle und Wittenberg zum bedeutenden Philosophen werden konnte. In vielen Fällen lief es so: Taufe, christliche Unterweisung und schon war der Sklave ein Leibeigener, so wie fast alle deutschen Eingeborenen.

Friedrichs Haltung kennzeichnet seine Lage in der Zeit des Übergangs von feudalen zu frühbürgerlichen Gesellschaftsformen. Auf die seinerzeit üblichen Hofmohren verzichtete er, liebte aber Schwarzafrikaner als Musiker in seiner Armee und ließ diese überdurchschnittlich versorgen. In einer Kabinettsordre von 1754 hatte er wissen lassen, dass „die Sklaverei der in Pommern noch üblichen Leibeigenschaft mir so hart und von so üblem Effect auf das ganze Land zu sein scheint, daß ich wohl wünschte, dass solche gäntzlich aufgehoben werden könnte“. 1777 schrieb er, offensichtlich vom Gewissen geplagt: „Von allen Lagen ist dies die unglücklichste und muß das menschliche Gefühl am tiefsten empören. Sicherlich ist kein Mensch dazu geboren, der Sklave von seinesgleichen zu sein.“

Drei Jahre später lag ihm der Fall Mohr gegen von Arnim vor. Der Gerichtsgutachter schlug dem König mehrere Urteilsvarianten vor – vorsichtshalber, man konnte sich der Stimmungen des zwar aufgeklärten, gleichwohl absolutistisch herrschenden Monarchen nicht sicher sein. 1779 hatte der Monarch drei Richter in Festungsarrest geschickt, weil sie seiner Meinung nach ungerecht gegen einen Müller namens Arnold aus dem Oderbruch und zugunsten eines Adligen geurteilt hatten. Das Volk stellte in Dankbarkeit für die „gerechte Einmischung“ des Königs Kerzen in die Fenster. Die Richter empfanden den willkürlichen Eingriff als Justizkatastrophe.

Die Petition des Schwarzen wies Friedrich der Große ab. Trotz seiner Abscheu gegen Sklaverei und Leibeigenschaft blieb er pragmatisch. Er brauchte den Adel. Dessen Söhne mussten die Offiziersränge füllen. Und er wusste um die Beharrungskraft sowohl der adligen Rittergutsbesitzer als auch der Dorfgemeinden. Dennoch ging der Fall gegen von Arnim als „Rechtsgeschichte eines erkauften Mohren“ in die Annalen ein.

Die Leibeigenschaft war in Deutschland in der Zeit akuter Arbeitskräfteknappheit nach dem Dreißigjährigen Krieg durch zwangsweise Bindung der Bauern an Scholle und Gutsherrn entstanden, erwuchs also aus ähnlichen Ursachen wie die Sklavenwirtschaft auf amerikanischen Plantagen: Ohne menschliche Muskelkraft keine Produktion. Als wenige Jahrzehnte später neue Agrarmethoden Änderung verlangten, folgte der formalen Befreiung aber nicht etwa die bürgerlicher Freiheit. Entwurzelte Tagelöhner suchten Arbeit in der sich industrialisierenden Landwirtschaft – und wurden schließlich zu „Lohnsklaven“ in den Städten.

Dass man zu Friedrichs Zeiten Sklaverei und Leibeigenschaft im Prinzip gleichsetzte, geht aus dem ersten Gesetz zu beider Abschaffung hervor: Das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten vom 5. Februar 1794 spricht davon, dass „die ehemalige Leibeigenschaft, als eine Art der persönlichen Sklaverey, auch in Ansehung der unterthänigen Bewohner des platten Landes nicht mehr statt findet“. Die Arbeit an dem Gesetzeswerk hatte 1780 begonnen, in jenem Jahr, in dem Arnims Mohr aufbegehrte. Friedrich II. erlebte das Inkrafttreten nicht mehr.

Es enthielt unmissverständliche Prinzipien – und Ambivalenzen. Es sagte: „Sklaverey soll in den Königlichen Staaten nicht geduldet werden.“ Und: „Kein Königlicher Unterthan kann und darf sich zur Sklaverey verpflichten.“ Aber es bestimmte auch: „Fremde, die sich nur eine Zeitlang in Königlichen Landen befinden, behalten ihre Rechte über die mitgebrachten Sklaven“, umgehend präzisiert durch: „Wenn dergleichen Fremde sich in Königlichen Landen niederlassen; oder auch, wenn Königliche Unterthanen auswärts erkaufte Sklaven in hiesige Lande bringen: so hört die Sklaverey auf.“

Das endgültige Ende der Erbuntertänigkeit und Leibeigenschaft in Preußen brachte ein Erlass König Friedrich Wilhelm III. im Zuge der Stein-Hardenbergschen Reformen, der am 11. November 1810 in Kraft trat – eigentlich einen Feiertag für Menschen aller Hautfarbe in Deutschland wert, egal ob Gegner oder Freunde der Mohrenstraße. Man sieht: Die Ausformung von Rechtsnormen kann Jahrzehnte dauern. Aber es geht voran.