Hadert und hofft dennoch: der Berliner Modedesigner Michael Michalsky. 
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinDas Coronavirus hat auch Modemacher Michael Michalsky fest im Griff. Schon im Januar hat er dafür gesorgt, dass in seinem Büro, seinem „Office“, an der Köpenicker Straße alles desinfiziert worden. Nach exakt 84 Tagen im Homeoffice ist Michalsky inzwischen wieder an seinem angestammten Arbeitsplatz. Für das Telefoninterview hat sich der 53-Jährige eine knappe Stunde Zeit genommen. Herausgekommen ist ein Gespräch über Zustand und Zukunft der Modestadt Berlin.

Herr Michalsky, das Virus hat das Leben in der Stadt lange Zeit extrem geprägt. Wie sieht es aktuell bei Ihnen aus?

Ich spüre die Auswirkungen immer noch stark. Im Office sind wir im Moment zehn Leute. Normalerweise hätten es zu diesem Zeitpunkt rund 100 sein sollen, die alle an meiner neuen Show für „Atelier Michalsky“ arbeiten. Anfang Juli hätte die Fashion Week stattgefunden. Schade, dass es dazu nicht kommt. Durch die frühzeitige Absage konnten wir uns aber darauf einstellen. So hält sich der Schaden in Grenzen.

Lassen Sie uns über die Fashion Week reden. Vorige Woche wurde bekannt, dass die Modemesse Premium die Stadt verlässt und nach Frankfurt am Main geht. Die Premium war immer zentraler Bestandteil der Fashion Week. Wird die Modewoche nächstes Jahr noch in Berlin stattfinden?

Das kann ich wirklich nicht sagen, aber ich hoffe es sehr. Eine Messe ist nicht nur wichtig für das Verkaufen, sondern sie ist auch ein Treffpunkt für die Branche. Aber nur weil die Leitmesse geht, bedeutet das nicht automatisch, dass die gesamte Fashion Week abgesagt wird. Aber die Fashion Week wird sich verändern müssen. So wie sich die gesamte Branche verändern muss.

Wieso muss die Branche sich verändern?

Ich sage immer: „Change is good.“ Gut ist zum Beispiel, dass sich unser Konsumverhalten langsam ändert. Themen wie Nachhaltigkeit werden immer wichtiger. Außerdem werden sich die Modeanbieter entschleunigen. Es wird weniger Saisons geben, weil sie jetzt schon auf einem Berg Klamotten sitzen, den sie nicht verkaufen können. Das war vorher anders. Zum Beispiel als ich am 1. September 1992 Design-Manager bei Levi’s wurde: Damals hat man sich auf die nächste Kollektion noch gefreut. Die Mode wurde ganz anders wahrgenommen, ihr wurde Respekt gezollt. Das ist irgendwann auf der Strecke geblieben.

Und wo geht es jetzt hin?

Es könnte zum Beispiel sein, dass wir in Zukunft mehr mit Avataren arbeiten. Ich lasse seit einiger Zeit meine Models nach der Show einscannen und drucke sie dann als 3D-Figuren aus. So etwas gibt es auch schon für die Kunden. Sie können in ein Studio gehen – in Berlin zum Beispiel bei Doob am Potsdamer Platz – und werden gescannt. Daraus wird ein Avatar gebaut. Für die Schweizer Sportmarke Jet Set habe ich schon im Januar eine reine Avatar-Modenschau gemacht. Das ist die Zukunft.

Was ist Ihr persönlicher Beitrag zum Wandel? Was haben Sie getan?

Ich habe den radikalen Schritt weg von der Fast Fashion längst vollzogen, als ich mich dazu entschied, nur noch Couture zu machen. Dafür wurde das Label „Atelier Michalsky“ gegründet. Die erste Show vor genau fünf Jahren im Ritz-Carlton hieß „Die Mode ist tot“. Natürlich die alte Idee von Mode. Ich war genervt von dem Konsumverhalten, dem Immer-mehr und Immer-billiger.

Was glauben Sie, wo kommt das her?

In Deutschland ist Mode leider kein Kulturgut. Es gibt nicht die Überzeugung, dass Mode ein wichtiger Teil des Lebens sei. Das ist ganz anders als in Italien, Frankreich oder auch England. Dort sagen die Leute: Wir sind stolz auf unsere Modedesigner. Bei uns sagt das niemand. Ich erinnere mich an die Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich. Ich war beim Halbfinale im Stade de France. Da wurde eine Modenschau von Yves Saint Laurent gezeigt. Es war großartig. Das wäre hier völlig undenkbar.

Und was meinen Sie mit Nachhaltigkeit?

Ich meine damit, dass sich die Menschen des Produktes Mode wieder bewusst werden. Und es wertschätzen. Das gilt gleichermaßen für Design und Herstellung. Bewusster einkaufen. Lieblingsteile finden, die ich dann lange trage. Nicht dem sogenannten „Trend des Monats“ hinterherrennen. Einen sicheren, individuellen Stil entwickeln und passend dazu Mode einkaufen.

Also kein Primark mehr? Werden die Sweatshops in Asien, wo Menschen unter teils schlimmen Bedingungen unsere Kleidung produzieren, arbeitslos?

Wir haben es selbst in der Hand. Wir können durch unser Konsumverhalten das Leben und die Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Bangladesch verbessern. Ich kann für mich selbst entscheiden, wie viele T-Shirts oder Hosen ich kaufe. Ich kann zum Beispiel weniger kaufen, was dann länger hält – auch wenn das natürlich mehr kostet.

Sehen Sie uns auf dem Weg dorthin?

Ich glaube, das ist so ähnlich wie bei Bioläden. Vor 20 Jahren gab es in irgendwelchen Kellergewölben schrumpelige Äpfel, verkauft von Leuten, die oft aussahen wie abgebrochene Lehramtsstudenten. Heute gibt es in jedem Supermarkt eine Bio-Abteilung. So ähnlich kann man es sich auch für die Mode vorstellen. Aber wie gesagt: Das Modesystem muss sich grundlegend ändern.

Das gilt ja dann wohl auch für Berlin und die Fashion Week. Soll man der Branche beim Wandel einfach zusehen, oder muss die Stadt eingreifen?

Der Weggang der Premium hätte nie passieren dürfen. Es ist und bleibt eine Schande. Die Politik und die Stadt haben sich nicht genug bemüht. Natürlich gehen die Firmen dorthin, wo sie die besseren Bedingungen finden, wo gute Angebote gemacht werden. Das ist nachvollziehbar. Aber es geht ja noch viel weiter.

Was meinen Sie?

Im Modebereich geht die Leitmesse weg. Aber es geht um die gesamte Kreativbranche. Dieses Jahr sind schon etliche Galerien und Kunsthändler gegangen: Julia Stoschek zum Beispiel oder die Flick Collection. Gleichzeitig weiß niemand, ob und wie die Konzertveranstalter oder die Clubs durch die Corona-Krise kommen. Fashion, Musik, Film, Kunst, Architektur, Clubs – von außen betrachtet mag das alles trivial klingen, aber das stimmt nicht. Alles zusammen, die kreativen Branchen, machen Berlin doch attraktiv. Auch deswegen zieht zum Beispiel Tesla direkt vor die Tore der Stadt. Man hat den Eindruck, die verantwortlichen Politiker wissen nicht, was diese Stadt ausmacht. Diese Einzigartigkeit und Vielfalt. Berlin ist nicht die Stadt der Großkonzerne, Berlin ist Kultur, Kunst, Musik und eben auch Mode. Da sollte um jeden Galeristen und um jede Modemesse gekämpft werden.

Aber was soll die Politik tun? Liegt es am Geld? Müsste mehr gefördert werden?

Es geht um Wertschätzung, aber auch ganz banal um viele Arbeitsplätze. Mein Eindruck ist, der Stadtpolitik fehlt ein Plan. Man will kein Nightlife und legt Initiativen wie dem Holzmarkt nur Steine in den Weg. Aber man will Touristen. Man lässt eine große Modemesse ziehen und gefährdet damit eine ganze Branche. Man vergrault Google und versagt beim Wettbewerb um die IAA. Das war schon einmal besser, unter Klaus Wowereit. Der wusste, dass er das alles in der Stadt braucht. Seit er weg ist, sieht man Veränderungen. Wir alle machen immer wieder die Erfahrung, dass die Verwaltung nicht mehr so offen und flexibel ist, etwa wenn man eine Transportgenehmigung zu einer Show braucht.

Also liegt es an Personen? An Bürgermeister Müller, Kultursenator Lederer, Wirtschaftssenatorin Pop? An Rot-Rot-Grün?

Es liegt immer an Personen, natürlich. Wenn Leadership fehlt, wenn die Entscheider keine Visionen haben, passiert nichts. Dabei haben wir in der Corona-Krise gesehen, dass parteiübergreifend und schnell positiv gehandelt werden kann. Es geht also. Doch wenn die Verantwortlichen den Wert der Kreativbranchen für Berlin nicht sehen, mit Mode oder Kunst nichts anzufangen wissen, dann wird nicht das notwendige Umfeld geschaffen. Ich sage es noch mal: Mein Eindruck aus diesen Fehlentscheidungen und Rückschlägen ist, dass unsere Stadtoberen gar nicht wissen, was Berlin ausmacht. Deshalb wissen sie auch nicht, wohin es gehen soll. Niemand dort hat begriffen, warum sich in den letzten Jahren so viele Start-ups in Berlin niedergelassen haben. Weil die Stadt so cool ist.

Aber wie dramatisch ist denn nun der Weggang der Premium für Berlin? Und wie schlimm wäre ein Ende der Fashion Week?

Für die Stadt wäre es eine größere Katastrophe als für die Branche.

Warum?

Die Branche kann ihre Fashion Week auch in Frankfurt oder sonstwo machen. Die Labels, die Modeschulen, die Designer und die Arbeitsplätze werden sukzessive folgen wenn der neue Standort erfolgreich und attraktiv ist. Berlin kann nicht umziehen. Und diese Mechanik gilt auch für andere Kreativbranchen. Aber deshalb wird die Lufthansa ihr Headquarter nicht von Frankfurt nach Berlin verlegen. Missverstehen Sie mich nicht, ich überschätze nicht die Bedeutung der Modebranche. Ich spreche hier von einem Lebensgefühl, einem Umfeld, dass für viele Menschen in der Kreativbranche wichtig ist. Dieses Gefühl, diese Vielfalt bietet Berlin und das ist der größte Trumpf der Stadt. Geht es verloren, ziehen diese Menschen weg oder kommen gar nicht erst her. Dann bleibt Berlin zurück und verliert.

Sie lassen in Berlin nähen?

Natürlich, auch wenn es eine ganze Zeit gedauert hat, bis ich mir alle Schneidermeisterinnen zusammengesucht hatte. Das war schwierig. Aber Berlin hat eine lange Geschichte als Modestadt. Das Zentrum war der Hausvogteiplatz in Mitte. Ich werde jedes Mal ganz ehrfürchtig, wenn ich dort bin. Und die „Berliner Durchreise“ war die erste echte Modemesse der Welt. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine lebendige Modeszene. Erst nach dem Mauerbau sind dann alle nach Düsseldorf gegangen und haben die Stadt zur Modemetropole des Landes gemacht.

Denken Sie auch über Düsseldorf nach, wenn es so weitergeht?

Nein, ich habe nie mit Düsseldorf geliebäugelt. Ich bin vor 14 Jahren bewusst nach Berlin gezogen, um meine Firma aufzumachen. Es war die einzige wirklich internationale deutsche Stadt. Es herrschte eine unheimlich energetische Atmosphäre, geistig ungeheuer befruchtend, ein attraktiver, kreativer Vibe. Und es hat sich ja auch wirklich viel entwickelt. Zum Beispiel ist Zalando entstanden, inzwischen ein wichtiges Design-Unternehmen.

Und jetzt?

Glaube ich immer noch an Berlin, mein Herz hängt an der Stadt. In jeder Liebesbeziehung kann es doch einmal kriseln. Wandel ist gut, viele Sachen können sich ändern. Ich glaube weiterhin an Berlin, und das wird wieder toll. Dazu passt das Lied „Das ist Berlin“ von Hildegard Knef, das ich im Moment gerade viel höre. Ich habe den Song ganz weit oben auf meiner Playlist.