Könnte zur Stromgewinnung genutzt werden: Laub.
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TeltowEigentlich war es gut gedacht, und man hätte sich Strom ja auch wirklich kaum grüner vorstellen können als solchen, der vom Bauern kommt: Strom aus Mais.  Aber dann haben wir es eben doch verpasst, an der richtigen Stelle abzubiegen und Monokulturen mit zwangsläufig hohem Pestizid-Einsatz geschaffen.  Nimmt man die Felder zusammen, auf denen hierzulande Mais angebaut wird, ergibt sich eine Fläche, die größer ist als Mecklenburg-Vorpommern. Die gesamte Republik besteht zu mehr als sieben Prozent aus Maisfeldern, auf denen sich auch nahezu 10.000 Biogas-Anlagen bedienen. Etwa dreieinhalb Prozent des hierzulande erzeugten Stroms kommt aus dem Kolben.

Tatsächlich gilt Mais als das Super Food für Biogas-Meiler. Im vergangenen Jahr wurden sie in Deutschland zu 70 Prozent mit Mais befüttert. Unnötigerweise, sagen Katrin und Friedrich Streffer. „Es muss nicht unbedingt Mais sein“, sagt sie. Er: „Felder sollten für die Ernährung genutzt werden, nicht zur Stromerzeugung.“ Die beiden promovierten Chemiker sind Gründer der Firma LXP, mit der sie gegen die Monokultur im Land antreten wollen. In einem dreigeschossigen Plattenbau in Teltow haben sie sich über einer Autowerkstatt  eingerichtet und wollen vor dort aus die pflanzenbasierte Energiewende auf eine neue Ebene heben.

Katrin (51) und Friedrich (50) Streffer verarbeiten in ihrer Firma LXP Gärreste aus Biogasanlagen zu Holzzucker. 
Foto: Sabine Gudath

Seit das Ehepaar vor zehn Jahren während eines Dänemark-Urlaubs erlebt hat, wie ein Stoppelfeld abgebrannt wurde, um mit der Asche den Boden zu düngen, treibt es die beiden um, vermeintlich nutzlose Pflanzen einen Verwendungszweck zu geben. Doch bis heute hat sich da nicht sonderlich viel getan. In den Biogas-Meilern werden nur die Kolben und der obere Teil der Maispflanze genutzt, der Rest endet auf dem Kompost. „50 Prozent der Energie einer Pflanze verschenken wir“, sagt Katrin Streffer.

Daran sind allerdings nicht die Bauern schuld, es ist die Natur. Denn im meist holzigen Strukturmaterial einer Pflanze ist die energiereiche Zellulose von einer nicht fermentierbaren Hülle ummantelt. Daher eignen sich etwa Zweige, Halme und Stroh nicht als Substrat für einen Biogas-Meiler, sondern allenfalls als Kompost oder für die Verbrennung.

Das Ehepaar hat jedoch ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Hülle um die Zellulose mit vergleichsweise geringem Energieeinsatz knacken und der Mantel herauslösen lässt. Nach Angaben der Erfinder kann somit in einem Biogasmeiler quasi alles komplett verstromt werden, was irgendwann einmal per Photosynthese aus der Erde gewachsen ist. Sogar der Gärrest, der heute von einer Biogasanlage als unverdaulich  ausgespuckt wird, kann nach der Streffer’schen Methode zu einem verwertbaren Rohstoff aufgearbeitet werden, der aussieht wie lockere Blumenerde, bei LXP Holzzucker genannt wird und kaum weniger Energie enthalten soll als die gleiche Menge der Hochleistungspflanze Mais.

Die Demonstrationsanlage in Bayern.
Foto: LXP

Laut Friedrich Streffer lässt sich damit die Produktivität einer Biogas-Anlage deutlich erhöhen. Wird aus Mais-Gärresten Holzzucker gemacht und noch einmal in den Biogasmeiler geschickt, steige die Energieausbeute um 30 bis 40 Prozent. Zieht man davon die für die Aufarbeitung eingesetzte Energie ab, bliebe noch immer ein Gewinn von 20 bis 30 Prozent. Aber es müsse ja eben nicht Mais sein, sagt der Chemiker. „Wir können auch Stroh zu Strom machen.“

Für Katrin Streffer könnte der Strom in Berlin sogar vor den Bäumen fallen, wenn die jährlich 110.000 Kubikmeter  Laub der rund 440.000 Bäume in der Stadt nicht kompostiert, sondern in biomeilertauglichen Holzzucker umgewandelt werden würden. Damit ließen sich dann im Jahr 120 Megawattstunden Strom erzeugen, so die Gründer. Genug, um den Jahresbedarf von 30.000 Drei-Personen-Haushalten decken zu können. Auch die jährlich anfallenden 350.000 Weihnachtsbäume müssten nicht verbrannt werden, sagt Katrin Streffer.

Forschung und Entwicklung haben bislang etwa zwölf Millionen Euro an Wagniskapital und Fördermitteln verschlungen. Das Ergebnis sind gewonnene Gründer- und Innovationswettbewerbe und vor allem 47 Patente. Im Februar hat das Unternehmen bei Regensburg in Bayern eine große Demonstrationsanlage in Betrieb  genommen, die nach eigenen Angaben zur größten Zufriedenheit laufe. 500 Tonnen Bio-Trockenmasse könnten darin im Jahr vor der Kompostierung oder der Verfeuerung gerettet werden. „Es geht dort nicht um den Beweis, dass es funktioniert“, sagt Friedrich Streffer. „Sondern darum, ob mehr als 40 Prozent plus herauszuholen sind.“

Ökostrom aus Berlin:

In diesem Punkt ist Berlin schwach aufgestellt. Während bundesweit etwa 35 Prozent des erzeugten Stroms aus Wind, Sonne oder Biomasse gewonnen werden, liegt dieser Anteil hier bei nicht einmal fünf Prozent. Der Grund dafür ist die dichte Besiedlung, allerdings soll der Solarenergieanteil ausgebaut werden. Laut Stromnetz Berlin, dem Stromnetzbetreiber in der Stadt, gibt es in Berlin derzeit zehn Windkraftanlagen mit einer Gesamtkapazität von 12,4 Megawatt. 2018 lieferten die Windräder 23,9 Millionen Kilowattstunden Strom. Hinzu kommen insgesamt 7181 Sonnenstromanlagen, die 2018 insgesamt 44,7 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugten. Aus Biomasse wird in 41 Anlagen Strom gemacht, wobei dazu auch die Verbrennung von Biomasse gezählt wird. Die Gesamtkapazität beträgt 42,7 Megawatt, die Ausbeute im Jahr 2018 lag bei 225,1 Millionen Kilowattstunden.

Dann soll die industrielle Umsetzung folgen. Dafür arbeite man bereits mit Unternehmen aus dem Agrar- und Forstsektor sowie Recycling-Firmen zusammen. In ein, zwei Jahren, so die Hoffnung in Teltow, soll die erste Großanlage in Betrieb genommen werden, in der jährlich mindestens 10.000 Tonnen Trockenmasse zu energetische verwertbarem Holzzucker gemacht werden. Die Streffers setzen dabei zunächst vor allem auf Stadtwerke, die anfallende Biomasse so ertragreich nutzen könnten. Grundsätzliche wird bereits eine Holzzucker-Produktion von jährlich 30.000 bis 50.000 Tonnen angepeilt.

Allerdings geht es in der Teltower Firma längst nicht mehr ausschließlich um Biogas, sondern auch um den Stoff namens Lignin, der dem Unternehmen seinen Namen gab. Es ist das Material, aus dem die Hülle um die Zellulose besteht und per Lignin-Extraktions-Prozess (LXP) gewonnen wird. Lignin gilt als Wunderstoff beim Ersatz von Erdöl und als Basis für die Entwicklung synthetischer Kraftstoffe oder nachwachsender Kunststoffe. Plastik aus dem Wald. „Es geht“, sagt Katrin Streffer. „Wenn man es will.“