Roberto Manteufel ist Betreiber der Bar Marietta in Prenzlauer Berg. Er hat zusammen mit zehn Kollegen gegen die Sperrstunde geklagt und gewonnen. Nun wünscht er sich, dass der Senat auf die Wirte zukommt und sie im Kampf gegen die Pandemie nicht als Gegner ansieht.

Foto:  Davids/Sven Darmer

BerlinEs war nach einer Woche die erste Nacht ohne Sperrstunde, die Roberto Manteufel in seiner Bar Marietta in Prenzlauer Berg erlebt hat. Der 38-jährige ist einer der elf  Wirte, die gegen die Sperrstunde des Senats geklagt und am Freitag vor dem Verwaltungsgericht gewonnen haben. Im Interview wünscht sich Manteufel, dass der Senat nun auf alle Wirte in Berlin zukommt. Außerdem hofft er, dass die Behörden in Zukunft die Gastronomie beim Kampf gegen die Pandemie als Partner und nicht als Gegner ansehen.

Herr Manteufel, wie war denn die erste Nacht ohne Sperrstunde?

Gesittet, das kann man auf jeden Fall sagen. Kurz vor 23 Uhr sind die letzten alkoholischen Getränke über den Tresen gegangen. Danach waren die Leute froh, noch sitzen bleiben zu können. Und dann klang der Abend langsam aus.

Es kamen nach 23 Uhr keine Gäste mehr?

Doch ein paar Leute schauten noch vorbei. Ihnen haben wir auch gesagt, dass es bei uns keinen Alkohol mehr gibt.

Wie war die Reaktion?

Es scheint nicht bei allen angekommen zu sein, dass man nach 23 Uhr keinen Alkohol mehr ausschenken darf. Es gab Gäste, die haben richtig diskutiert und bitte, bitte gemacht. Unsere Antwort war:„Nein, auf gar keinen Fall.“ Aber die meisten Leute, die hereinkamen, sagten: „Super, ihr habt wirklich noch auf.“ Sie waren sehr froh, dass sie nach 23 Uhr noch drinnen sitzen konnten - und sei es bei einem Heißgetränk oder einer Limonade.

Wie viele Gäste saßen nach 23 Uhr noch in Ihrer Bar?

Ich schätze mal, es waren so an die 20 Leute.

Das Ordnungsamt kam nicht vorbei?

Um ehrlich zu sein, hatten wir damit gerechnet. Aber offenbar waren sie informiert, dass wir nicht um 23 Uhr schließen müssen. Einmal lief eine doch recht große Kolonne von Mitarbeitern des Ordnungsamtes an der Bar vorbei. Sie haben auch hereingeschaut, sind dann aber vorbei und in eine andere Bar gegangen. Das war gegen 22.40 Uhr.

Das Ordnungsamt hätte doch nach 23 Uhr vorbeischauen und kontrollieren können, ob Sie auch wirklich das Alkoholverkaufsverbot einhalten, das immer noch gilt.

So einen Besuch hatten wir erwartet. Sie hätten ruhig kommen können. Wir haben gar nicht vor, gegen die Regeln zu verstoßen. Es gab ja am Freitagabend von Senatsseite noch die Ermahnung an die elf Wirte, für die die Sperrstunde nicht mehr galt, unbedingt auf das Alkoholverkaufsverbot zu achten. Das war völlig unnötig. Ich kann selber lesen. Ich weiß, dass es dieses Alkoholverkaufsverbot gibt. Schließlich habe ich vor der Entscheidung des Verwaltungsgerichts auch die Sperrstunde eingehalten. Jetzt darf ich nach 23 Uhr öffnen, aber ich halte mich an geltende Regeln. Ich bin ja nicht völlig verrückt.

Wann haben Sie Ihre Bar Marietta geschlossen?

Ich habe noch mit meinen Mitarbeitern zusammengesessen und den Freitag, der mit vielen Journalistenanfragen verbunden war, Revue passieren lassen. Richtig Feierabend, auch mit Aufräumen, war um 3 Uhr. Da waren wir aber auch schon zwei Stunden alleine.

Gab es eigentlich Reaktionen von Ihren Kollegen auf das Urteil?

Da habe ich am Freitag nicht so viel mitbekommen. Ein benachbarter Wirt, der schon zugemacht hatte, verstand nicht, warum wir noch aufhaben durften. Er hatte die Entscheidung des Verwaltungsgerichts nicht mitbekommen. Ihm mussten wir erst einmal erklären, dass wir das jetzt dürfen.

Wir geht es jetzt weiter?

Mein großer Wunsch, der wahrscheinlich nicht realistisch ist, wäre, dass der Senat nicht noch weitere Klagen auf sich zukommen lässt, sondern sieht: Diese Sperrstunde ist nicht unbedingt das sinnvolle Mittel zur Eindämmung der Pandemie. Die Frage ist, ob sich der Senat überlegen kann, das Alkoholverbot auf Mitternacht oder gar ein Uhr zu verschieben und somit den Wirten noch ein bisschen Geschäftszeit gibt. Das würde für mehr Wohlwollen in der Gastronomiebranche sorgen. Und damit könnten viele Wirte - zusammen mit den Überbrückungshilfen - so einigermaßen überleben.

Das heißt, die Maßnahmen sollten wieder heruntergefahren werden?

Ich wünsche mir Maßnahmen, die mit Augenmaß verhängt werden. Wir haben eine Pandemie. Das stellt keiner der Wirte, die jetzt geklagt haben, in Abrede. Der Senat sollte uns nicht immer als Gegner ansehen, sondern als verantwortungsvolle Mitspieler im Kampf gegen die Pandemie.

Sie überlegen, auch gegen das Alkoholverkaufsverbot ab 23 Uhr gerichtlich vorzugehen.

Natürlich prüfen wir das. Mein Wunsch wäre aber, dass wir das gar nicht müssen, weil der Senat selbst ein paar Schritte auf uns zukommt. Ein etwas späteres Alkoholausschankverbot gäbe einfach ein bisschen mehr Geschäft. Ich bezweifle, dass es um Mitternacht in einer Bar zu den befürchteten hysterischen Exzessen kommt.

Sie glauben, dass die Wirte dafür die Verantwortung übernehmen könnten?

Ja, ein Großteil schon. Und diejenigen, die es nicht können, müssen einfach hart bestraft werden.