Berlin - Die gute Nachricht zuerst: Die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auch in Berlin weiter. Am Montag war ein Wert von 26,5 erreicht. Das bedeutet, dass erstmals seit langer Zeit die Corona-Ampel der Hauptstadt nicht mehr Rot leuchtet. Gleichzeitig gewinnt die Impfkampagne an Tempo. Nach dem Corona-Lagebericht der Gesundheitsverwaltung hat es in Berlin bisher rund 2.391.750 Impfungen gegeben, bei den Erstimpfungen liegt die Impfquote bei 44,8 Prozent, eine vollständige Impfung haben 20,3 Prozent der Menschen in Berlin erhalten. Seit Montag können auch die Betriebsärzte mitmachen. Doch gleich zum Start gab es einen Dämpfer. Es fehlt - wie sollte es anders sein - an Impfstoff.  

Offiziell haben Deutschlands Betriebsärzte an diesem Montag mit den Impfungen begonnen. Noch in der ersten Woche sollen sie insgesamt 702.000 Dosen bekommen, alle von Biontech/Pfizer. Viele Ärzte konnten jedoch erst am Dienstag in größerem Umfang mit den Schutzimpfungen beginnen. Das sagte Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, am Montag. Es fehle an Impfdosen.

„Wir könnten mehr leisten“, sagte Panter mit Verweis auf die begrenzten Impfstoffmengen. Rund 6300 Betriebsärzte im gesamten Land hätten Impfstoff geordert. „Da ist eine Menge Power da“, sagte der Verbandsvorsitzende. Geimpft werde in großen, mittleren, aber auch in kleinen Betrieben. Auch Familienangehörige können sich bei Betriebsärzten impfen lassen. Panter ging aber davon aus, dass die Unternehmen sich zunächst auf die Belegschaften konzentrieren werden.

An Impf-Bereitschaft mangele es nicht, sagte Panter. In Pilotprojekten hätten sich bis zu 70 Prozent der Mitarbeiter impfen lassen. Schon in den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob dieser Trend anhält. 

In Berlin setzt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) nach eigenen Worten stark auf das Impfen am Arbeitsplatz. „Mit der Einbeziehung der Betriebsärzte in das Impfgeschehen wird das Impftempo weiter erhöht“, sagte sie. „Und ei­ne schnelle Durch­imp­fung der Bevölkerung ist die einzige Chan­ce, die Co­ro­na-Pan­de­mie zu be­sie­gen. Hier können die Betriebsärzte mit ihrem Know-how einen wichtigen Beitrag leisten.“

BSR und IBB starten mit dem Impfen. Doch wer will überhaupt mitmachen?

Zu den Berliner Betrieben, die am Dienstag mit als erste an den Start gehen werden, gehört die landeseigene Berliner Stadtreinigung (BSR). Nach Angaben von Pressesprecherin Sabine Thümler haben sich Krisenstab und betriebsärztlicher Dienst intensiv auf den Start vorbereitet. An der Ringbahnstraße in Tempelhof wurde ein betriebsinternes Impfzentrum eingerichtet. Jeweils donnerstags erfahren die dortigen Betriebsärzte, wie viele Impfdosen für die folgende Woche zur Verfügung stehen.

Das Dumme ist nur, dass bisher keinerlei Zahlen vorliegen. Weder ist bekannt, wie viel Impfstoff wann zu erwarten ist, noch gibt es Aussagen darüber, wie viele der 6000 BSR-Angehörigen sich überhaupt impfen lassen wollen. Das gleiche gilt für die Investitionsbank Berlin, einen weiteren landeseigenen Betrieb, der jetzt selbst impft. Die Banker beginnen damit am Mittwoch. 

Absprache geplatzt: Die BVG darf die Messehallen nicht nutzen

Mit deutlich besserer Datengrundlage starten die Wasserbetriebe in die Impfkampagne. Vor allem wissen die Beteiligten des Betriebsärztlichen Dienstes bereits, was auf sie zukommt. Sie können auf die Erfahrungen eines Pilotprojektes zurückgreifen.

In der zweiten und dritten Mai-Woche und dann noch einmal am letzten Mai-Wochenende waren Berlins Wasserfachleute zu Gast bei der Firma Berlin Chemie in Adlershof. Dort wurden fast 1400 Erstimpfungen verabreicht. Zum Vergleich: Die Wasserbetriebe haben insgesamt 4560 Beschäftigte. Wie bei der BSR wurden Termine über Doctolib vergeben. 

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben bereits an einem Pilotprojekt teilgenommen. Mehr als 1400 Mitarbeiter wurden auf diesem Weg bereits geimpft. In den kommenden Tagen soll nun in der BVG-Zentrale in der Holzmarkstraße ein eigenes Impfzentrum aufgebaut werden, an dem dann zehn Stunden am Tag geimpft werden soll.

Ursprünglich war vorgesehen, dass die BVG eine mangels Impfstoff ungenutzte Impfstraße des Impfzentrums am Messegelände nutzen kann. Vorteil: Die BVG hätte ihren eigenen Impfstoff mitgebracht. 

Wie jetzt bekannt wurde, stoppte die Gesundheitsverwaltung dieses Gast-Impfen jedoch. Begründung: Es könne der Eindruck entstehen, dass BVG-Mitarbeiter bevorzugt behandelt würden. 

Sozialverband: Ende der Priorisierung bleibt ein Fehler

Doch es gibt auch weiter Kritik an der Aufhebung der Impfpriorisierung, eine der Voraussetzungen für das Impfen durch Betriebsärzte. So sorgen sich der Sozialverband VdK und die Deutsche Stiftung Patientenschutz um noch ungeimpfte Risikogruppen.

Die VdK-Präsidentin Verena Bentele erklärte, dass den Verband noch immer Anfragen von Mitgliedern erreichten, die schon längst eine Impfeinladung erhalten haben sollten, „aber trotz großer Mühe keinen Termin kriegen“. Oft seien dies alte, vorerkrankte oder behinderte Menschen. „Die Schlussfolgerung ,Wer am findigsten und schnellsten bei der Terminvereinbarung ist, erhält eine Impfung‘ darf nicht sein“, forderte Bentele. Stattdessen sollten Risikogruppen bevorzugt behandelt werden.