Die Frau hat vorher überlegt, was sie sagen will, falls sie nach dem Weg fragen muss. Falls sie im Schöneberger Rathaus den Raum nicht findet. Falls sie in die Verlegenheit kommt, einem Pförtner zu erzählen, dass sie mit Sex Geld verdient. „Wo muss ich hin, um eine Tätigkeit im Rotlichtmilieu anzumelden?“, wollte sie fragen, nicht: „Wo kann ich mich als Prostituierte registrieren?“ Eine Kleinigkeit, die über ein großes Stück Würde entscheidet, findet die Frau.

Es ist kein leichter Gang, zu dem sie sich an diesem Vormittag aufgemacht hat. Das neue Prostituiertenschutzgesetz verpflichtet sie, ihren Job den Behörden zu melden. Am 1. Januar lief eine Übergangsfrist aus, seitdem riskiert sie eine Strafe, wenn sie bei der Arbeit keinen Nachweis darüber bei sich trägt. In der Praxis kontrollieren Polizei und Ordnungsämter das aber noch nicht, ergab kürzlich eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Jürn Jakob Schultze-Berndt. Denn Berlin hinkt bei der Umsetzung des Bundesgesetzes hinterher, auch die Anmeldung ist bisher nur provisorisch möglich.

Manchmal greifen Vorurteile

Die neue, zentrale Anmeldestelle im Schöneberger Rathaus ist die erste Struktur, die einen bisher chaotischen Prozess standardisiert. In der Amtsstube gilt es ab sofort, die Versäumnisse der Landesregierung auszubügeln. Prostituierte aus allen Bezirken erhalten hier, in Raum 122 im Erdgeschoss, seit knapp zwei Wochen die Unterlagen und eine Beratung. Die soll dabei helfen, Zwang und Ausbeutung aufzudecken. Dafür braucht es das Vertrauen der Branche. Und darüber entscheiden oft Kleinigkeiten.

So wie das Schild mit den Worten „Anmeldung ProstSchG“. Es weist mit dem für Laien unverständlichen Gesetzeskürzel im Eingang des Gebäudes den Weg zu Raum 122. Damit eben niemand fragen muss.

Vor dem Zimmer sitzt die Frau nun auf einem Stuhl und wartet auf Einlass. Ockerfarbene Wände, ein langer Gang, Linoleumfußboden. „Ich habe erst letzte Woche von meinem Chef erfahren, dass ich mich anmelden muss“, sagt die Frau. Ihr Deutsch ist gut, der russische Akzent unverkennbar. Sie ist vielleicht Ende dreißig, eine zierliche Person mit Jeans, Fellmantel, dickem Schal und Baskenmütze.

Sie arbeitet eigentlich in der Pflege, erzählt sie, „nur unregelmäßig in dem Club, deswegen hatte ich von dem Gesetz bisher nichts gehört.“ Als Prostituierte würde sie sich eigentlich nicht bezeichnen, „eher ein Gelegenheitsjob“. Doch nun drängt das Gesetz sie per Definition in das Stigma.

„Formlose Bescheinigung über den Versuch einer Anmeldung“

Die Tür öffnet sich. „Sie möchten zur Beratung?“, fragt eine Beamtin.

Als die Frau eine Viertelstunde später wieder auf den Gang tritt, hat sie einen Din-A5-Zettel in der Hand, auf dem steht „Formlose Bescheinigung über den Versuch einer Anmeldung“. Dazu Name, Geburtsdatum, Geburtsort und Staatsangehörigkeit. „Kein Wort von Prostitution“, sagt die Frau zufrieden. Dass Kolleginnen mit Familien das Papier dennoch als eine Gefahr empfinden, kann sie verstehen. „Die haben Angst, dass jemand den Zettel sieht und sie zwangsoutet. Auch ich würde ihn nicht gerade mitnehmen in meine Heimat, wo niemand davon weiß.“ Sie schmunzelt zum ersten Mal, wirkt jetzt erleichtert. „Die waren nett.“

„Die“ – das sind Jan Grunow und Eva Liebsch, die ersten Mitarbeiter, die sich in Raum 122 um die Frauen und Männer kümmern. Irgendwann sollen einmal neun Personen die Arbeit machen, die Stellenausschreibungen laufen. Auch Dolmetscher sollen das Team verstärken. Grunow, ein 41-Jähriger mit offenem Lachen, vormals Teamleiter in einer Logistikfirma, und Liebsch, eine 29-Jährige, die vom Bürgeramt ausgeliehen ist, sitzen an Schreibtischen. Sie haben eine Palme in den Raum gestellt und ein paar Orchideen, doch die schweren Holzmöbel verhindern echte Gemütlichkeit in dem Amtszimmer.

Sich plötzlich nicht mehr mit Meldebescheinigungen und Ausweisanträgen zu beschäftigen, sondern zum Beispiel mit der Definition einer sexuellen Handlung, mit Frauen, die unsicher sind, ob etwa Tabledance unter Prostitution fällt und ihre Tätigkeit ziemlich explizit schildern – das ist für die Mitarbeiter neu. „Manchmal erwischt man sich bei Vorurteilen“, sagt Grunow. „Als etwa eine junge und eine alte Frau zusammen zur Anmeldung kamen, dachte ich sofort, die Junge will sich registrieren lassen – dabei war es die Alte.“

In einem Holzschrank liegen 17 Ordner. Sie stammen aus den anderen Berliner Bezirken und enthalten die Formulare von Prostituierten, die sich dort gemeldet haben, bevor Tempelhof-Schöneberg zentral zuständig wurde. Insgesamt sind es aktuell 1 680 Zettel, haben die Mitarbeiter gezählt. „Zu uns kamen in den vergangenen zwei Wochen etwa 80 Prostituierte, darunter nur eine Handvoll Männer“, sagt Jan Grunow. „Etwa 70 Prozent von ihnen stammten aus Rumänien und Bulgarien, es folgten Thailand und Deutschland.“

Befürchtungen, das Gesetz kriminalisiere Prostitution

Schätzungen gehen von 8 000 Prostituierten in Berlin aus, die meisten von ihnen haben sich also offenbar noch nicht gemeldet. Das ist Futter für Kritiker, die monieren, das Gesetz kriminalisiere Prostitution und dränge Sexarbeiter in die Unsichtbarkeit. In Freierwohnungen oder Parkhäuser, wo ihr Job gefährlicher ist und sie für Hilfe schwerer erreichbar sind.

Eine andere Sorge gilt den Daten derjenigen, die sich anmelden. „Alle fragen danach“, sagt Eva Liebsch. Der Anmeldebogen umfasst etwa Passnummer und Adresse. „Bei Personen ohne Meldeanschrift – das sind nicht wenige – reicht eine Postadresse“, erklärt die Beamtin. Von Briefen nach Hause soll aber eigentlich abgesehen werden, zu leicht könnten sie in falsche Hände geraten. Nur das Finanzamt erfährt von der Anmeldung. „Sind die Prostituierten da noch nicht registriert, erklären wir, dass Steuern, Rente und Arbeitslosenversicherung sie absichern und helfen, ihren Job in die Mitte der Gesellschaft zu rücken“, sagt Liebsch.

Das hofft auch ihre Vorgesetzte Angelika Schöttler, die SPD-Bürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg. „Das Gesetz führt hoffentlich dazu, dass mehr über Prostitution gesprochen wird und das Thema aus der Tabuecke kommt“, sagt sie. Dass die Anmeldung, die Beratung über Rechte und Pflichten, allein geeignet ist, Zwangsprostitution zu identifizieren, glaubt sie kaum. „Aber es entsteht ein Gespräch, das die Prostituierten nicht aktiv herbeiführen müssen. Sie erregen keinen Verdacht, weil ja jede zum Amt muss. Und wer sich offenbaren will, kann das hier.“ Einmal, sagen die Mitarbeiter, hatten sie ein mulmiges Gefühl, als ein bulliger Mann eine schüchterne Polin zur Anmeldung brachte. Er musste draußen warten.

Hier vor dem Amtszimmer verabschiedet sich die Frau. „Im Herbst komme ich wieder“, sagt sie. Denn – und das zeigt das Chaos bei der Umsetzung des Prostituiertenschutzgesetzes besonders deutlich – ihre vorläufige Anmeldung gilt nur bis Oktober. Der Spießrutenlauf zur Behörde, sie muss ihn zweimal antreten.