Der Amtsschimmel muss keine müde alte Mähre sein. 
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BerlinDer Mitarbeiter auf dem Amt heißt Herr K., und ich frage mich, ob es jetzt doch noch kompliziert wird. Alles, was den Antrag betrifft, fluppte bisher verdächtig. Anruf, Termin, Wartenummer. Zack. Jetzt sitze ich um fünf vor eins auf einem Plastikstuhl und schaue abwechselnd auf den Wartenummernbildschirm und ein Plakat.

 Zwei Erwachsene, die auf Smartphones starren, sind darauf und ein Kind, das mich anstarrt. Als könne ich etwas dafür. „Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Kind gesprochen?“, fragt das Plakat. „Vorhin“, erzähle ich dem stumm in meine Richtung starrenden Kind. Meins ist krank zu Hause. Aber nicht krank genug zum Stillsein. Es hat mich so lange ausgefragt, was ein Jugendamt ist und was ich da mache, dass ich mich jetzt fühle wie einer der durchlöcherten Molecule Men – nur in weiblich.

Schneller Singsang und unbändige Freude

Und ich habe geantwortet. Das alles erzähle ich dem Plakatkind, aber es guckt weiter vorwurfsvoll. „Haben Sie einen Termin?“, fragt eine Männerstimme.  Ich nicke und will erklären, dass meine Nummer noch nicht aufgerufen wurde, da sagt Herr K.: „Dann kommen Sie mal rein.“ Er wieselt hinter seinen Tisch, weist mir meinen Platz zu und dreht sich mit derart schwungvoller Freude in seinen Stuhl, als hätte er ihn heute erst geschenkt bekommen.

„WaskannichfürSietun?“ Der schnelle Singsang, in dem Herr K. spricht, wird auch im Folgenden alle Sätze in lange Wörter verwandeln. Den Antrag hat Herr K. mir quasi aus der Hand gezupft, bevor ich ihn aus der Tasche geholt habe. Wann immer ich eine Frage stellen will, unterbricht er mich mit „DasistalleskeinProblemdasmachenwirschon“ und strahlt wie sein Hemd.

Das Hemd ist so weiß, dass die gängigen Komposita „blütenweiß“ oder „schneeweiß“ schwächeln. Es ist weiß wie eine Skipiste in der Mittagssonne. Ich vergesse meine Kinderstube und gucke ständig auf seinen Kragen statt ihm beim Sprechen in die Augen zu sehen. Bei meinen Versuchen zu sprechen. Denn Herr K. ist und bleibt schneller als ich. Wäre er nicht so fröhlich, fände ich es unhöflich, dass er mich ständig unterbricht.

Ausnahmeamtsschimmel

Aber wenn einen einer immer so anleuchtet, als fände er nichts wundervoller, als jetzt gerade in diesem Moment drehstuhlwirbelnd Papiere zu bearbeiten, kann man ihm ja nichts verübeln. Außerdem wischt sein Blick so schnell zwischen Bildschirm, den Blättern auf dem Tisch, die sich wie durch Zauberhand vermehrt haben und mir hin und her, dass Augenblicke wirklich nur augenblicksweise möglich wären.

„DiekönnenSieeinfachnachsendenalleskeinProblem“ singsangt er, „perMailalsFaxodermitderPostwieSiewollen“. Und sagt noch, dass ich mir Zeit lassen könne. Er habe genug zu tun. Dabei zeigt er strahlend auf einen Stapel Papier. 2020 muss ich noch mal hin zur weiteren Bearbeitung des Antrags. Ich wünsche allen einen gemütlichen Übergang ins neue Jahr. Herr K. ist bestimmt schon dort. Hinübergeritten auf einem hemdweißen superschnellen Ausnahmeamtsschimmel.