Ein Bildungszentrum, das für alle Religionen offen ist: So soll der Campus in der Westfälischen Straße ausehen, wenn er fertig ist.
Grafik: Tschoban Voss Architekten

Berlin-WilmersdorfGeprägt vom Bekenntnis zum jüdischen Leben in Berlin und der Distanzierung von Rechtspopulismus und Antisemitismus ist am Sonntag Richtfest für ein jüdisches Bildungszentrum in Wilmersdorf gefeiert worden.

Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sagte, er sei froh, dass die Chabad Gemeinde, die den Campus errichtet, Vertrauen in die deutsche Gesellschaft und die Demokratie habe. Spätestens nach den Anschlägen von Hanau, Halle und Kassel müsse allen klar sein, „dass das nicht die Taten von verrückten Einzelnen sind“, so der Minister. Es habe sich etwas verändert in Deutschland. „Es gibt auch wieder rechten Terror – und das muss laut ausgesprochen werden“, sagte Scholz.

Zeit, um zusammenzustehen

„Die Sprache der rechten Populisten, die Sprache des Hasses ist die Grundlage für die rassistische und antisemitische Gewalt“, sagte Scholz. „Und dem müssen sich alle Demokraten entschieden entgegenstellen.“ Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) erinnerte daran, dass der Rabbiner der Gemeinde, Yehuda Teichtal, selbst Opfer eines antisemitischen Übergriffs geworden sei. In dieser Zeit gelte es zusammenzustehen.

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Mit Blick auf Thüringen sagte Müller unter Applaus der Richtfest-Gäste, er frage sich, „was muss eigentlich noch passieren im Bund und Land, damit auch der Letzte und die Letzte merkt, dass Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in unserem Land nichts zu suchen haben.“

Der Rabbiner Yehuda Teichtal spricht beim Richtfest für den Bau des Jüdischen Campus Berlin.
Foto: dpa/Paul Zinken

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bezeichnete den Campus als „wunderbares Projekt“. Die Botschaft laute: „Berlin ist auch unser Zuhause.“ Rabbiner Yehuda Teichtal sagte: „Fast 1700 Jahre gibt es jüdisches Leben in Deutschland. Unsere Botschaft ist eine Botschaft der Liebe der Verständigung, der Toleranz und des Respekts.“

Eine Begegnungsstätte für Jung und Alt

Das neue Bildungszentrum wird unter dem Namen „Pears Jüdischer Campus“ an der Westfälischen Straße errichtet. Auf 8000 Quadratmetern entsteht dort nach Plänen des Architekten Sergei Tchoban bis 2021 eine Begegnungsstätte, die von der Geburt bis zum Erwachsenenleben viel bieten soll: Kinderkrippe, Kindergarten, Schule, Jugendclub, Sport- und Freizeitzentrum und einen Saal für Feste. Ein Ort für Seminare und Konferenzen für Studierende und Erwachsene soll entstehen.

Neben einem Freizeitangebot, das allen Menschen offen steht, ist ein Fort- und Weiterbildungszentrum für Lehrer geplant. Im Juni kommenden Jahres will die Gemeinde ihr neues Bildungszentrum eröffnen. „Wir freuen uns, dass alles rechtzeitig fertig geworden ist und wir in der richtigen Zeitschiene sind“, sagte Teichtal.

Eine Simulation des jüdischen Campus an der Westfälischen Straße.
Grafik: Tschoban Voss Architekten

Ergänzung für das jüdische Leben in Wilmersdorf

Wenn er über sein Projekt spricht, wirkt es noch ein bisschen größer: die größte jüdische Bildungseinrichtung des Landes, ein Ort für Religion, offen für alle. So beschreibt Teichtal sein Projekt. Und tatsächlich ist es erstaunlich, was schon jetzt in Wilmersdorf entstanden ist. Yehuda Teichtal hat vor etwas mehr als 20 Jahren in Wilmersdorf das Zentrum Chabad Lubawitsch aufgebaut.

Dort geht es sehr traditionell zu. Zum Gebet versammeln sich die Männer mit Gebetsschals und -riemen. Männer geben Frauen nicht die Hand. Koscher-Regeln werden als bindend betrachtet. Die Gemeinde gehört zu der weltweit vertretenen, sehr traditionell lebenden Gruppierung Chabad Lubawitsch. Chabad-Rabbiner stellen jedes Jahr zum jüdischen Lichterfest am Brandenburger Tor einen Chanukka-Leuchter auf. Die Gemeinschaft sucht die Öffentlichkeit, und die Politik nimmt das Angebot gern an und zeigt sich auf Festen der Gemeinde.

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Wissen gegen Vorurteile

Yehuda Teichtal sieht sein neues Projekt im Zeichen der Völkerverständigung. „Wir brauchen mehr Miteinander. Wir müssen zusammenkommen, um Berührungsängste abzubauen“, sagt Teichtal.

In einer Zeit wachsenden Antisemitismus sei Austausch umso wichtiger, damit man sich besser verstehe, sagt Teichtal. Nur mit mehr Wissen könnten Vorurteile abgebaut werden. „Es wird viel diskutiert, aber man muss auch was machen“, sagt Teichtal. Genau das soll sein neues Haus leisten.