Auf der Pappelallee läuft ein unerhört gut gekleideter älterer Herr mit Schiebermütze neben einem Kind her. Es sitzt auf einem postgelben Laufrad und guckt vergnügt. Kein Wunder, denn der Mann, vielleicht ist es sein Großvater, singt, laut und mit einem herrlichen Bariton. Melodie und Text sind vertraut: „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael / Niemand wird nun wissen, wie es einmal war-ha-har.“ Doch halt, lautet die zweite Zeile nicht anders? Ja: „Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön’s hier war ... Doch die Version des musikalischen Spaziergängers klingt auch gut.

Ich grinse in seine Richtung und er lächelt zurück, ohne seine Darbietung zu unterbrechen. Das Lied weitersummend laufe ich weiter – „Du hast den Farbfilm vergessen / bei meiner Seel ...“ – und bin froh, dass der traurige Ohrwurm vom Vortag einem anderen Platz gemacht hat. Da saß ich in einem Café und genau in dem Moment, als mir eine Freundin vom Tod eines ihr nahestehenden Menschen schrieb, begann leise das Lied „Seasons in the sun“. Das Leben ist ein begnadeter Soundtrack-Schreiber, dachte ich und ließ die Tränen einfach laufen. Abends suchte ich die Platte heraus, eine Single in einer zerknitterten Hülle, und legte sie auf den Plattenteller. Das Cover, das leise Knistern – ein Zeitsprung, wie man ihn nur mit Musik erlebt.

Natürlich ist das mit dem vergessenen Farbfilm auch ein bisschen traurig. Doch gibt es nicht viele Arten, das Geschehen, ob schön oder von anderer Natur, vor dem Vergessen zu bewahren? Zum Beispiel indem man die alten Lieder immer wieder singt. Am besten laut. Alle, die keine Kopfhörer tragen, können sie dann hören. Und trällernd weitergeben.

Wie viel Musik in der Stadt ist. Selbst an diesen kalten Tagen, da die Straßenmusiker nur vereinzelt ihre Instrumente auspacken. Sie ist einfach da, lässt sich nicht vertreiben von den Februarwinden und klingt oft, siehe „Seasons in the sun“, wie ein Kommentar, eine akustische zweite Ebene dessen, was passiert. Man verpasst sie, verkabelt oder verknopft im eigenen Sound isoliert. Viel mehr als ein paar Töne und Worte gehen dabei verloren. Zum Beispiel die Schönheit jenes Nachmittags auf der Pappelallee, als ein gut gekleideter Herr mit Schiebermütze sang, neben ihm ein Kind auf einem gelben Laufrad. Ich werde die beiden nicht vergessen, und auch nicht ihre Farben. „Alles blau und weiß und grün (und gelb) und später nicht mehr wahr ...“ Oh doch.