Berlin - „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, ein Lied aus dem 19. Jahrhundert, in dem ein Naturbursche auf Brautschau eine Art Selbstbeschreibung abgibt: „Schwarzbraun bin auch ich, ja ich.“ Ein harmloses Lied. Doch wenn der Sänger Heino heißt und blond und blass ist, darf die Frage erlaubt sein, ob sich dahinter eine bestimmte Gesinnung verbirgt – schwarzbraun eben.

Größtmöglicher Gegensatz zur Berliner Punk-Szene

Es war Anfang der Achtziger, als ein junger Künstler aus Berlin dieser Frage auf den Grund gehen wollte: Norbert Hähnel hatte als Veranstalter von Punk-Konzerten Bands wie ZK oder Soilent Grün auf die Bühne gebracht, einen Plattenladen in Kreuzberg gegründet. Nun suchte er noch nach einer Idee für eine eigene Bühnennummer: „Wenn man damals nach dem größtmöglichen Gegensatz zur Berliner Punk-Szene fahndete, wurde man bei Heino fündig“, sagt er heute.

Ein Mann, der vor weißen Farmern im Apartheid-Regime Südafrika auftrat, die erste Strophe der Nationalhymne sang und dabei so eckig über die Bühne stolzierte wie Arnold Schwarzenegger in Terminator 1. Heino wirkte wie ein Hybrid, ein Kunstwesen im Mehrzweckhallen-Outfit, wie es nur das Genlabor der deutschen Unterhaltungsindustrie hervorbringen konnte mit Liedern, die eine Mischung waren aus Volksmusik und Schlager, aus pathetischer Heimatverklärung und dumpfbackigem Tätterä. In diesen Körper wollte Norbert Hähnel schlüpfen.

Es sollte keine Parodie werden, sondern bitterer Ernst. Nobert Hähnel eignete sich die komplette Identität des blonden Barden an. In der Kunst würde man das Appropriation Art nennen: Fälschen, um das Falsche herauszufinden – ein riskanter Akt. Und so gab es plötzlich zwei: den ehemaligen Bäckergesellen Heinz-Georg Kramm und eben – Norbert Hähnel. Und während aus ZK die Toten Hosen wurden und aus Soilent Grün Die Ärzte, wurde aus Norbert Hähnel der Wahre Heino. „Jeder hat mal eine Idee. Aus den meisten wird nichts. Aber ich habe meine Idee buchstäblich ausgelebt“, so Hähnel heute.

Im Pogo-Rausch

Das Schlagerrevival war noch weit entfernt, da tobte die Menge, wenn vor einem Hosen-Konzert der Wahre Heino die Bühne enterte. Ein symbolischer Akt der Befreiung, bei dem es vor allem darum ging, die Gespenster der Vergangenheit zu vertreiben und nebenbei im Pogo-Rausch noch mal die Plattensammlung der Eltern zu schänden. Irgendwann bekam auch das Heino-Management Wind davon, das sich ein frecher Punk im fernen Kreuzberg am Heinoschen Liedgut versündigte. Man befürchtete Verwechslungsgefahr, was angesichts der betagten Zielgruppe nicht ganz von der Hand zu weisen war, und rief die Gerichte an.

Doch auch der Berliner Heino pochte auf Unverwechselbarkeit. Anders als viele deutsche Comedians, die irgendwann alle einen oder wie Otto mit der Parodie auf Michael Jacksons „Thriller“ gleich eine Armee von Heinos im Programm hatten, wollte er von Satire und Kunstfreiheit nichts wissen. „Es konnte nur einen Heino geben und das war ich. Der andere war eine schreckliche Kopie.“ Es gehört zu den tragischen Momenten der deutschen Schlagergeschichte, dass das Gericht ihm in diesem Punkt nicht folgen wollte. Norbert Hähnel wurde zu 10.000 Mark Geldstrafe (5100 Euro) verurteilt, die er ersatzweise mit 20 Tagen Haft in Moabit absaß.

Keine Idee, sei sie auch noch so gut, reicht für ein ganzes Leben. Manchmal reicht sie auch nur bis zum nächsten Gerichtstermin. Doch auch für den anderen Heino lief es nicht so gut. Während seine eigenen Auftritte („Karamba, Karacho, ein Whisky“) immer mehr zur Lachnummer verkamen, verfolgte er argwöhnisch das Treiben seines Alter Ego in Kreuzberg. Zeitweilig wirkten die beiden Heinos wie siamesische Zwillinge im Dauerzoff. Sang Norbert mit seiner Partnerin Theo im Duett, holte auch Heino die Hannelore auf die Bühne, machte Hähnel-Heino eine Kneipe namens „Der Blaue Enzian“ auf, gründete auch Double Kramm ein „Heino-Café“ im Rathaus von Bad Münstereifel, ging Hähnel in die Politik, um als Spitzenkandidat der Kreuzberger Patriotischen Demokraten/Realistisches Zentrum (KPD/RZ) anzutreten, verkündete CDU-Fan Heino, dass er bereit sei, die Rolle des „Volkslied-Beauftragten“ im Deutschen Bundestag zu übernehmen. Es waren Aktionen wie diese, die es Außenstehenden schwer machten, die Unterschiede zu entdecken.

Manchmal überkommt ihn noch ein „Rückfall“

2010 folgte der vorläufig letzte Akt: Heino, der erste, verlor einen Prozess gegen seine Versicherung über dreieinhalb Millionen Euro. Die Folgekosten für eine abgesagten Konzertreise musste er daher zusammen mit dem Veranstalter selber tragen. Ein schwerer Schlag für den einstigen Tourneeriesen. Sein Rathaus-Café musste einem Outlet-Center weichen. Aber auch Der Blaue Enzian ist inzwischen Geschichte. Norbert Hähnel arbeitet derzeit in einem Kiezladen in Kreuzberg. Er denkt über ein Buch nach, das sein Leben beschreibt oder besser: das von Heino.

Manchmal überkommt ihn noch ein „Rückfall“ wie er es nennt. Dann tritt er wie vor wenigen Wochen beim Hosen-Jubiläum in Bremen auf. Noch einmal blüht der blaue Enzian, glühen die roten Lippen des Schweizer Madels. Und Tausende Zuschauer recken verzückt die Arme in die Höhe. Heute wohnt Heino/Heinz-Georg Kramm mit Hannelore im Kurhaus von Bad Münstereifel. Wenn man anruft, erfährt man, dass er sich zu Norbert Hähnel nicht äußern möchte. Eigentlich schade. Vielleicht sollten sie mal miteinander reden.