Paul von Hindenburg mit Adolf Hitler.
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Berlin - Vor kurzem wurden in Berlin Paul von Hindenburg aus der Ehrenbürgerliste und Christian Peter Beuth als Namensgeber der Berliner Fachhochschule für Technik ausradiert. Bei beiden handelt es sich um historisch ambivalente Persönlichkeiten – eine Eigenschaft, die sie mit Tausenden Namensgebern öffentlicher Straßen, Plätze und Gebäude teilen.

Beuth (1781–1853) wurde wegen antijüdischer Äußerungen getilgt – ein Kriterium, nach dem auch Richard Wagner, Caroline von Humboldt, Friedrich List, Franz Mehring und zig andere in den Orkus getreten werden müssten. Der von der SPD 1932 in der Reichspräsidentenwahl gegen Thälmann und Hitler unterstützte Hindenburg büßte seine Ehrenbürgerschaft ein, weil er 1933 Hitler zum Kanzler ernannt hatte, den zuvor Millionen Wählerinnen und Wähler hochgejubelt hatten. Aber das Volk bleibt für linke Geschichtssäuberer stets ein Unschuldslamm. Deshalb darf auch Paul Lincke („Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft …“), seine 1941 auf Goebbels’ Wunsch verliehene Ehrenbürgerwürde und sein Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer behalten.

Wir belassen auch Zar Nikolaus I. in der Ehrenbürgerliste – einen Autokraten, der zu Lebzeiten Beuths besonders hart gegen die russischen und polnischen Juden vorging, weshalb sich diese nach den in Preußen seit 1812 garantierten Freiheiten sehnten. Bismarck und zig weitere Demokratieverächter zieren die Liste, desgleichen Ex-Nazis wie Herbert von Karajan und der spätere Bundespräsident Karl Carstens. Aber Hindenburg musste weichen. Ich verteidige ihn, und zwar wegen seiner humanen Haltung, die er 1914 nach dem Sieg in der Schlacht von Tannenberg gegenüber den 95.000 gefangenen russischen Soldaten zeigte und seinen Soldaten sofort befahl, im „gewesenen Feind den Kameraden zu sehen“. Selbstverständlich war das im 20. Jahrhundert nicht.

Ehrenbürger werden in Berlin seit 1813 ernannt. Dieser bürgerliche Brauch gehört zu den Errungenschaften der preußischen Reform um Hardenberg, Humboldt und eben auch Beuth, der auf dem Gebiet der gewerblichen und industriellen Entwicklung Großartiges geleistet hat. Davon abgesehen dauerte es 144 Jahre, bis in (West-) Berlin mit der Sozialdemokratin Louise Schroeder 1957 die erste Ehrenbürgerin ernannt wurde – 1947/48 Oberbürgermeisterin von Gesamtberlin. Ostberlin brauchte noch bis 1975, bis auch dort die erste Frau in die Ehrenliste aufgenommen wurde – die bedeutende Schriftstellerin und Stalinpreisträgerin Anna Seghers.

Straßennamen und Ehrenbürgerlisten sind Denkmäler unserer Geschichte. Sie künden von Hell, Dunkel und viel Grau. Gerne erkläre ich meinen französischen Enkeln die Siegessäule, so wie ich den Berliner Enkeln die Weidendammer Brücke und Preußens Adler erkläre. Aus Respekt vor der Geschichte bin ich dafür, das Thälmann-Denkmal an der Greifswalder Straße zu sanieren – deswegen ehre ich nicht Ernst Thälmann als Vasallen Stalins und Mitzerstörer der Weimarer Republik. Aber von einer derart liberalen Grundhaltung sind die Berliner grünen, linken und sozialdemokratischen Namensstürmer weit entfernt. Sie empfinden sich als bessere Menschen, befördern kollektivistischen Gruppenzwang, totalitäres und überhebliches Denken und Handeln – angeführt von nicht unsympathischen, aber vom Reinigungsdünkel besessenen Leuten wie Kultursenator Klaus Lederer.