Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Schön war's andersherum
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BerlinWährend wir an den Stufen zur Demokratie Unglaubliches erleben, kann uns die älteste Wissenschaft der Welt, die Astronomie, einen klaren Blick auf die Welt verschaffen. Doch auch hier verbreitet so mancher bildungsferne Perückenträger abstruse Verschwörungstheorien, denen es gilt, mit Fakten Einhalt zu gebieten. Nur gut, dass die Nächte länger werden und die Tage kürzer und damit für etwas Abkühlung gesorgt wird. Der jährliche Umlauf unserer Erde um die Sonne schreitet unermüdlich voran und mit der Tages-und-Nacht-Gleiche am 22. September um genau 15.30 Uhr beginnt der astronomische Herbst. An diesem Tag geht die Sonne um 19.04 Uhr über Berlin unter, gegen 20.00 Uhr ist dunkel genug, um den Sternenhimmel in seiner ganzen Pracht beobachten zu können. Der Herbstanfang offenbart uns, dass die Erdachse 23,5° gegen die Ebene Sonne – Erde geneigt ist, und die Jahreszeiten nur durch diese Schieflage und den sich über das Jahr hinweg verändernde Sonneneinfall entstehen.

Noch in der Dämmerung fällt der Blick auf Jupiter, den größten Planeten des Sonnensystems. Am 1. September geht Jupiter um 1.27 Uhr auf, am 30. September schon um 23.30 Uhr unter. Die immer früher untergehende Sonne rettet dem Gasplaneten eine stattliche Sichtbarkeit, obwohl er im Sternbild Schütze nur knapp über dem Horizont steht und im September auch noch einiges an Helligkeit einbüßt. Derzeit sind stolze 79 Monde bekannt, die ihn auf zum Teil merkwürdigsten Bahnen umrunden. Ein Indiz dafür, dass sich der Riesenplanet einige Asteroiden, vagabundierende Gesteinsbrocken im Sonnensystem, eingefangen hat. Die Entstehungsgeschichte des Sonnensystems gleicht einem gigantischen Tanz, bei dem Jupiter mit seiner großen Masse die vielen aus der Bildung der Planeten übriggebliebenen Gesteinsbrocken auf einigermaßen geregelte Bahnen gezwungen hat. Die vier größten Monde, bereits von Galileo Galilei regelmäßig beobachtet, erscheinen bereits im guten Feldstecher. In unmittelbarer Nähe ebenfalls im Sternbild Schütze steht der Ringplanet Saturn, der seine Untergänge ebenfalls um zwei Stunden von 2.12 Uhr am Monatsanfang auf 0.15 Uhr am 30. September verlagert. Hier sind es gar 82 bekannte Monde, auch wenn die Ringe im Teleskop deutlicher hervorstechen. Unzählige Eis- und Gesteinsbrocken ergeben die Illusion eines festen Ringes, auch wenn hier wohl nur zerbröselte Monde langsam, aber sicher, ihren Weg in den Planeten suchen.

Der Rote Planet Mars legt im September kräftig an Helligkeit zu und erscheint gar heller als Jupiter. Am 1. September geht unser Nachbarplanet um 21.36 Uhr auf, zum Monatsende um 19.32 Uhr und kann damit nahezu die gesamte Nacht über im Sternbild Fische beobachtet werden. Die trockene, kalte Wüste des Planeten zeigt deutliche Spuren großer Flüsse, vielleicht gar von Ozeanen. Im kommenden Monat steht Mars in Opposition. Bis dahin baut er seine Sichtbarkeit noch deutlich aus, so dass er auch im einfachen Teleskop bereits wunderbar zu beobachten ist. Details der Oberfläche wie die Polkappen werden auch für Amateurteleskope deutlich sichtbar. Es wird für Jahre die beste Möglichkeit sein, den Planeten mit eigenen, von Teleskopen unterstützten Augen, zu beobachten.

Die Sternkarte zeigt den Sternenhimmel später in der Nacht: Am 1. September um 0.00 Uhr, am 15. September um 23.00 Uhr, am 30. September um 22.00 Uhr. Im Nordwesten steht das Sternbild des Großen Bären als immerwährenden Wegweiser zum Polarstern, der uns wiederum den Weg gen Norden weist. Einen Teil des Sternbildes der Großen Bärin kennen wir gemeinhin als Großen Wagen. Verlängern wir die gedachte Linie über den Polarstern weiter, erreichen wir das Himmel-W, das Sternbild Kassiopeia. In dieser Konstellation eine sitzende Königin zu erkennen, die sich mit Spiegel in der Hand ihre Haare kämmt, bleibt auch für das geübte Auge gewagt.

Unser Mond eignet sich wunderbar als Zeitmesser, da er seit seiner Entstehung die Erde auf einer elliptischen Bahn umrundet und je nach Beleuchtung die bekannten Mondphasen entstehen: am 2. September erleuchtet der Vollmond die Nacht, der abnehmende Halbmond (letztes Viertel) steht am 10. September am Morgenhimmel, am 17. September verschwindet der Mond als Neumond zwischen Sonne und Erde, um danach am 24. September als zunehmender Halbmond (erstes Viertel) am Abendhimmel zu leuchten.

Im Süden wandern die hellsten Sterne des Sommers stetig gen Westen. Wega in der Leier, Atair im Adler und Deneb im Schwan bilden das Sommerdreieck, während die Herbststernbilder um das Herbstviereck, dem Sternbild Pegasus, schon auf ihren großen Auftritt warten. Knapp unterhalb des Sommerdreiecks steht das kleine, aber einprägsame Sternbild Delfin.

Ein ganzes Geschichtsepos entfaltet sich am Herbsthimmel in Form der Sternbilder. Der Sage nach hatte die eitle Königin Kassiopeia (das Himmels-W), sträflich behauptet, schöner als die Meeresnymphen der Nereiden zu sein, was jene so sehr erzürnte, dass der Meeresgott Poseidon Vergeltung schwor. Er schickte das Meeresungeheuer Cetus (am Himmel als Walfisch zu finden) auf das Land von Kassiopeia und ihrem Gemahl König Kepheus. Nur durch das Opfer der einzigen Tochter Andromeda sollte das Unheil, die Zerstörung des ganzen Landes, abgewendet werden. Gut nur, dass der Held Perseus der bereits an Felsen geketteten jungen Dame zur Seite sprang und sie rettete, spätere Heirat und stattlicher Mitgift inklusive.

Dieser hochmotivierte Held hatte kurz zuvor die schlangenköpfige Medusa besiegt und nutzte nun ihr Haupt, um das Ungeheuer zu Stein erstarren zu lassen und damit zu besiegen. Pegasus hingegen war bei dem Kampf mit der Medusa aus ihrem Blut und den Wogen des Mittelmeeres entstanden. Heute findet man solche Geschichten nur noch im Privatfernsehen. In den Mythen verstecken sich vielleicht wissenschaftliche Beobachtungen. So lässt sich erkennen, dass Algol, das schreckliche Auge der Medusa und der zweithellste im Sternbild Perseus über Tage hinweg die Helligkeit verändert. In einer Periode von 2,87 Tagen umrunden sich hier zwei Sterne. Je nachdem ob sie nebeneinander, oder voreinander stehen, ändert sich ihre Gesamthelligkeit. Eine Koalition der Sterne, wie sie sehr häufig im Kosmos zu finden ist. Gar Konstellationen aus drei Sternen und mehr können über Milliarden Jahre hinweg stabile Systeme bilden.

Im Sternbild Wassermann versteckt sich für das menschliche Auge unsichtbar ein weiterer Planet, der am 23. September 1846 aus Berlin, genauer aus Kreuzberg heraus, entdeckte Neptun. Seine Entdeckung gleicht einer Kriminalgeschichte und offenbart die Wichtigkeit der internationalen Zusammenarbeit in der Forschung. Es war der Franzose Urbain Le Verrier, der die Position des Neptuns vorausberechnete, und der Berliner Sternwartenassistent Johann Gottfried Galle, der letztlich den Planeten entdeckte. Am 11. September steht der Planet Neptun in Opposition und kann aufgrund seiner großen Entfernung nur mit einem Teleskop – z.B. eines der Berliner Sternwarten – beobachtet werden.

Der Morgenhimmel bietet unserem anderen Nachbarplaneten Venus die Bühne als Morgenstern. Nach Sonne und Mond ist dieser Planet deutlich das dritthellste Objekt am Sternenhimmel. Am 4. September wechselt Venus in das Sternbild Krebs, am 22. September wandert der Planet weiter in den Löwen. Dichte Wolken und der dort herrschende Treibhauseffekt sorgen auf dieser Welt für wohlige 450 Grad Celsius, unabhängig von Tag und Nacht. Als von der Erde aus gesehen innerer Planet zeigt sie im Fernglas ihre wahre Sichelgestalt, so dass Venus bis Ende des Monats zu etwa 70 Prozent beleuchtet erscheint. Am 1. September geht Venus um 2.16 Uhr auf, am 30. September um 3.15 Uhr. Durch die spätere Dämmerung bleibt uns aber ausreichend Zeit, den Morgenstern zu beobachten. Am 15. September wandert Venus am offenen Sternhaufen Praesepe im Sternbild Krebs vorüber, was besonders im Fernglas ein wunderschöner Anblick ist.

Bis zum 12. September zieht die Internationale Raumstation ISS in den frühen Morgenstunden ihre Bahn über Berlin. In 400 km Höhe kreist sie in 91 Minuten einmal um unseren Planeten. Wenn es auf der Erde noch dunkel ist, die Raumstation aber über uns schon von der Sonne beleuchtet wird, reflektiert das Sonnenlicht an den Solarzellen und Modulen, so dass unser Außenposten im All als heller Punkt über den Himmel zieht. Ab dem 17. September dann kann die Raumstation am Abendhimmel gesehen werden.

Beim Anblick des Sternenhimmels offenbart sich die ganze Geschichte des Kosmos. Mit unseren Augen sehen wir nur einen Bruchteil unserer Milchstraße, unserer Heimatgalaxis aus 300 Milliarden Sternen. Oft kaum zu beobachten und doch überall beheimatet findet sich eine ganze Klasse verhinderter Sterne, sogenannter Brauner Zwerge. Sterne, bei denen die Kernfusion nicht gezündet hat und sie daher nicht wirklich helle daherkommen. Eine auch auf Erden passende Beschreibung. Blickt man wie die Astronauten von oben auf unsere Welt, erscheinen keine Grenzen, keine Unterschiede zwischen Ländern, Kontinenten und Weltanschauungen. Vielleicht ist dies der größte Wert der Raumfahrt. Sie zeigt uns, dass wir alle Bürger eines einzigen Planeten sind, von dem ein Umzug auf eine andere Welt ausgeschlossen ist. Kosmonauten wie Sigmund Jähn oder Alexander Gerst zeichnen uns dabei ein fragiles Bild eines ganz besonderen Planeten. Es gilt, der Wissenschaft und den Fakten neue Räume zu geben und in unseren Zeiten darüber zu diskutieren, wie wir als vermeintlich einzige intelligente Spezies im gesamten Kosmos miteinander leben wollen. Denn auch hier gilt: Wir sind ein Kosmos.