„Der Nachbau des Stadtschlosses ist kein Kitsch“

Er war nicht nur ein kritischer Geist, er war in Ost-Berlin fast schon ein Original. Manfred Butzmann mischte sich immer wieder mit seiner Kunst in Debatten um die Veränderung der Stadt ein. Weil seine politischen Plakate Anstoß erregten, erhielt er zu DDR-Zeiten zeitweise Druckverbot. Der 73-Jährige lebt heute im Potsdamer Stadtteil Bornim – und setzt sich wieder mit Berlin auseinander. Nicht nur künstlerisch.

Herr Butzmann, es ist gar nicht einfach, Sie wiederzufinden. Warum zogen ausgerechnet Sie von Berlin weg, warum nach Potsdam?

Wo liegt denn der Unterschied zwischen Potsdam und Berlin? Die beiden Städte gehören seit über 300 Jahren zusammen, kulturgeschichtlich jedenfalls! Allerdings möchte ich nicht, dass beide zusammen ein Bundesland werden.

Warum nicht?

Jeder Brandenburger hat Angst davor, dass er plötzlich „Umland“ wird, das nur zur Versorgung der Hauptstadt dient …

Noch einmal: Warum Potsdam?

Ich bin hier geboren. Meinen Eltern gehörte dieses Haus in Bornim, in dem wir jetzt leben. In Pankow, wo wir lange in der Parkstraße wohnten, hatte ein Hamburger das Haus gekauft. Der hat mich erst aus der Druckwerkstatt rausgedrängt – und da wollten wir dann auch nicht mehr in der Wohnung bleiben.

Hat sich aus der Bornimer Perspektive Ihr Blick auf Berlin verändert?

Nicht viel. Ich bin ja jede Woche einmal in Berlin, um in der Wollankstraße mit Freunden Skat zu spielen. Das richte ich immer so ein, dass es ein langer Berlin-Tag wird. Ich laufe viel herum.

Wo denn so?

Ich war jetzt oft in Friedrichshain. Dort gibt es Ecken – so um die Rigaer Straße –, die sehen noch genauso aus, wie ich sie aus dem West-Berlin der 80er-Jahre kenne und wie ich sie gezeichnet hatte, besetzte Häuser, Giebelwände, Brandmauern und Brachen daneben. Noch! Aber eins ist anders: An Zäunen stehen riesengroß Telefonnummern, unter denen man sich Eigentumswohnungen sichern kann – in Häusern, die erst noch gebaut werden sollen, beispielsweise in der Torstraße in Mitte, wo gerade ein Seitenflügel abgerissen worden ist für einen solchen Neubau. Natürlich ist das ein Motiv für mich. Ich war so fasziniert davon, dass ich nach fast dreißigjähriger Pause meine Aquatintafolge „Steinernes Berlin“ fortsetzen will.

Eine Rückkehr …

Keineswegs. Ich zeichne dieses „Manhattan“, das gerade am Bahnhof Zoo entsteht. Das ist aufregend. Oder die merkwürdige Konfrontation zwischen dem Pei-Bau und dem Zeughaus, dessen bauplastische Fratzen die Mäuler aufreißen angesichts des vielen Glases. Oder die Veränderungen rund um die Friedrichswerdersche Kirche. Da, meine ich, beginnt die Kriminalität. Da stimmt es: Bei Aussicht auf hohen Profit scheut das Kapital kein Verbrechen „selbst auf die Gefahr des Galgens“, steht bei Marx zu lesen. Jetzt arbeiten in der gefährdeten Kirche die Restauratoren nur noch aus juristischen Gründen – zur Abwehr oder Bestätigung der Schadenersatzansprüche. So entsteht ein neues Berufsbild für Restauratoren!

Sie haben sich Ihr ganzes Leben für den Denkmalschutz engagiert, sind ausgezeichnet worden. Wie geht es Ihnen, wenn Sie so etwas sehen?

Es ist so gruselig, dass es unbedingt dargestellt werden muss!

Was ist denn für Sie darstellenswert?

Alles, wo ich optische Reibungen und Widersprüche sehe, hinter denen sich inhaltliche Kontraste verstecken.