BerlinWir alle werden sterben, ob wir wollen oder nicht. Einige Menschen suchen freiwillig den Tod und wollen Suizid begehen. Das ist natürlich bedauerlich, aber eine Realität. Einige wollen dafür auch Sterbehilfe in Anspruch nehmen, das aber hat einer Drei-Fünftel-Mehrheit im Bundestag nicht gefallen. Sie hat die Sterbehilfe 2015 verboten. Im Februar dieses Jahres hat das Bundesverfassungsgericht dieses Verbot gekippt und für verfassungswidrig erklärt. Was ist seither auf politischer Ebene passiert?

Nicht viel. Das ist ein Skandal. Denn egal wie die Politiker persönlich darüber denken: In einem demokratischen Rechtsstaat sollte ein einstimmiges Urteil des höchsten Gerichts auch den unterlegenen Politikern Aufruf genug sein, persönliche Bedenken in den Hintergrund zu stellen und endlich Regeln zu schaffen, die verfassungskonform sind.

Es geht vor allem um eine möglichst große Klarheit, was wem wie mit welchen Mitteln erlaubt ist. Dies zu regeln, ist die originäre Aufgabe der Politik. Stattdessen wird sich nun dahinter versteckt, dass nach mehreren klaren höchstrichterlichen Urteilen noch das eines niederrangigeren Gerichts abgewartet werden solle.

Dabei wird das Problem mit Selbsttötungen nicht kleiner. Selbstmord ist übrigens eher ein ideologisch motivierter Terminus, weil Mord im deutschen Recht bedeutet, dass jemand einen anderen Menschen tötet. „Selbstmörder“ aber wollen sterben.

Es sind etwa 10.000 pro Jahr und damit nicht ganz ein Prozent der jährlichen Todesfälle in Deutschland. Glücklicherweise also sind es recht wenige, aber als absolute Zahl gesehen sind es sehr viele. Und jeder Einzelfall ist ein Extremfall.

Wohl kaum jemand bringt sich leichtfertig um. Experten gehen davon aus, dass die meisten Betroffenen psychisch erkrankt sind und auch depressiv wegen einer schweren Krankheit.

Und genau dieses Problem wird nicht schrumpfen in unserer Gesellschaft. In diesem Wohlstandsland steigt die Lebenserwartung rapide. Derzeit liegt sie bei knapp 80 Jahren für Männer und fast 84 Jahren für Frauen und ist damit doppelt so hoch wie um das Jahr 1870. Im Jahr 2060 werden Männer wohl im Schnitt 84 und Frauen 88 Jahre alt werden.

Etwa 90 Prozent der Deutschen sterben an sogenannten Alterskrankheiten wie schweren Kreislaufproblemen, Erkrankungen der Hirngefäße oder lange nicht erkannten Krebsarten. Mit der Zunahme schwerster Erkrankungen im Alter sinken bei einigen besonders schwer Betroffenen logischerweise die Lebensfreude und der Wille, die Schmerzen noch länger zu ertragen. Dafür wächst bei manchen der Wille, dem eigenen Leid ein Ende zu bereiten.

Natürlich ist der bestmögliche Weg, den Betroffenen über die Palliativmedizin zu helfen, also die Schmerzen und schweren Symptome zu lindern, oder sie in Hospizen in den Tod zu begleiten. Aber es wird immer eine Zahl von Kranken geben, die auch dies nicht mehr leisten oder ertragen wollen. Die sollten Klarheit haben, was legal möglich ist und was verboten.

Das Bundesgesundheitsministerium verweist drauf, dass es nicht Aufgabe des Staates sein sollte, die Tötung eines Menschen aktiv zu unterstützen. Das ist unbedingt richtig als allgemeines Postulat, aber im Einzelfall – also für Betroffene – wenig hilfreich.

Das Verfassungsgericht hat angeregt, nun das Berufsrecht der Ärzteschaft und das Betäubungsmittelgesetz anzupassen. Doch in den Parlamenten fallen die Abgeordneten nicht durch Übereifer auf. Es gibt Arbeitsgruppen, die Ministerien hören Experten, Verbände und Kirchen. Das ist alles richtig und dringend notwendig in einer solch ernsthaften Angelegenheit, in der verhindert werden muss, dass Kriminelle ein Geschäft mit dem Tod machen – und mit dem Leid kranker Menschen.

Doch es gibt zwei grundsätzliche Probleme: Die Betroffenen könnten sich derzeit, da die Rechtslage noch unsicher ist, genötigt fühlen, sich auf kriminelle Touren einzulassen, um heimlich an tödliche Medikamente zu kommen. Und: Viele Betroffene hadern, weil ihnen das grundsätzliche Wohlwollen bei der Mehrheit der Politiker fehlt, also das Versprechen: Ja, wir nehmen euer Problem ernst, wir finden eine Lösung, die verfassungskonform ist sowie moralisch und menschlich.

Bei aller nötigen Sorgfalt im politischen Handwerk ist auch Eile geboten. Denn der Tod wartet nicht. Und die Betroffenen haben keine Angst vor dem Tod, sondern sie fürchten sich vor einem langen und qualvollen Sterben.