Ein Kreuz auf einem Grab (Symbolbild)
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Berlin Das Jahr ist noch so jung, aber der Sensenmann ist schon unterwegs.  Im Umkreis gab es schon vier Todesfälle und dann geht es ganz schnell. Die Schwiegermutter kommt abends ins Krankenhaus und am nächsten Morgen erwacht sie nicht mehr. Der Schock ist groß. Auch wenn es eigentlich die Ex-Schwiegermutter war, denn ihr Sohn – der Vater meiner Kinder – und ich sind nicht mehr zusammen. Dennoch ist es, als würde nun eine der tragenden Säulen im Leben fehlen. Die Kinder haben eine ihrer Omas verloren, mein Ex seine Mutter. Sie war eine Instanz, sie gab Stabilität, sie war für uns da. Ich war gern bei ihr zu Gast.  

Sie lebte allein in ihrer kleinen Wohnung, in der es immer aufgeräumt und so gemütlich war, wie es nur bei Omas sein kann. Je älter man wird, auf desto mehr Beerdigungen muss man gehen. Diese ist vergleichsweise „gelungen“ und würde der Verstorbenen gefallen haben, obwohl reichlich Tränen fließen. Auch bei mir. Es ist das erste Mal, dass ich auf einer Beerdigung so ausgiebig weine, es kommt einfach so. Ich spüre den Verlust und denke nicht weiter darüber nach.

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Alte Verwandte und Bekannte treffen

Die beste Freundin der Verstorbenen hält eine Rede, eine alte Frau. Sie spricht leise und zu schnell, außerdem versagt das Mikrofon und sie ist kaum zu verstehen. Aber das macht nichts. Als sie das Rednerpult verlässt und die zwei Stufen hinuntergeht, stützt sie sich beiläufig und ohne zu zögern, auf dem Sarg ihrer Freundin ab. Ich bin gerührt. Sogar noch nach ihrem Tod ist die Verstorbene ihrer Freundin eine Stütze.  So eine Beerdigung ist wie eine Hochzeit: Das Privatleben, also das, was den Menschen ausmacht, liegt offen da.

Alle wissen, dass mein Mann und ich getrennt sind. Ich sehe Menschen und „Ex“ Verwandte wieder, die ich seit der Trennung nicht gesehen habe. Wir betrachten einander genau, suchen nach Veränderungen, Altersspuren. Man fragt, wie es mir geht, ich antworte ungewöhnlich ehrlich und andersherum ist es genauso. Als wir aus der Kapelle kommen, ist da dieser plötzliche starke Sonnenschein, wie ein letzter Gruß aus dem Jenseits. Ich kenne ihn schon von anderen Begräbnissen.

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Leichenschmaus und Leichtigkeit

Am Grab ist es, wie bei allen Begräbnissen bei denen ich bisher war, plötzlich unendlich kalt. So kalt, dass man sich auf den Leichenschmaus freut. Alle trinken und essen hemmungslos und viel. Plötzlich ist da diese Leichtigkeit und Freude es „überstanden“ zu haben. Dann wird mir alles zuviel. Ich gehe früh ins Bett und höre noch beim Einschlafen, wie die Gäste nach mir fragen. „Sie schläft.“ sagt mein Ex und ein bisschen ist es wie früher.

Für einen kurzen Moment fühle ich mich wieder in einer heilen Familie geborgen und das ist eine schöne Illusion. Als ich kurz vor Mitternacht erwache, sind alle weg. Die Kinder spielen mit ihren Trostgeschenken und ich räume mit meinem Ex zusammen auf. Das Leben geht weiter. Der Tod kommt immer zu früh. Hoffentlich dauert es noch lange bis zur nächsten Beerdigung.