Berlin - Berlin sei die Stadt ohne Gedächtnis, wird immer wieder beklagt. Einerseits. Andererseits tagt ausgerechnet das Berliner Abgeordnetenhaus in einem der ältesten deutschen Parlamentsgebäude: Der Preußische Landtag, wie das Haus an der Niederkirchnerstraße genannt wird.

Zwar sind etwa die Palais in Magdeburg, das Leineschloss in Hannover, das Maximilianeum in München oder das Kasino-Gebäude des Saarländischen Landtags wenigstens im baulichen Kern oft sehr viel älter. Das Schweriner Schloss darf sogar in Anspruch nehmen, einer der Orte in Europa zu sein, an denen am längsten ununterbrochen die Staatsmacht herrschte.

Aber für Parlamente sind all diese Bauten meist erst nach dem Zweiten Weltkrieg, oft sogar erst nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 angepasst worden. Alleine das 1894 übergebene Reichstagsgebäude und das 1897 eröffnete Hamburger Rathaus werden in Deutschland noch länger für Parlamentszwecke genutzt als der Preußische Landtag.

Die Planung

Das Haus entstand 1894 bis 1899 nach den Plänen des Baubeamten Friedrich Schulze. Dem 1843 im altmärkischen Colbitz Geborenen verdanken wir auch die Entwürfe für das 1904 eröffnete Herrenhaus an der Leipziger Straße, für Bauten der Charité, Schulen und Kirchen. Er starb hochgeehrt 1912 in Steglitz.

Für die Fassaden des Abgeordnetenhauses hatte er die Formen einer vergleichsweise kühlen „hellenischen Renaissance“ gewählt. Mit diesem Kompromiss aus dem Klassizismus der Schinkel-Schule und der an der italienischen Architektur des 16. Jahrhunderts orientierten Internationalen Neurenaissance wollten der Staat und die Abgeordneten zeigen, dass sie einerseits modern, andererseits aber auch preußisch-patriotisch empfanden.

Das Abgeordnetenhaus wurde damit genau wie das in ähnlicher Stillage gehaltene Herrenhaus eine architektonische Antwort auf die Forderung jener Hyper-Nationalisten, die schon um 1900 forderten, dass der Staat Preußen gefälligst im Deutschen Reich aufgehen solle.

Außen klassisch, innen barock

Innen dagegen zeigt sich der Preußische Landtag als ein Bau, der durchaus neubarocke Züge trägt. Die breiten Treppenanlagen und üppigen Foyers erinnern etwa an das prächtige heutige Bode-Museum, das 1904 eröffnet wurde. Gerade im Kontrast mit den vorsichtig eingefügten, meist nur aus Glas und Stahl bestehenden modernen Einbauten nach den Plänen des Berliner Büros Rave-Krüger-Stankvic wird die herausragende Qualität dieser Staatsarchitektur Preußens deutlich. Da der Plenarsaal schon in den 1930er-Jahren zerstört worden war, konnten die Architekten 1993 hier ganz neu gestalten: Statt der einstigen, dunkel-schweren Holzausstattung entstand ein luftig-lichter, heller Saal, ein Symbol für die moderne Demokratie.

Die große Tradition

Mit dem Einzug beanspruchte das Berliner Parlament 1993 gleich vier verfassungshistorische Traditionen: Erst einmal die des vom König bestimmten preußischen Herrenhauses und des gewählten preußischen Abgeordnetenhauses. 1919 trat an ihre Stelle der Preußische Landtag, der bis 1932 zu einer Festung der Demokratie in der schwankenden Weimarer Republik wurde. Aber 1933 entmachteten sich auch seine Abgeordneten selbst. Immerhin, selbst unter dem Druck der Nazis stimmte noch ein Drittel der Abgeordneten für die Rechte des Parlaments. 1935 löste Hitler den Landtag dann auch formal auf.

Sein Haus war längst in andere Hände übergegangen: 1934 tagte im Plenarsaal der erste nationalsozialistische „Volksgerichtshof“, gleichzeitig beanspruchte Hermann Göring als preußischer Ministerpräsident Räume für seine obskure „Preußen-Stiftung“. Nach 1935 wurde das einstige Parlamentsgebäude dann zum Fest- und Veranstaltungsgebäude von Görings Reichsluftfahrtministerium. Dafür wurde es einschneidend umgebaut, die Wandbespannungen im einstigen Plenarsaal schillerten stilistisch zwischen dem Art Deco der 1920er- und dem internationalen Neuklassizismus der 1930er-Jahre. Nichts davon ist erhalten.

Die dritte große Traditionslinie des Berliner Abgeordnetenhauses, ist die der in Folge der preußischen Kommunalreformen 1809 eingerichteten Stadtverordnetenversammlung. Sie regierte zu Zeiten der Monarchie durchaus machtvoll Berlin, hielt die Stadt für die Republik in den 1920ern, versagte allerdings ebenfalls vor der Herausforderung durch die Nazis und die Kommunisten. Nach 1946 kam sie wieder zu kurzer Blüte, ehe die SED diese Bürgervertretung bis 1989 auf Linie brachte. In West-Berlin hingegen führte das Abgeordnetenhaus mit dem Namen der preußischen Volksvertretung auch dessen demokratische Traditionen fort.

Allerdings muss eingestanden werden: 1990, als der Beschluss fiel, das Abgeordnetenhaus künftig im Preußischen Landtag unterzubringen, spielten diese Traditionen sicher auch nur eine Randrolle. Viel wichtiger waren pragmatische Fragen. Man wollte raus aus dem zu engen Schöneberger Rathaus, von dem aus West-Berlin regiert worden war, und man wollte ein Haus, das groß genug sein sollte für ein künftiges Landesparlament Berlin-Brandenburgs. Ob der Preußische Landtag irgendwann auch noch diese Rolle übernehmen muss, das steht allerdings völlig in den Sternen.