Was Kranke neben einer angemessenen Therapie am meisten brauchen: Zuwendung, Zuhören und Zuspruch.
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Warum behandelt diese Gesellschaft ausgerechnet jene Menschen besonders mies, die fast jeder von uns irgendwann einmal braucht: Erzieher, Sozialarbeiter und Pflegekräfte? Diese Frage stellt sich unter anderem angesichts der nicht abreißenden Debatte um die Situation der Pflegekräfte an Berliner Kliniken. Wie die Senatsantwort auf die schriftliche Anfrage einer SPD-Abgeordneten zeigt, gab es im vergangenen Jahr allein an der Charité monatlich zwischen 47 und 68 Gefährdungs- und Überlastungsanzeigen von Pflegekräften.

Die Zahlen sind zwar etwas besser als noch 2018. Aber sie bedeuten auch: So viele Male haben Pflegekräfte angezeigt, dass sie selbst oder Patienten akut gefährdet sind, weil Personal fehlt oder der Arbeitsaufwand zu hoch ist. Im Dezember 2019 war die Situation sogar so drastisch, dass die Charité mitteilte, vorläufig keine neuen Krebspatienten im Kindesalter aufnehmen zu können.

Wichtige Stütze einer immer älter werdenden Gesellschaft

Die Pflege gehört zu den wichtigsten Bereichen in dieser Gesellschaft. In einer immer älter werdenden Gesellschaft kann sich wohl jeder ausrechnen, dass er irgendwann einmal auf Menschen angewiesen ist, die einen baden, füttern und umbetten. Im Jahr 2050 werden in Deutschland voraussichtlich 4,2 Millionen Menschen pflegebedürftig sein. Doch schon bis 2025 sollen etwa 150.000 bis 200.000 Pflegekräfte fehlen, wie Prognosen zeigen.

Leider ist der Pflegeberuf zunehmend unattraktiv geworden. Eine Studie ergab vor einiger Zeit, dass sich nur etwa zwei Prozent der Jungen und zehn Prozent der Mädchen auf allgemeinbildenden Schulen vorstellen können, einen Pflegeberuf zu ergreifen. Pflege in Kliniken bedeutet körperliche Schwerstarbeit, Schichtsystem und die Betreuung oft mehrerer Patienten gleichzeitig unter Zeitdruck. Fehler passieren. Im Schnitt halten es Krankenpfleger nur 7,5 Jahre im Beruf aus.

Viele Kliniken arbeiten mit Leihkräften. Dies scheint auf den ersten Blick gut zu sein. Denn auf diese Weise können Personallöcher gestopft und Engpässe überbrückt werden, zum Beispiel in Krankheitszeiten. Aber es kann nicht die Lösung sein, dass Pflegekräfte irgendwann nur noch ausgeliehen werden. Vor allem auch deshalb, weil es verlässliche Teamarbeit und feste Bezugspersonen in der Pflege braucht, wie etwa die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci betont.

Der Senat hat deshalb erst am Dienstag eine Bundesratsinitiative zur Eindämmung der Leiharbeit in Kliniken und Pflegeeinrichtungen beschlossen. Dies ist zu begrüßen, wenngleich die Frage bleibt, woher das Geld für mehr festangestellte Pflegekräfte kommen soll.

Denn die Situation in der Pflege ist nur ein Aspekt einer wesentlich umfassenderen Entwicklung, die man fast als Paradigmenwechsel der Medizin bezeichnen kann. Dieser wird auch von vielen Ärzten beklagt. Etwas boshaft übertrieben könnte man ihn auf den Punkt bringen, dass heute nicht mehr der Patient und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, sondern die Kosten.

Zugleich Überflüssige Operationen

Zu begrüßen ist, dass sich in der Medizintechnik so viel getan hat, dass heute oft Menschen gerettet werden können, die früher dem Tode geweiht waren. Zugleich aber fördert das 2003 eingeführte System der diagnosebezogenen Fallgruppen den übermäßigen Einsatz von Technik und Behandlungen, wo sie vielleicht nicht nötig wären. Nicht selten werden Operationen durchgeführt, die überflüssig sind – allein, um die Kosten dafür erstattet zu bekommen.

Zugleich gibt es immer weniger Zeit und Mittel, sich um Patienten als Menschen zu kümmern. Ein Arzt beklagte jüngst in dieser Zeitung, dass Krankenschwestern kaum noch an Visiten teilnehmen könnten. Dabei ist es wichtig, dass Ärzte erfahren, wie es ihren Patienten geht, welche Fragen sie haben und auf welche Besonderheiten man achten muss.

Der Pflege muss wieder mehr Raum gegeben werden. Sie muss zu einem begehrten Beruf werden. Das klingt illusorisch, doch anders kann man nicht jene vielen Kräfte gewinnen, die künftig gebraucht werden. Im Grunde geht es um eine Orientierung auf das, was allein Menschen für Menschen leisten können und was Kranke neben einer angemessenen Therapie am meisten brauchen: Zuwendung, Zuhören und Zuspruch.