Nach Golda Meir, hier im Jahr 1970 mit dem Violinisten Isaac Stern, soll die Allee umbenannt werden. 
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BerlinNach dem Eklat um die Neubenennung der Mohrenstraße bahnt sich in Berlin ein neuer Streit um einen Straßennamen an. Nun ist die Pacelliallee in Dahlem ins Visier von Kritikern geraten. Die Historiker Ralf Balke und Julien Reitzenstein haben eine Petition mit dem Ziel gestartet, die prachtvoll bebaute Allee nach der israelischen Sozialdemokratin und früheren Ministerpräsidentin Golda Meir zu benennen. (www.no-pa.berlin)

Die einstige Cecilienallee wurde 1949 nach Eugenio Pacelli benannt, der seit 1939 als Papst Pius XII. Oberhaupt der katholischen Kirche war. Sein Wirken vor allem während der Herrschaft des Nationalsozialismus aber auch danach ist unter Historikern zumindest umstritten. Balke und Reitzenstein charakterisieren ihn als „höchst problematische Persönlichkeit“. Sie verweisen darauf, dass er nicht nur durch zahlreiche antisemitische und frauenverachtende Äußerungen aufgefallen sei. Er war als Kardinalstaatssekretär auf Seiten des Vatikan auch Initiator des 1933 mit Deutschland geschlossenen Reichskonkordats, das die Beziehungen zwischen dem deutschen Staat und der katholischen Kirche regelt.

Auch die Bewertung dieses – bis heute gültigen – Dokuments ist unter Fachleuten umstritten. Es schützte die Katholische Kirche in Deutschland zwar vor der völligen Gleichschaltung, unterband aber auch jegliche politische Tätigkeit ihrer Geistlichen. Das führte zur Auflösung der katholischen Zentrumspartei und später zum Schweigen der meisten Bischöfe angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen.

Pacelli habe über Jahrzehnte antisemitische Klischees verbreitet, heißt es in der Petition. Er habe sich früh mit den Nationalsozialisten arrangiert, nach dem Krieg habe der Vatikan unter seiner Führung zahlreichen Kriegsverbrechern die Flucht nach Südamerika ermöglicht. Er sei mit dieser Geschichte „als Namensgeber einer Straße in der Hauptstadt eines neuen und demokratischen Deutschlands denkbar ungeeignet.“

Demgegenüber sei Golda Meir eine ideale Kandidatin für die Umbenennung. Immer wieder habe sie versucht, mit Verhandlungen Krieg und Gewalt zu verhindern. Als Arbeitsministerin habe sie für soziale Rechte aller Israelis – Juden wie Muslimen – gekämpft. Als Außenministerin habe sie Verständigung mit verfeindeten Staaten, aber auch mit Deutschland gesucht. Schon 1960 lud sie den Regierenden Bürgermeister Berlins, Willy Brandt, nach Israel ein.

Auch vor dem Hintergrund der besonderen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland hätte die Umbenennung „eine Signalwirkung und würde das eklatante Missverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Straßennamen in Berlin-Dahlem korrigieren“, schreiben Balke und Reitzenstein. Tatsächlich ist in dem Zehlendorfer Ortsteil nur eine einzige Straße nach einer Frau benannt: Die Königin-Luise-Straße.

Angesichts der Kritik an anderen Umbenennungsforderungen in Berlin erklären die Initiatoren, es sei „ausdrücklich nicht unser Anliegen, Geehrten aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhunderts vorzuwerfen, dass für sie Werte selbstverständlich waren, die heute ablehnenswert sind. Allerdings waren Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus auch damals alles andere als selbstverständlich.“

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, unterstützt die Umbenennung der Pacelliallee. „Die Debatte rückt die umstrittene Rolle in den Fokus, die Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkrieges einnahm. Er schwieg zum Holocaust und zum Mord an den Sinti und Roma, von denen viele dem katholischen Glauben angehörten, oder protestierte zumindest nicht vernehmlich“, sagte Klein der Zeitung Welt.

Die Pacelliallee ist eine in vielerlei Hinsicht geschichtsträchtige Straße. Besonders interessant ist die Villa mit der Hausnummer 19-21. Hier lebte bis zu seiner Flucht 1933 der jüdische Wäschefabrikant Richard Semmel, der wie viele andere Juden gezwungen wurde, sein Haus weit unter Wert zu verkaufen. Heute ist die Villa Sitz der irakischen Botschaft. Der Historiker Reitzenstein – einer der Initiatoren der neuen Petition – hat vor geraumer Zeit auf die Geschichte des Hauses aufmerksam gemacht und sich für eine Erinnerungstafel eingesetzt. Er hatte zuvor bereits die ganz ähnliche Geschichte des Hauses in der benachbarten Pücklerstraße aufgedeckt, in der heute der Bundespräsident seinen Wohnsitz hat. Dort informiert inzwischen eine Stele über die Vergangenheit des Hauses und seiner jüdischen Besitzer. Dass in der Villa Semmel bis zu seiner Abberufung nach Rom 1929 auch der damalige vatikanische Nuntius Pacelli gewohnt haben soll, ist aber wohl nur eine Legende. Es bleibt die Frage, weshalb die Straße 1949 nach ihm umbenannt wurde – zu Lebzeiten, ein höchst ungewöhnlicher Vorgang.