Irgendwann einmal musste es ja in die Ausstellung neuer Berliner Architektur gelangen, das neue, von Jan Kleihues entworfene Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes. Ein Koloss sowohl in der schieren Größe als auch der gigantischen Baukosten wegen. Ein Monstrum architektonischer Homogenität mit seinen tausenden gleichförmigen Fenstern. Es ist die perfekte Symbolisierung des Machtanspruchs der kalt das Leben ausforschenden Bürokratie. Angeblich soll es minimale Variationen in den Fassadenschnitten geben – weder in der Ausstellung „da! Architektur in und aus Berlin“ noch vor dem Original sind sie zu sehen.

Jedes Jahr einmal ruft die Architektenkammer die Berliner Architektenschaft zum Wettbewerb, läd ein, Projekte zur Beurteilung durch eine Jury einzusenden, die dann auswählt, was dann im Stilwerk zu sehen ist. Im gewissen Sinn ist diese Ausstellung schon zum Ritual geworden, ebenso die fast schon populistische Klage vor den vielen Stelltafeln, dass doch manches sehr gleich aussähe, die gestalterische und konstruktive Innovationskraft der hiesigen Architekten sich, so denn vorhanden, vor allem in auswärtigen Projekten austoben könne.

Hier aber würden vor allem weiße Kisten mit scharf rechteckig vorstechenden Balkonen und breit gelagerten Fenstern gebaut. Alternativ dazu die inzwischen zu Recht ihrer Einfalt wegen berüchtigten Berliner Bürohaus-Raster mit bis zum Boden reichenden, dicht an dicht gesetzten Fenstern. Tatsächlich, wer sich etwa die Wohnungsneubauprojekte ansieht, die die Berliner Wohnungsbaugesellschaften in Verabredung mit dem Senat errichten, hat schnell den Eindruck, dass die Platznormen und Isoliervorschriften eine ziemlich einheitliche Architektursprache hervorbringen. Die Wohnküche ist zum Normalfall geworden, die Bäder klug angeordnet, die Zimmer präzis geschnitten. Effizient sind diese Projekte, in der Stadt nicht störend, aber auch nicht aufregend.

Keine Spur vom Erneuerungspathos, der in den 1920ern das Berliner Bauen weltberühmt machte. Immerhin, hier wird endlich wieder an das Wohnen für die Massen gedacht. Und der „Bremer Punkt“ (Architekten: LIN Architekten), der als würfelförmiges Pilotprojekt mit unterschiedlichen Wohnungstypen für die Ergänzung von Massenwohnungsanlagen der Nachkriegszeit gedacht ist und aus Holz gebaut wurde, zeigt mit seinen scharfkantig eingeschnittenen Loggien: Es ginge auch mehr Gestaltungskraft im engen Korsett der Normen.

Raumtechnisch hocheffizient

Beim Haus „Wohnen am Kunstcampus“ (LeonWohlhage) sind zwar die Grundrisse hoch effizient, aber man fragt sich, was wohl in den spitzen Ecken der dekorativ rautenförmigen Balkone stehen wird – voraussichtlich Topfgrün. In der Eckertstraße (orange Architekten) wird das viel zu selten genutzte Mittel der Laubengangerschließung zu neuer Ehre geführt, die Grundrisse allerdings zeigen immer noch die neoliberale Unsitte, Nutzungseffizienz durch Raumverschwendung herzustellen.

„Shared Living“ (SEHW Architektur) dagegen ist raumtechnisch hocheffizient, was auch der Rendite des Bauherren dient: Digital bis hin zum Eingangsschloss aufgerüstet, sind hier einzelne Zimmer um eine zentrale Diele angeordnet. Obwohl nur zwei Duschbäder pro Etage (in den USA gäbe es einen Aufschrei bei solchen Hygienevorstellungen) scheint es ideal vor allem für sehr genügsame Wohngemeinschaften.

Wirklich Spaß aber machen Projekte wie das Haus Lindetal (AFF Architekten), das im Kern nur aus einer in Beton gegossenen Treppenalange besteht, um die das Holzgebäude gezimmert wurde. Oder die Brücke über die Volme (ARGE Derveraux / Rimpau / Bauer), eine Skultur in einem weiten Landschaftspark. Die Holzschachteln gleichenden, als Pavillons auf einem Holzpodest angelegten Nebenräume der mittelalterlichen Kirche von Alt-Tempelhof (Jan Rösler), die schuppenartige Fassade des Umspannwerks an der Sellerstraße (Heide & von Beckerath) – so etwas freut das Auge.

Und doch, das Vorurteil, das Berliner Architekten besonders gut sind, wenn sie nicht in Berlin bauen, auch das findet hier im Stilwerk seine Bestätigung. Die Berliner Filiale des Hamburger Architekturbüros GMP etwa sanierte den Kulturpalast Dresden – man muss bei diesem Wunder der Rückgewinnung nicht an den Palast der Republik denken. Was wäre doch in Berlin mit etwas mehr Mut möglich.

Nur wenige Projekte konkurrenzfähig

Wie etwa das Entre für die Hamburger Grundschule am Max-Eichholz-Ring, ganz Beton brutal (Kersten + Kopp), oder der geradezu altägyptisch wirkenden Ziegelklotz der neuen Universitätsbibliothek in Osnabrück (Herbst Kunkler Architekten) zeigen. Und wer einmal wissen will, wie die Umgebung ist, in der Journalisten, Redakteure und sonstigen Mitarbeiter der Berliner Zeitung und des Berliner Kurier seit ihrem Umzug in die Alte Jakobstraße 105 ihre Tageszeitung herstellen: Auch das Feratti-Gebäude ist in der Ausstellung zu sehen – ein Bürobau ohne Fensterschlitze übrigens.

Insgesamt aber muss konstatiert werden: Berlins Bauen, wie es sich in dieser Ausstellung zeigt, ist wenig aufregend. Und das in einer Stadt, die sonst so vor Kreativität birst. Selbst national, aber vor allem international konkurrenzfähig sind nur wenige Projekte, darunter fast alle Garten- und Landschaftsplanungen und viele kleine Häuser, die mit Mut und Kreativität entwickelt wurden. Sie zeigen, was Berlin leisten könnte, wenn Investoren und Senatsbaudirektion nicht immer wieder das Mittelmaß bevorzugten.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Aber die hiesigen Stadtgewaltigen – auch daran muss man immer wieder denken beim Gang durch diese Ausstellung – sind ja nicht einmal in der Lage, welterbeverdächtige Bauten wie die Neue Nationalgalerie auf dem Kulturforum oder die St. Hedwigskathedrale vor der Vandalisierung durch Neubau- oder Umbauprojekte zu schützen. Wie wollten sie da wirklich für den ökologischen Stadtumbau, für neue Wohnmodelle, neue Ideen vom Zusammenleben eintreten können, neue Formen der Kultur gar?

Doch man soll die Hoffnung nie aufgeben: Vielleicht besinnen sich die Bundestagsabgeordneten doch noch des Kulturforums wegen, vielleicht wird der angekündigte Wettbewerb für die Zentral- und Landesbibliothek ja den Durchbruch eines neuen Berliner Neuen Bauens bringen.

Ausstellung "da! Architektur in und aus Berlin": Stilwerk Berlin, Kantstraße 17, 10623 Berlin, 8 bis 20 Uhr, bis 6. April 2018, Einritt frei.