BerlinMaria will sterben. Sie hat es aufgeben, nach Ärzten zu suchen, die ihr helfen, mit ihrer Krankheit zu leben. Sie hat viele getroffen: Ärzte in Notaufnahmen, bei Kuren, bei Therapien, in Spezialkliniken. Doch es half nicht. Maria ist unheilbar krank. Inzwischen sucht sie nur noch nach einem Arzt, der ihr hilft, dieses Leben zu beenden.

Maria Kunert ist 63 Jahre alt und leidet an Multisystem-Atrophie, einer besonders dramatischen Form von Parkinson. Sie ist verzweifelt, kraftlos und des Lebens müde. Denn die Krankheit übernimmt immer mehr Macht und sorgt dafür, dass bei ihr nach und nach alle Systeme versagen. Sie ist meist zu schwach zum Sprechen, zu schwach zum Lächeln, zu schwach zum Schreiben.

Dabei war sie immer eine Frau der Sprache, arbeitete als Lektorin in einem Verlag und später mit Kindern und Jugendlichen. In ihren heutigen Mails ist zu sehen, welch ungeheure Anstrengung in jedem Wort steckt, denn schon nach wenigen Buchstaben fehlt ihr die Kraft, jene Fehler zu korrigieren, die ihre Finger gemacht haben, weil sie sie kaum noch kontrollieren kann.

Wer sie sieht, versteht, was ihre Freundinnen meinen, wenn sie sagen: „Sie wird immer schwächer, immer leichter. Von Woche zu Woche.“ In diesem gebeugten Körper ist zwar ein starker Wille, aber nur noch sehr wenig Leben.

Nach der Begrüßung sinkt Maria schnell auf den Stuhl am Küchentisch. Selbstständig gehen und stehen kann sie kaum noch. Sie stürzt fast jeden Tag. Draußen ist ein schöner, klarer Herbsttag, vor dem Fenster hängt das letzte Herbstlaub angeberisch bunt an den Bäumen. Doch Maria schaut jetzt nicht hin.

Sie erzählt, wie verzweifelt sie ist, weil die Krankheit so rasant fortschreitet. Unaufhaltsam. „Ich möchte dieses Leiden nicht mehr aushalten müssen. Ich möchte mein Leid nicht mehr verklären müssen. Niemand  hat etwas davon, dass ich weiter leide. Ich möchte selbst entscheiden, ob dieses Leben noch gut ist für mich.“

Die Geschichte von Maria Kunert ist die Geschichte eines klar und konsequent geführten Lebens. Doch am Ende wird es eine komplizierte Geschichte, denn Bürokratie und Moral, Gerichtsurteile und Ideologie machen es ihr so schwer, den Tod zu finden.

Es geht um Sterbehilfe – um die „assistierte Selbsttötung“. Maria würde gern ganz legal sterben dürfen. Sie will, dass ihr ein Arzt die tödliche Dosis eines Medikamentes verschreibt und ihr eine Kanüle setzt. Den Rest will sie machen – also das Gift spritzen.

Ich möchte selbst entscheiden, ob dieses Leben noch gut ist für mich.

Maria Kunert

„Ich will nicht, dass mir jemand vorschreibt: Maria, du musst weitermachen. Das steht doch niemandem zu“, sagt sie. Deshalb ist sie froh, dass die höchsten Gerichte ihr und anderen das Recht geben, mit professioneller Hilfe aus dem Leben zu scheiden. „Aber ich bin verzweifelt, weil ich keinen Arzt finden kann.“ Ihr laufe wegen der Krankheit die Zeit davon. „Mein Wunsch ist doch ganz einfach“, sagt sie mit leiser Stimme. „Ich will noch genügend Kraft in mir haben, um mit einem Lächeln von dieser Welt gehen zu können.“

DAS TABU. Sich selbst töten – die Spannbreite der Meinungen darüber zeigt sich in den Begriffen, die verwendet werden: Freitod, Selbsttötung, Selbstmord. Auch in aufgeklärten Gesellschaften gehört der freiwillige Tod zu den letzten Tabus, zu jenen intimen Dingen, über die die meisten nicht sprechen. Es ist leichter, minutiös über die Gründe für eine Scheidung zu reden, als darüber, ob jemand depressiv ist oder sich schon einmal selbst töten wollte.

Das Leben ist heute äußerst vielfältig und wird in allen Aspekten durchdekliniert. Nicht aber der Tod, obwohl er mit der Geburt in uns angelegt ist und als einzige absolute Wahrheit gilt. Es wird meist geschwiegen, egal, ob es um Fehlgeburten geht, um das Testament, die Aufschrift für den Grabstein, die Musik bei der Beerdigung – oder eben Freitod.

Dabei ist der freiwillige Tod nach den Krankheiten die häufigste Todesursache. Jedes Jahr bringen sich etwa 10.000 Menschen in Deutschland selbst um. Zum Vergleich: Im Vorjahr wurden 2315 Fälle von Mord und Totschlag gezählt, 3059 Verkehrstote sowie 1398 Drogentote. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den 10. September zum Welt-Suizid-Präventionstag erklärt, und der Europäische Gerichtshof hat 2011 erklärt, dass es ein Menschenrecht darauf gibt, sich selbst zu töten.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Maria Kunert in ihrer Wohnung.

DAS BUCH. Genau das will Maria Kunert. Es ist ein sehr bewusster Akt. Sie hat einen Plan, und dazu gehört auch die Geschichte für ihre Enkel. Sie erzählt, dass sie alle Kraft zusammennahm, um ein paar Seiten zu schreiben. Anregung ist eine Geschichte, die sie bei einem spanischsprachigen Autor fand. Dort läuft ein Mann über einen Friedhof und sieht, dass auf den Grabsteinen nicht die Geburts- und Sterbedaten stehen, sondern Zeitangaben wie fünf Jahre, acht Monate oder drei Wochen. Er fragt einen Mann, warum es hier so viele Kindergräber gibt. Der andere sagt: Das sind keine Kindergräber. Die Jahre und Monate zeigen, wie lange diese Menschen glücklich waren in ihrem Leben.

Maria sagt: „In meiner Geschichte geht es um das Erinnern.“ Sie weiß, dass sie ihre Familie mit vielen Fragen zurücklassen wird. Mit ihrer Geschichte will sie den Enkeln die Möglichkeit geben, sie irgendwann besser zu verstehen. Sie will zeigen, dass sie es selbst in der Hand haben, ob sie sich an das Gute oder das Schlechte erinnern.

Maria spricht von Verantwortung. Deshalb will sie auch keinen profanen Suizid. Es habe etwas Asoziales, wenn sich Leute vom Dach stürzen oder vor den Zug legen. „Da müssen einem schon alle anderen ziemlich egal sein. Aber das sind sie mir nicht. Nicht die Leute, die mich finden, nicht der Zugfahrer, der traumatisiert wird“, sagt sie. „Ich will meine Familie nicht mit solch einem Tod zurücklassen.“

DAS HÖCHSTE GERICHT. Maria Kunert hat das Recht, sich umzubringen. Niemand darf sie dafür moralisch verurteilen. So jedenfalls sehen es die höchsten deutschen Gerichte. Kritiker sagen, dass Menschen bei der Sterbehilfe einen großen Teil der Verantwortung für ihren Tod an andere delegieren. Doch das Bundesverfassungsgericht urteilte: Sterbehilfe ist erlaubt.

Im Februar 2020 verkündete das Bundesverfassungsgericht ein richtungsweisendes Urteil; es geht dabei um Paragraf 217 des Strafgesetzbuches. Der Bundestag hatte 2015 mit Drei-Fünftel-Mehrheit beschlossen, dass sich jeder strafbar macht, der die Selbsttötung anderer geschäftsmäßig fördert. Damit war Sterbehilfe strafbar. Doch nun urteilten die höchsten Richter: Dieser Paragraf greife in das allgemeine Persönlichkeitsrecht ein und sei damit verfassungswidrig.

Foto: dpa/Uli Deck
Andreas Voßkuhle, damaliger Vorsitzender des Zweiten Senats beim Bundesverfassungsgericht und Präsident des Gerichts, verkündete das Urteil.

Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle sagte in der Urteilsbegründung: „Die Entscheidung des Einzelnen, dem eigenen Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.“

Das Gericht geht sogar so weit, dass sich das Recht auf Selbsttötung nicht auf „fremddefinierte Situationen“, also auf schwere Krankheiten, beschränkt. Sondern: „Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben besteht in jeder Phase menschlicher Existenz.“ Diese Entscheidung entziehe sich „einer Bewertung an Hand allgemeiner Wertvorstellungen, religiöser Gebote, gesellschaftlicher Leitbilder für den Umgang mit Leben und Tod und Überlegungen objektiver Vernünftigkeit – sie bedarf keiner weiteren Begründung und Rechtfertigung“.

DER DONNERSTAG. Es gibt eine breite Front von Politikern, die von dem Urteil überrascht waren. Auch die Bundesregierung prüft noch, ob sich daraus ein „gesetzgeberischer Handlungsbedarf“ ergibt. Viele vertreten die Position, dass der Staat die Tötung eines Menschen nicht aktiv unterstützen solle, dass der Staat nicht zum „Dealer des Todes“ werden dürfe.

Es ist wie einst mit Schwangerschaftsabbrüchen. Die waren eine gesellschaftliche Realität, wurden von der Politik aber lange ignoriert oder verteufelt. Bei vielen scheint es eine Angst vor der Verführungskraft des vermeintlich Bösen zu geben. Dabei bringen sich Erwachsene nur selten leichtfertig um. Fachleute sagen, dass die meisten psychisch erkrankt sind, denn viele sind wegen ihrer Krankheiten schwer depressiv. Sehr oft finden sie niemanden, mit dem sie über ihre Suizidgedanken sprechen können. Aber gerade das Reden könnte helfen, es nicht zu tun. Denn die allermeisten hängen am Leben, auch schwer Krebskranke nehmen Chemotherapien auf sich oder vertrauen sich Wunderheilern an, statt sich umzubringen.

Es ist also keine Werbung für den Freitod, wenn Marias Geschichte veröffentlicht wird. Es geht darum, leidenden Menschen zuzuhören. Denn auch Maria erzählt, dass sie immer isolierter lebt, weil kaum jemand mit ihr reden will. Es ist ein stilles Leiden. Sie erzählt, dass sie vor dem Besuch eines guten Freundes extra eine Broschüre der Gesellschaft für Humanes Sterben auf den Küchentisch gelegt hat. „Aber er tat so, als hätte er sie nicht gesehen.“

Maria Kunert will nicht mehr schweigen. Das liegt auch an einer großen Enttäuschung. Sie hat die Geschichte für ihre Enkel als letzten Dienst an ihrem Leben angesehen. Am Dienstag hat sie damit begonnen. Es war ihr Antrieb, bis Donnerstag durchzuhalten. „Ich hatte die Aussicht, dass ich es am Donnerstag mit einem Arzt schaffen könnte. Dann habe ich erfahren, dass sich diese Hoffnung zerschlägt. Der Arzt kam nicht. Nun bin ich am Boden zerstört.“ Das sagt sie am Freitag, am Tag nachdem sie sterben wollte.

Sie geht mit ihrer Geschichte nicht hausieren, ist keine Kämpferin im Auftrag irgendeiner Organisation. Aber eine Freundin beschreibt sie als politischen Menschen. Auch deshalb ist sie nach der großen Enttäuschung bereit zu sprechen. „Aber es geht nicht um mich“, sagt sie. „Ich bin nur ein Beispiel von vielen.“ Nun will sie über die Gesellschaft für Humanes Sterben versuchen, einen Arzt zu finden.

Foto:  imago images/Christian Ohde
Natürlich hat auch Maria eine Patientenverfügung.

HUMANES STERBEN. „Aber auch in Berlin ist es nicht einfach, einen entsprechenden Arzt zu finden“, sagt Wega Wetzel, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Humnes Sterben. Solche Ärzte stehen nicht in den Gelben Seiten, es gibt keine zentrale Anlaufstelle oder neutrale Beratungsstelle. „Wir kennen Ärzte, an die wir vermitteln können, aber es sind nicht viele und es dauert lange“, sagt sie. Es sei für Ärzte noch immer ein neuer Gedanke, beim Sterben zu helfen. „Es wäre wünschenswert, wenn sich mehr Ärzte damit beschäftigten – im Sinne der Betroffenen.“

Der gemeinnützige Verein hat gerade seinen 40. Geburtstag gefeiert, er hat 23.000 Mitlieder, die jeweils 50 Euro Jahresbeitrag zahlen. Der Verein finanziert sich über diese Beiträge sowie Spenden. Über Maria Kunert sagt die Organisation nichts. „Zu konkreten Mitgliedern geben wir keine Auskünfte“, sagt Wega Wetzel. Aber sie sagt etwas Grundsätzliches. „Aus unserer Sicht spricht nichts dagegen, wenn behandelnde Hausärzte prüfen, ob Patienten tatsächlich einwilligungsfähig sind und ob der Suizidwunsch dauerhaft ist und nicht nur einer Laune oder einer psychischen Erkrankung folgt“, sagt sie. „Wenn auch über Alternativen wie ambulante Schmerzbehandlung gesprochen wurde, könnten Ärzte entsprechende Medikamente verschreiben – ohne den Verlust der Approbation befürchten zu müssen.“

Justiz vs. Politik: die aktuelle Gesetzeslage

  • Der Bundestag hat 2015 den Paragraphen 217 ins Strafgesetzbuch eingefügt. Er lautet: „Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Angehörige sollten hiervon ausgenommen sein.
  • Das Bundesverfassungsgericht erklärt im Februar 2020 den Paragraphen 217 für verfassungswidrig. Damit ist assistierter Suizid in Deutschland, genauso wie in der Schweiz und anderen EU-Ländern, nicht mehr strafbar.

In der Landesberufsordnung für Ärzte in Berlin steht: „Die Mitwirkung bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe, Ärztinnen und Ärzte sollen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“

Es geht um das Wort „sollen“, das kein Verbot darstellt. „Das ist eine ähnliche Formulierung wie in der Schweiz“, sagt Wega Wetzel. „Das heißt, sie lässt eine Tür offen für den Einzelfall.“

Aber es sei keine Pflicht für Ärzte. „Aus juristischer Sicht haben sie das Recht, bei einer Selbsttötung zu helfen, aber ob sie es tun, kann kein Gesetzgeber vorschreiben. Es ist immer eine Gewissensentscheidung“, erklärt Wetzel.

MARIAS HOFFNUNG. Dass Maria dieses Ende sucht, hält eine Freundin für nachvollziehbar. „Das passt zu ihr. Mir hat immer imponiert, wie konsequent sie durchs Leben geht. Sie hat sich auch immer so um andere gekümmert.“ Marias Schwester erzählt, dass die Familie früher in der DDR durchaus Angst um sie hatte, weil sie sich im Verlag gegen Repressionen des Staates eingesetzt hat. Maria erzählt, dass sie nach dem Ende der DDR soziale Therapie studierte, dass sie mit Jugendlichen arbeitete, aber zwei Mal gekündigt hat. Es habe sie gestört, dass für manche Betreuer nicht die Hilfe für die Jugendlichen im Mittelpunkt stand, sondern der Erhalt des eigenen Jobs. Dann fragte das Arbeitsamt, ob sie nicht Kindergärtnerin werden wolle. Sie wollte. „Die Arbeit mit Kindern hatte etwas so Ursprüngliches. Ihre Lebendigkeit. Ich war glücklich, richtig glücklich.“

Dann kam die Krankheit, und dieses Glück war zu Ende. Sie erzählt ein Beispiel vom Anfang der Krankheit, als immer zwei Zehen total angespannt waren. Sie benutzt das Wort Missempfinden, obwohl es zu harmlos klingt. „Es sind eben keine Schmerzen, denn gegen Schmerzen würden Medikamente helfen.“ Erst half nur liegen. Lange liegen. Irgendwann half auch das nicht mehr. „Dafür aber laufen, viel laufen, ganz intensiv.“ Sie tat es, und es keimte Hoffnung auf. „Ich dachte mir, dass ich von Dorf zu Dorf laufe und dort Ergotherapie mit Kindern mache.“

Ich möchte nicht, dass wir irgendwann Plakate in Deutschland haben: „Schöner sterben bei uns.“

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Dann vor einigen Wochen ein schwerer Sturz. Notaufnahme, Spezialklinik. Nun weiß sie: Auch mit dem Laufen ist es vorbei. In einem Arztschreiben heißt es: „Es handelt sich um eine schwerwiegende, rasch fortschreitende Erkrankung mit zunehmend weniger Therapiemöglichkeiten. Es handelt sich um einen besonderen Einzelfall.“

DAS GIFT. Nun sehnt sie sich nach dem erlösenden Gift. Denn sie benötigt nicht nur einen Arzt, sondern auch Medikamente. Wer den offiziellen Weg gehen will und das wirksamste und schmerzfreieste Medikament sucht, muss in die Schweiz oder in andere Länder, muss für Ärzte, Spesen, Reisekosten und Hilfsorganisationen etwa 5000 Euro ausgeben. Wer das Medikament im Internet sucht, findet sofort eindeutige Angebote: die Tabletten kosten 1200, das Pulver 1600 Euro. Alles Dinge, die kein Arzt in Deutschland ohne Rezept verschreiben dürfte.

Dabei wäre die Freigabe in Deutschland rechtens. Denn 2017 urteilte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig: „Eine Pflicht zum Weiterleben gegen den eigenen Willen darf der Staat schwer und unheilbar Kranken, aber zur Selbstbestimmung fähigen Menschen nicht auferlegen.“ Deshalb müsse der Zugang zu tödlich wirkenden Medikamenten ermöglicht werden.

Doch das Betäubungsmittelgesetz wurde nicht geändert. In der Kritik steht auch Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU. In der Fernseh-Talkshow „Maischberger“ sagte er, was er von Sterbehilfe hält: „Ich möchte nicht, dass wir irgendwann Plakate in Deutschland haben: ‚Schöner sterben bei uns.‘ Um es jetzt sehr zugespitzt zu machen. Oder dass Geld verdient wird mit dem Sterben.“

Spahns Ministerium wird eine jahrelange Verzögerungstaktik vorgeworfen. Derzeit ist es so, dass jeder Sterbewillige das Medikament beim entsprechenden Bundesinstitut beantragen muss. Das Ministerium bestätigt der Berliner Zeitung nun, dass Spahns Staatssekretär das Institut 2018 schriftlich gebeten habe, „Anträge auf Erteilung von betäubungsmittelrechlichen Erwerbserlaubnissen zum Zweck der Selbsttötung zu versagen“.

Foto: imago images/Westend61
Das in anderen EU-Ländern verwendete Medikament darf in Deutschland bislang nicht verschrieben werden.

Der Verfassungsrechtsprofessor Hubertus Gersdorf sagte im ARD-Politikmagazin „Panorama“, damit habe das Ministerium eine zusätzliche Hürde geschaffen. Dies sei verfassungswidrig, denn Minister Spahn habe die gesetzlichen Regelungen auf den Weg zu bringen. Doch das Ministerium teilt der Berliner Zeitung mit, dass sich für die Regierung derzeit kein Handlungsbedarf aus den höchstrichterlichen Urteilen ergebe, weil noch ein Urteil beim Verwaltungsgericht in Köln abgewartet werde. Sobald die Entscheidung vorliege, werde der Handlungsbedarf geprüft. Es wird aber auch gesagt, dass nach dem Urteil noch einmal höhere Gerichte angerufen werden könnten. Es kann also noch dauern, bis die Gesetze geändert werden.

DIE WUT. Maria ist wütend. Sie denkt, dass diese Boykotthaltung dafür sorgt, dass Ärzte sich nicht trauen, ihr zu helfen. „Mit welchem Recht stellt sich der Minister wie ein Gott zwischen die allerhöchsten Gerichte und die leidenden Menschen?“, fragt sie. „Warum gibt es keinen politischen Aufschrei, weil er sich aus ideologischen Gründen weigert, den Auftrag des Bundesverfassungsgerichts umzusetzen?“

Sie muss eine Pause machen nach den vielen Sätzen, bei denen ihre Zunge Schwerstarbeit verrichten muss und überall im Mund anstößt. Sie leidet darunter, dass sie zu schwach ist, um sich richtig aufregen zu können. Oft reicht die Kraft nur zum Weinen. Unter Tränen sagt sie: „Ich bin so wütend, ich bin so zornig. Ich bin so verzweifelt. Genau wie ganz viele andere.“

Bei Maria Kunert ist keinerlei romantische oder pathetische Todessehnsucht zu spüren, nur das pure Leid. Früher hat sie mit anderen Fremdsprachen gelernt, hat in Chören gesungen, hat Tai-Chi gemacht, hat Geige gespielt und wechselte dann – wegen ihrer kranken Finger – zur Bratsche. Alles vorbei. Sie erzählt, dass jede Kleinigkeit zur Last wird. Zum Tisch laufen, sprechen, eine Packung Lebensmittel öffnen und so weiter und so weiter. „Einzeln gesehen sind das alles scheinbar Banalitäten, aber alles zusammen sorgt dafür, dass jede Stunde des Lebens zur Qual wird“, sagt sie und muss wieder eine Pause machen. „Ich kann mir nicht länger beim Sterben zusehen.“

Im Herbst wollte sie mit Freunden eine Reise machen und ihnen von ihrem großen Wunsch erzählen. Es sollte eine Abschiedsreise sein. Dann kam Corona.

SCHLUSS MACHEN. Irgendwann bleibt nur noch die Frage: „Maria, wann werden Sie tot sein?“ Sie sagt: „Ich weiß es nicht. Eigentlich wollte ich schon tot sein.“ Sie findet in den Blättern auf dem Tisch die Titelseite ihrer Geschichte, zeigt auf den Namen ihres Enkels und sagt: „Er hat in zwei Wochen Geburtstag. Vielleicht lebe ich da noch, vielleicht nicht.“

Als ich frage, auf wie viele eigene Jahre und Tage des Glücks sie eigentlich in ihrer Geschichte gekommen ist, sagt sie: „Ich habe da keine Zahl. Aber es wären definitiv nicht nur drei Jahre und vier Monate. Denn für mich geht es nicht nur um die Tage des reinen Glücks, es geht um die Tage, an denen ich intensiv gelebt habe. Und da komme ich auf eine wesentlich höhere Zahl.“

Das Leben muss doch nicht bis zum letzten Tropfen ausgewrungen werden.

Maria Kunert

Nun wendet sie den Kopf zum Fenster und sieht das bunte Laub. „Natürlich kann ich mich daran kurz erfreuen, aber ich weiß, wie abgrundtief die Täler sind, die dann wieder kommen. Sie kommen immer häufiger und werden immer tiefer“, sagt sie. „Das Leben muss doch nicht bis zum letzten Tropfen ausgewrungen werden.“

Wir waren auf eine Stunde verabredet, nun sind fast zwei vorbei und sie sagt: „So, jetzt muss ich Schluss machen.“ Trotz ihrer Schwäche merkt sie die unfreiwillige Komik des Satzes und lächelt fast. Sie versucht, von ihrem Stuhl aufzustehen, aber es dauert. Es dauert lange. Hilfe will sie nicht, nicht in diesem Fall. Ich soll schon mal in den Flur gehen.

An der Wohnungstür klappert das Schloss, ihre Schwester kommt, eine tatkräftige Frau mit klarer Stimme und klarer Meinung. Wir begrüßen uns. Maria hat es geschafft und steht gebeugt neben uns. Sie gibt ihrer Schwester die Armbanduhr, weil sie die nicht mehr allein umbinden kann. Ich verabschiede mich herzlich von Maria und plaudere noch kurz mit ihrer Schwester. Maria verschwindet hinter uns lautlos in der Küche.

Maria will sterben. Maria wird sterben. Entweder mit der Hilfe, die sie so sehr ersehnt, oder ohne sie. Sie wird sterben. Entweder in Würde oder nicht. Hoffentlich mit einem Lächeln.