Die Hoffnung einer ganzen Branche ist die erste Messe mit Publikum seit Monaten. Daniel Barkowski ist Projektleiter der „Boot und Fun – Inwater“ in der Marina in Werder.
Foto: Volkmar Otto

BerlinDa steht er, der Stuhl – schwarz, schlicht, modern, praktisch. Vielleicht kann das kleine Möbelstück helfen, das wirtschaftliche Ausmaß der großen Corona-Krise etwas besser zu erklären. Der Stuhl hat beim ersten Probesitzen gute Sitzeigenschaften, aber die sind es nicht, die ihn zu einem Star machen, sondern der Umstand, dass 20 Stück übereinander stapelbar sind, dass sie sich zusammenkoppeln lassen und dass so ganze Säle mit Stuhlreihen gefüllt werden können.

Der Stuhl gehört Norbert Gruchmann, dem Chef der Firma Expofair, die auf Messebau und Mietmöbel spezialisiert ist. Der Stuhl würde jetzt irgendwo auf dem Gelände der Messe Berlin stehen – bei der IFA, der Internationalen Funkausstellung, der weltgrößten Elektronikmesse. Normalerweise würden dort knapp 240.000 Besucher auflaufen. Doch in diesem Jahr ist fast nichts normal.

Es ist 2020, das Corona-Jahr. Das Jahr der Absagen von Großveranstaltungen, Konzerten, Messen, Kongressen. Das Jahr, in dem die Veranstaltungsbranche voll zum Stillstand gekommen ist. Dabei gilt Deutschland weltweit das Messeland Nummer eins und das Tagungsland Nummer zwei. Der Wirtschaftszweig hat 1,5 Millionen direkte Beschäftigte und stand mit 130 Milliarden Euro Umsatz auf Platz sechs der wichtigsten Branchen. Bislang. Derzeit ist die Branche stehend k. o.

Auch Norbert Gruchmann hat nicht viel zu tun. Seine Firma in Tempelhof hat 45 Mitarbeiter, die alle in Kurzarbeit sind. „Im März ging es von 100 auf 0“, sagt der 64-Jährige und erzählt, dass die Internationale Tourismusbörse als Erste abgesagt wurde. „Vier Tage, bevor sie beginnen sollte. Wir hatten schon alles aufgebaut – zack, weg.“ Der Mann, der zu DDR-Zeiten Toningenieur war und seither ein erfolgreicher Unternehmer ist, spricht ganz ruhig – selbst wenn er vom totalen Niedergang erzählt. Niemand in der Branche habe geglaubt, dass alles abgesagt würde. Gruchmann erzählt, dass er die Hauptversammlung eines Großkonzerns ausstatten sollte, ein Auftrag über eine halbe Million Euro. Zack, weg. Er sollte bei der Internationalen Luftfahrtausstellung dabei sein. Zack, weg. Einige Kunden zahlten, einige nicht. Im Jahr 2019 machte seine Firma vier Millionen Euro Umsatz, nun fallen 90 Prozent weg.

Gruchmann steht vom schwarzen Stuhl auf und erzählt, dass er ihn für 22 Euro einkauft und pro Tag für 3 Euro vermietet. Ab dem achten Miettag sind die Einkaufskosten eingespielt und der Stuhl bringt Geld, mit dem er seine Leute bezahlen kann, die Miete und andere Kosten. Ein klares Geschäft.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn wer bestehen will, muss möglichst immer alles vorrätig haben. Gruchmann stellt den Stuhl wieder auf den Stapel mit den 19 anderen. Allein in diesem Teil des Lagers stehen zehn Reihen mit je 30 Stapeln, macht 6000 Stühle. Ebenso viele auf der anderen Seite des Ganges. Gruchmann erzählt, dass für einen Parteitag 3000 Stühle geordert wurden. Also bekamen die schwarzen Klassiker einen roten Stoffüberzug – und der Saal leuchtete SPD-rot.

Norbert Gruchmann, Chef der Firma Expofair, auf einem klassischen Mietstuhl.
Foto: Volkmar Otto

Gruchmann führt weiter durch sein Reich. Im Lagerhaus geht es die Treppen hoch und runter, vom Keller bis unters Dach, 11.000 Quadratmeter voller Möbel. Dort Regale bis zur Decke voll mit runden Tischplatten und den passenden Beinen. Dort Garderobenständer, ein paar Dutzend modern und bunt, ein paar Dutzend im Caféhaus-Stil, dazu Tausende Garderobenmarken. Es gibt eine Dekowerkstatt, daneben eine Polsterei. Alles menschenleer, aber überall Rollschränke, Spinde und natürlich Tische und Stühle aller Art.

„Im Idealfall benötigen wir gar kein Lager. Wenn alles gut geplant ist, brauchen unser Leute nur die Lastwagen und Putzlappen.“ Sie holen die Möbel bei Mieter A ab, reinigen sie und bringen sie zu Mieter B. Gruchmann schaut den langen Gang entlang: „So voll habe ich das Lager noch nie gesehen.“

Dort stehen ein paar Hundert Bierbänke, dahinter Dutzende Stapel Korbstühle, die hintere Ecke ist voller Glasvitrinen, gleich neben der Tür türmen sich 200 riesige runde und ovale Platten auf, die sich in Tische für vornehme Banketts verwandeln lassen. „Wenn das Geschäft läuft, ist das alles hier quasi Gold wert. Aber wenn nichts stattfindet, ist alles null wert. So wie jetzt.“ Von den 300 Bürostühlen waren etliche beim letzten großen Auftrag dabei, bei der Berlinale. Daneben stehen 50 riesige Sonnenschirme, Schultafeln, Rednerpulte, teure Designer-Sessel und reihenweise Kinostühle.

Dort hinten ist jemand. Fröhliche Rockmusik füllt den Raum. Ein Lehrling zieht einen schwarzen Ledersessel aus einer Transportkiste und reinigt ihn. Derzeit kommen mehr Möbel zurück als rausgehen. „Vielleicht halte ich bis zum Ende des Jahres durch“, sagt Gruchmann, „weil ich ein Darlehen von der Bank habe.“ Aber selbst wenn das Geschäft wieder laufen sollte, sind die Probleme nicht weg. „Wir standen wirtschaftlich gut da. Niemals hätte ich Geld von der Bank gebraucht.“ Er schüttelt den Kopf. „Jetzt muss ich viel Geld zurückzahlen. Aber wie und wann?“

Die Internationale Funkausstellung findet statt — aber nur für Fachbesucher.
Foto: Volkmar Otto

Bei Gruchmann sind die Lager übervoll, ein paar Kilometer weiter herrscht gähnende Leere, obwohl es richtig brummen müsste. Messegelände unterm Funkturm, Halle 6.2. Ein fast 100 Meter langer Saal. Bei der IFA im Vorjahr waren hier die Stände weltweiter Elektronikkonzerne und in der Ecke der Nachrichtensender N-TV. „Normalerweise würden jetzt viele Hundert Messebauer eine kleine Stadt fertigstellen“, sagt Messesprecher Emanuel Höger. Doch die Halle ist leer, kein Ton ist zu hören. Ein großes Nichts. Die einzigen Farbpunkte sind die grünen Leuchtschilder der Notausgänge.

Höger vergleicht eine Messe gern mit einer temporären Stadt. Denn wenn Zehntausende Leute eine Messe besuchen, wird vieles gebraucht wie im normalen Leben. Leute, die für Essen und Trinken sorgen, Sicherheitsleute, Handwerker, Leute, die nachts die Hallen fegen, Busfahrer, Hostessen, die alles erklären. Tausende Jobs. Höger erzählt, dass er seit sechs Jahren dabei und noch immer ganz aufgeregt ist, wenn er eine kleine Stadt wachsen sieht.

Normalerweise sind alle 27 Hallen bei der IFA belegt. Nun sind es fünf – ausschließlich für Fachbesucher. Die Messe Berlin veranstaltet jedes Jahr 30 Großveranstaltungen mit mehr als zwei Millionen Besuchern, darunter fünf „Leitmessen“ – die jeweils größten Messen ihrer Art weltweit, wie etwa die Grüne Woche.

„Messen sind ein Kommunikationsinstrument“, sagt Höger, während er durch die leeren Hallen geht. Die Endkunden können schon mal alle Handys sehen, die erst in ein paar Monaten auf den Markt kommen, und die Fachbesucher reden über neueste Trends, beäugen die Konkurrenz, und der Einkäufer einer Kaufhauskette ordert ein paar Tausend Waschmaschinen.

Große Messen werden ein Jahr lang vorbereitet. Wenn auf der Verkehrsmesse Innotrans ein chinesischer Aussteller einen Schnellzug zeigen will, beginnt alles ein halbes Jahr vorher. Zollfragen müssen geklärt werden, der Zug wird zerlegt, in Container verpackt und per Schiff nach Europa gebracht. „Die wichtigste Basis für Messen ist Planungssicherheit“, sagt Höger. Doch die fehlt nun. Er geht hinüber zum leeren Sommergarten. Normalerweise wäre hier das traditionelle Deutsch-Poeten-Konzert mit 15.000 Zuschauern.

Emanuel Höger, Sprecher der Messe Berlin, in der leeren Halle 6.2.
Foto: Volkmar Otto

Die gehören zum normalen Publikum, das meist in der Region wohnt. Noch wichtiger für Berlin sind Fachbesucher. Sie bringen richtig Geld. Für die Messe-Gesellschaft brechen zwar zwei Drittel des üblichen 300-Millionen-Euro-Umsatzes weg. Doch in Berlin bleiben Milliarden aus, die die fast zwei Millionen Fachbesucher der Messen und Kongresse sonst in die Stadt tragen. Jeder Geschäftsreisende gibt im Schnitt am Tag 250 Euro aus. Sie sorgen für die Hälfte des Umsatzes bei Hotels, Gaststätten, Taxis, Mietwagen, bei Flügen und Zugfahrten. „All das ruht derzeit“, sagt Höger. „Es ist bitter. Ganz bitter. Aber wir haben die Hoffnung, dass es wieder richtige Messen geben wird.“

Eine halbe Fahrstunde entfernt ist fast alles weiß: die Häuser sind es, die Boote, die Hemden der Mitarbeiter und die Wolken am Himmel über Werder an der Havel. Leichter Wind schaukelt 260 Boote und Jachten hin und her, die in der Marina in den Havelauen liegen. Die Fünf-Sterne-Marina gilt als beste in der Region. Hier soll am Wochenende etwas Besonders stattfinden: die Messe „Boot & Fun – Inwater“. Keine Hallenmesse, sondern ein Event unter freiem Himmel. „Deshalb dürfen wir stattfinden“, sagt Projektleiter Daniel Barkowski und steigt auf eine Jacht, drei Etagen, Preis: eine halbe Millionen Euro. Er setzt sich aufs Deck und erzählt zwischen glänzendem Chrom und poliertem weißem Bootslack über die Hoffnungen der gesamten Branche, die auf diese Marina schaut. „Es ist die erste größere Messe bundesweit, die wieder mit Publikum stattfinden darf.“ Natürlich gelten strenge Corona-Regeln, und es dürfen immer nur 1000 Besucher in die Marina. Er sagt, dass er aufgeregt sei. „Es ist ganz einfach: Wir sind Veranstalter – wir lieben es, etwas für die Leute zu veranstalten.“

Übers Hafenbecken weht Krach von der Werft herüber. Dort hängt eine Jacht am Kran und ein Mann kärchert den Unterboden. Vor der Messe räumten 80 Boote ihre Liegeplätze und machten Platz für die Yachten der Aussteller. „Es ist etwas ganz anderes, wenn die Leute hier am Wasser auf eine Jacht steigen, als wenn das Boot in einer Messehalle steht“, sagt Barkowski.

Die Messe in Werder soll wie ein Marktplatz sein, auf dem sich interessierte Besucher die Boote vergleichen.
Foto: Volkmar Otto

Aber es geht um mehr als verkaufte Boote. „Die Branche muss raus aus dem Loch, auch von der Denkweise, weg von der Befürchtung, dass es nie wieder Messen wie früher geben wird“, sagt Barkowski und geht zu den Liegeplätzen für die Messe. „Viele haben Angst, dass keine Besucher kommen, weil die Angst haben. Wir wollen zeigen, dass das Publikum nur darauf wartet, dass wieder was passiert.“

Er überlegt, welches Boot neben die 13-Meter-Jacht gehört. Die Position ist wichtig. „Wenn daneben ein Motorboot von sechs Metern liegt, würde es optisch verschwinden.“

„Alles ist perfekt vorbereitet, aber das ist dieses Mal kein Grund zum Feiern“, sagt Barkowski. Er muss damit rechnen, dass das Ordnungsamt irgendwann anruft, weil es in der Nähe einen Corona-Fall gibt. „Die Messe endet am Sonntag 18 Uhr, den Sekt machen wir definitiv nicht vor 18.05 Uhr auf.“