25 Jahre deutsche Einheit: Männer umarmen sich mit Mützen der NVA während der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Berlin.
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BerlinDer Osten ist eigentlich nur eine Himmelsrichtung, heißt es. Auch wenn dies 30 Jahre nach der Einheit viele durchaus anders sehen. Zwischen den Bewohnern von Rügen und Dresden gibt es genauso viele Unterschiede wie zwischen denen von Helgoland und München. Trotzdem wird bei Westdeutschen ganz dezidiert unterschieden zwischen Rheinländern und Pfälzern und gern hervorgehoben, dass Ostwestfalen mentalitätsmäßig ganz anders sind als Westwestfalen. Und nicht wenige Franken tun so, als gehörten sie nicht zu Bayern. Im Osten aber sind einfach alle Ossis.

Denken wir einfach mal an den uralten Film „Die Feuerzangenbowle“, stellen uns also „janz dumm“ und schauen auf die Landkarte. Und was sehen wir? In Berlin ist das Brandenburger Tor westlicher als der frühere Flughafen Tempelhof. Und die schöne thüringische Landeshauptstadt Erfurt befindet sich weiter westlich als Regensburg, Ingolstadt, Bayreuth und München.

Und die ebenfalls sehr schöne Stadt Eisenach ist sogar weiter westlich als 80 Prozent des bayerischen Staatsterritoriums, für die Eisenacher ist Thomas Gottschalk, der Bamberger, ein Ossi, genau wie fast alle Bayern.

Eigentlich sind es Südis. Denn viel wichtiger ist doch der große Nord-Süd-Unterschied. Nicht nur global gesehen, sondern auch national. Zum Beispiel bei der Urlaubsfrage. Der Süden in Deutschland hat die besseren Gebirge, der Norden die besseren Meere. Das ist unstrittig. Die Würste sind im Süden besser, die Fischbrötchen im Norden. Wer das bessere Bier braut, ist wiederum Geschmackssache.

Grundsätzlich sprechen die im Norden die verständlicheren Dialekte. Die im Süden sagen einfach überall „an Weihnachten“ oder sie machen wie unser Bundes-Jogi das schreckliche „von daher“ mehrheitsfähig.

Sie sind stolz auf ihre Dialekte. Das ist auch gut so. Doch leider werden andere Mundarten diskriminiert. Wie ist sonst zu erklären, dass in fast allen Filmen des Bayerischen Rundfunks die Leute in solch halsbrecherischen Dialekten herumbayern, dass die Hälfte der Nation kaum etwas versteht, während im Ostfilm fast nie gesächselt wird. Nicht mal in der erfolgreichsten Dauerserie aus dem Osten „In aller Freundschaft“. Dort darf das Krankenhaus zwar Sachsenklinik heißen, aber sächseln darf dort nur die absolute Unterschicht.

Ist das Lebenserfahrung? Ist das Scham? Scham hat mehrere Ursachen: im Privaten meist Peinlichkeit und Verlegenheit, im Gesellschaftlichen eher Kränkung oder Demütigung.

Manche von uns Ossis sind aber auch mächtige Sensibelchen. Ich kenne Leute aus dem sonst so stolzen Freistaat Sachsen, die nicht nach Westdeutschland fahren, weil sie sich dort wegen ihres auffälligen Dialekts zurückgesetzt fühlen. Denn jahrzehntelang haben die DDR-Grenzer in fast jedem Westfilm gesächselt. Manche Sachsen fahren also auch 30 Jahre nach der Einheit lieber nach Österreich oder Frankreich. Dabei ist doch Westdeutschland auch schön.