Noch wuchern Büsche auf dem Gleis in der Nähe des S-Bahnhof Zehlendorf. Doch die 1945 stillgelegte Strecke der Stammbahn zwischen Berlin-Zehlendorf und Potsdam-Griebnitzsee soll als günstige Anbindung des Umlandes für Pendler wieder aktiviert werden.
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BerlinEs lässt sich nicht ändern: Berlin liegt in Brandenburg, mittendrin. Um die Stadt herum lagert das „Umland“. Etwa ein Viertel der Bevölkerung der Großstadtregion lebt in Umlandkommunen. Die drei Viertel innerhalb der Stadtgrenzen müssen auf Gedeih und Verderb mit dem Drumherum klarkommen. Richtig glücklich ist niemand mit der Qualität der Beziehungen zwischen Berlin und Brandenburg, auch wenn vieles in den vergangenen Jahren vorankam.

Als vor 100 Jahren die Einheitsgemeinde Groß-Berlin geschaffen wurde, war die Konstellation recht ähnlich: Kern-Berlin hatte sich mit prosperierenden Umlandgemeinden wie Schöneberg, Charlottenburg oder Spandau (einer Art Speckgürtel) und mit schwächeren Landkreisen wie Teltow und Niederbarnim einigen müssen. Die gaben Eigenständigkeit ab, damit Berlin über kommunale Grenzen hinweg Gleise und Rohre legen und zur Weltstadt wachsen konnte.

„Es schütze uns des Kaisers Hand vor Groß-Berlin und Zweckverband“, soll damals der Spandauer Stadtrat Emil Müller geseufzt haben – was wohl vielen von der Metropole bedrängten Brandenburgern aus dem Herzen sprach. Tatsächlich half der preußische Staat, die Vereinigung über Jahrzehnte zu verschleppen. Als sie schließlich 1920 im nachrevolutionären Chaos gelang, kamen 1,9 Millionen Brandenburger an Berlin, 44 Prozent der märkischen Bevölkerung. Die Eingemeindeten ließen sich mit starken Mitspracherechten ausstatten. Frisch gegründete Bezirke traten fortan als zweite Ebene der neuen Stadtverwaltung neben die Zentrale; Bezirksversammlungen, Bezirksbürgermeister traten neben Stadtverordnetenversammlung und Oberbürgermeister.

Der Siedlungsstern als Leitbild für Berlin und Brandenburg: der Landesentwicklungsplan Hauptstadtregion (LEP HR, 2019), das Landesentwicklungsprogramm (LEPro; 2007) sowie der Landesentwicklungsplan Hauptstadtregion (LEP HR, 2019).
Abbildung: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen/Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Der Kompromiss von 1920 gilt heute als Geburtsfehler. Der britische Economist beantwortete die Frage „Warum ist Berlin so dysfunktional?“ mit der unklaren Verteilung der Zuständigkeiten und Befugnisse zwischen Stadt und Bezirken, am daraus folgenden Hin- und Herschieben von Verantwortung, sodass am Ende niemand für die Folgen geradesteht und es überall knirscht. Seit Jahren ist eine Verwaltungsreform versprochen, die Sand aus dem Getriebe fegt. Die Bürger warten.

Die Konkurrenz zwischen Stadt und Umland hat sich also vor 100 Jahren nach Groß-Berlin hineinverlagert. Aber die Barrieren nach außen sind nicht gefallen, sondern haben sich an den neuen Stadtrand verschoben. Seit 1990 läuft die Suche nach neuen Formen der Kooperation zwischen den politisch und wirtschaftlich ungleichen Nachbarn.

Der Versuch einer Fusion scheiterte 1996 krachend – die Berliner hätten gewollt, die Brandenburger Wähler wollten nicht. Die Gründe lagen ähnlich wie im Kaiserreich: Misstrauen, Konkurrenz, Angst vor Statusverlust plus Arroganz der Großstädter, die glauben, das Umland müsse ihnen selbstverständlich zu Gebote stehen. Auch die politische Grundstimmung ähnelt der von anno dunnemals: Die Großstadt gibt sich liberal-weltoffen-irgendwielinks, das Umland konservativer. Zugleich schätzen die Brandenburger Berlins kulturelle Angebote, die Restaurantvielfalt, die guten Kliniken für den Ernstfall, die Arbeitsplätze, den aufnahmefähigen Markt.

Wenn also die alten Probleme bis in die heutige Zeit reichen, ist es von höchsten Interesse zu erkunden, wie die Großgemeinde entstand. Da kommt der Band „Planungskultur und Stadtentwicklung“ aus einer Publikationsreihe des Lukas Verlages anlässlich des 100. Jahrestages Groß-Berlins gerade recht. Zehn Autoren und drei Autorinnen aus Wissenschaft, Politik und Praxis tragen zu diesem kompakten Werk bei. Wer sich ins Bild setzen möchte, wird bestens bedient.

Eine schöne Portion Historie liefert Markus Tubbesing, Professor für Denkmalpflege in Potsdam. Er erinnert an die frühen Stadtplaner Peter Joseph Lenné und James Hobrecht, dessen „Plan von Berlin und Umgebung bis Charlottenburg“, der 1861 (Berlin zählte 550.000 Einwohner) den Rahmen für 50 Jahre Wachstum steckte und mit 1,5 Millionen Menschen rechnete. Schließlich setzte der „Wettbewerb Groß-Berlin“ 1910 Maßstäbe für die Planungskultur in der modernen Disziplin Städtebau.

Doch bei allem Geistesaufwand: Die Grundstruktur der Stadt formte jene Kraft, die für die Epoche der Hochindustrialisierung steht wie keine andere – die Eisenbahn. Rund um Kern-Berlin waren zwischen 1838 und 1866 mehrere Kopfbahnhöfe entstanden, jeweils benannt nach einem Ziel der Linie: Stettiner, Schlesischer, Görlitzer, Anhalter, Potsdamer, Hamburger und Lehrter Bahnhof. Von dort aus reckten sich die Strahlen der Gleise in alle Himmelsrichtungen und bald wuchsen entlang der Linien Siedlungen.

Nach der Bildung von Groß-Berlin begannen die Stadtplaner in der Weimarer Republik, einen Wirtschaftsplan für Berlin-Brandenburg-Mitte zu erarbeiten. 1935 lag er schließlich vor, und es war – siehe da – ein Stern mit urbanen Strahlen, dazwischen grüne Keile. Dazu ein Autobahn- und Eisenbahnring. Die Suche nach Ausgleich zwischen zentral und dezentral hatte lange gedauert. Zu lange.

1936 warf ein Führerbefehl alles über den Haufen. Wer an die Lösung jeglicher Konflikte durch Zentralismus glaubt, der findet hier ein vom Stadtplaner Harald Bodenschatz klar dargestelltes Beispiel: Das Problem der Berliner Doppelstruktur löste der nationalsozialistische Staat 1933, in dem er Stadtverordnetenversammlung wie Bezirksversammlungen abschaffte und das „Führerprinzip“ durchsetzte. Die neue Berliner Verfassung von 1936 nahm für sich in Anspruch, überkommene „Probleme einer endgültigen Lösung“ zuzuführen sowie die Verwaltung Berlins „von ungeeigneten Elementen zu säubern“. Albert Speer ging als Generalbauinspektor die bauliche Umsetzung an, ohne Rücksicht auf Eigentumsverhältnisse, Stadtgrenzen, demokratische Bedenken. Schließlich bestimmten die Kriegsvorbereitungen den weiteren Verlauf und erledigten auch den Plan von der Welthauptstadt Germania.

Mit der Teilung Deutschlands und Berlins als Kriegsfolge erübrigten sich alle Ideen zur Kooperation Groß-Berlin/Brandenburg für Jahrzehnte. Nach der Wiedervereinigung wählte Brandenburg eigene Wege. Die Gesamtberliner Regierung pflegte das Gönnerhafte, man sprach von der gen Brandenburg „ausgestreckten Hand“. Das Konzept des „beide Länder verzahnenden Siedlungssterns mit Grünkeilen“ ruhte in den Schubladen. Was da Grünkeile heißt, sollen Regionalparks werden, Zonen für Erholung, Freizeit, frische Luft.

Doch er ist wieder aufgegangen, der Siedlungsstern. Nach mühsamer Annäherung gelang im Sommer 2019 der Landesentwicklungsplan Hauptstadtregion – LEP HR heißt das Papier. Es erreicht weder Herz noch Hirn der HRler, also der Hauptstadtregion-Bewohner. Wie es um die politisch gern beteuerte Gemeinsamkeit bestellt ist, erhellt der Text von Ephraim Gothe (SPD), derzeit Baustadtrat von Mitte – einer, der gern über den Tellerrand schaut und erklärter Freund des Siedlungssterns.

Schließlich bietet der Band noch ein Interview, in dem der frühere Kultursenator Thomas Flierl (Linke) zwei Hauptakteurinnen, Katrin Lompscher, linke Stadtentwicklungssenatorin, und die Sozialdemokratin Kathrin Schneider, Brandenburgs Landesentwicklungsministerin, ein Bekenntnis zum Siedlungsstern entlockt. Letztere zeigt sich ideenreich, möchte ein Wachstum entlang der Achsen, damit sich kein weiterer Gürtel um die Hauptstadt legt. Sie sieht ein Potenzial von 500.000 Wohnungen, drängt auf den „Sprung in die zweite Reihe“ brandenburgischer Städte wie Luckenwalde, Eberswalde, Fürstenwalde und schimpft auf den Bund, der die Bahn nach Stettin, mit 450.000 Einwohnern die nach Berlin „nächstgroße Stadt“ der ganzen Region, nur eingleisig ausbauen wolle. Das ist inzwischen korrigiert. Und Frau Lompscher? Sie sagt, Berlin wolle seine Wohnungsprobleme nicht in Brandenburg lösen und dass es in der Hauptstadt schwierig mit den Grünkeilen sei. Das Gespräch steht am Anfang des Buches. Man kann es aber auch gut zum Schluss lesen – als Bilanz und Ausblick nach mehr als 150 Jahren.

Wer das Jubiläum 100 Jahre Groß-Berlin zum Anlass nehmen will, Berlin & Drumherum als geteiltes Ganzes besser zu verstehen, der wird die Lektüre des Buches mit seinen vielen Karten und Plänen als Gewinn und Vergnügen empfinden.

Das Buch

100 Jahre Groß-Berlin Planungskultur und Stadtentwicklung. Herausgegeben von Harald Bodenschatz und Harald Kegler, Lukas-Verlag 2020, 220 Seiten, 25 Euro