In Polen trat zum 1. März jenes Gesetz in Kraft, das die Nennung geschichtlicher Tatsachen unter Strafe stellt. Es lautet: „Jeder, der öffentlich der polnischen Nation oder dem polnischen Staat faktenwidrig die Verantwortung oder Mitverantwortung für Verbrechen zuschreibt, die durch das Dritte Deutsche Reich begangen wurden, unterliegt einem Bußgeld oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.“ Nun frage ich mich, ob ich mich mit meinem 2017 erschienenen Buch „Europa gegen die Juden“ strafbar gemacht habe, in dem natürlich auch Abschnitte zu Polen enthalten sind.

Der Gründungsvater der Nationaldemokratischen Partei, der höchst aktive Antisemit Roman Dmowski, auf den sich die heutige Regierung Polens beruft, zollte 1934 Hitlers Politik „zur Ausmerzung des jüdischen Einflusses“ Respekt. Die Zeitung des Bistums Kielce (Gazeta Tygodniowa) hatte 1933 einen ähnlichen Ton angeschlagen: „Hitler ist der Feind Polens, aber im Kampf gegen die moralische Zersetzung durch die Juden müssen wir ihm recht geben.“

Betrug, Wucher und Menschenhandel

Im Februar 1936 verurteilte der Primas von Polen, August Kardinal Hlond, in einem Hirtenbrief direkte Gewalt gegen Juden – doch fügte er hinzu: „Es ist ein Faktum, dass die Juden die katholische Kirche bekämpfen, die Freidenkerei blühen lassen, die Avantgarde der Gottlosigkeit, des Bolschewismus und aller umstürzlerischen Bewegungen bilden. Es ist ein Faktum, dass der Einfluss der Juden auf die Sitten verderblich ist und ihre Verlage Pornographie vertreiben. Es ist wahr, dass die Juden Betrug, Wucher und Menschenhandel betreiben.“

Im Krieg, am 16. Juni 1940, veröffentlichte die nationaldemokratische Untergrundzeitung Walka (Kampf) einen Artikel unter der Überschrift „Das „Generalgouvernement„ – paradisus Judaeorum“. Darin wurde behauptet: „Die Juden werden von den antisemitischen deutschen Rassisten eindeutig privilegiert“, sie dienten den Deutschen als Spitzel. Im Dezember 1940 berichtete Ingenieur Józef Podoski der bürgerlich-demokratischen polnischen Exilregierung in London: „Sehr viele Polen aus der Intelligenz, aus dem Bürgertum und sogar Arbeiter haben die wirtschaftlichen Positionen der Juden übernommen. (…) Im Stillen sind die betreffenden Volksschichten mit dieser Wendung der Dinge zufrieden.“

Kampagne trieb 13.000 Juden aus dem Land

Im Januar 1942, als die Deutschen die ersten Gaskammern in Betrieb nahmen, verkündete die katholisch orientierte Zeitschrift Naród (Volk): „Wir bestehen darauf, dass die Juden ihre politischen Rechte und das Eigentum, das sie verloren haben, nicht zurückerhalten. Darüber hinaus müssen sie in Zukunft allesamt unser Land verlassen.“ Solche Dokumente gibt es zu Tausenden. Sie mindern die deutsche Schuld und Verantwortung nicht. Wer aber nach dem Zusammenspiel von europäischem Antisemitismus, deutschem Terror und Judenmord fragt, sollte sie zitieren und dazu anregen dürfen, über diesen Aspekt des Holocaust nachzudenken.

Es ist wahr, dass die kommunistische Regierung Polens 1968 mit einer antizionistischen Kampagne 13.000 Juden aus dem Land trieb. Aber es ist falsch, wenn Staatspräsident Andrzej Duda dieser Tage so tut, als sei der polnische Antisemitismus eine Erfindung böser Kommunisten. Wahrscheinlicher erscheint mir, dass die in Polen sehr unbeliebte Kommunistische Partei sich auf diese Weise – nicht ohne Erfolg – beim Volk einschmeicheln wollte.