Berlin - Sie haben nachgedacht, getüftelt, Elemente hin- und hergeschoben. Jetzt konnten die Planer der Deutschen Bahn (DB) den Knoten durchschlagen. Sie haben für den zweiten S-Bahn-Tunnel in der Berliner Innenstadt eine Streckenführung vorgestellt, mit der die Nachbarn leben können. So sieht der Bundestag anders als bei bisherigen Varianten nun keine Gefahr für das Reichstagsgebäude mehr. Auch lasse das  Konzept das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma „weitestgehend unberührt“, lobte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Damit nähert sich eine Diskussion, die das S-Bahn-Projekt immer wieder zu verzögern drohte, nach mehreren Jahren dem Ende. Allerdings ist noch ein weiterer Akteur einzubeziehen.

Eine Demonstrantin hält ein Protestplakat gegen die Anti-Corona-Maßnahmen in die Höhe, schwarze Limousinen bringen Abgeordnete zur Plenarsitzung im Bundestag. Jenseits der Scheidemannstraße beginnt der Tiergarten, der an diesem Tag grau und struppig aussieht. In dem Park befindet sich seit 2012 das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma. Es erinnert an die Ermordung von mehreren Hunderttausend Menschen, die als „Zigeuner“ verfolgt wurden. Deutlich wird: Zwar geht es bei der Debatte über den S-Bahn-Tunnel nur um einen kleinen Teil des Parlaments- und Regierungsviertels. Aber er ist ein politischer Ort, aufgeladen mit Themen aus der Vergangenheit und Gegenwart. Das macht das Vorhaben der Bahn so kompliziert. Sie muss in dem Gebiet zwölf „Zwangspunkte“ berücksichtigen.

Vom Besprechungsraum 5.114 im Jakob-Kaiser-Haus hat Wolfgang Kubicki diesen Bereich im Blick. Der FDP-Politiker ist Vizepräsident des Bundestags, außerdem Vorsitzender der Bau- und Raumkommission. Er hat das S-Bahn-Projekt seit Jahren begleitet, und er äußerte immer wieder Kritik, wenn die Interessen des Parlaments berührt wurden. Mal sollte eine der Tunnelröhren dem Reichstagsgebäude zu nahe kommen. Dann schreckte die Bahn mit der Idee auf, den Friedrich-Ebert-Platz drei Jahre lang zu sperren, um dort beide Röhren in einer offenen Baugrube zu betonieren. Jetzt aber äußerte Kubicki Lob. „Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Bahn, und sein Planerteam haben sich Mühe gegeben, eine Lösung zu finden, die allen Interessen in diesem Bereich gerecht wird“, sagte er der Berliner Zeitung.

Die neue Variante 12h sieht wie frühere Konzepte vor, dass eine Tunnelröhre westlich und die andere östlich des Reichstagsgebäudes gebohrt wird. „Zwar würde der Tunnel dem Gebäude näher kommen als bei der zuvor präsentierten Variante“, so Kubicki. „Statt 13,4 Meter wäre er auf der westlichen Seite 7,4 Meter von dem Bauwerk entfernt. Doch auch wenn man ein Restrisiko nicht ausschließen kann, ist es aus unserer Sicht noch tragbar.“ Der Bundestag könne mit 12h leben.

Wichtig sei, dass der Bau der Weströhre nun nicht mehr dazu führt, dass das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma beeinträchtigt wird. „Wir begrüßen es, dass die Lösung das Denkmal unangetastet lässt“, sagte der Vizepräsident. „Von dem auf vier Monate kalkulierten Umbau des Zugangsschachts abgesehen, bleibt das Denkmal während der gesamten Bauzeit in vollem Umfang zugänglich.“ Bei dem Schacht handelt es sich um den Versorgungstunnel, der unter das „schwarze Becken“ führt – ein wichtiger Teil des Gedenkorts. Von dem Umbau wären drei Bäume und zwei Sträucher betroffen, so die Bahn.

„Die erforderlichen Baugruben entstehen abseits des Denkmals“, betonte Kubicki. So wird die unterirdische Fahrt der Tunnelvortriebsmaschine im Bereich der Scheidemannstraße enden, die zwölf Monate gesperrt werden müsste. Eine weitere Baugrube entstünde im Tiergarten. Doch die wesentliche Vorgabe werde erfüllt: „Das Gelände des Denkmals wird nicht tangiert.“ Dafür habe die Bahn Abstriche in Kauf genommen: „So werden die S-Bahnen in diesem Bereich nicht 80, sondern lediglich 50 Kilometer pro Stunde fahren können.“

Für das Aktionsbündnis ist der Bereich unantastbar

Unter dem Denkmal wird die Erde vereist. Dort werde der Tunnel in „klassischer Bergmannstechnik“ gebaut, hieß es beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Der Forderung, dass das Denkmal maximal geschützt werden müsse und nicht verschoben werden dürfe, werde „so weit wie überhaupt möglich entsprochen“, so eine Mitteilung. Die Variante 12h sei eine „gute Grundlage für die konkrete Planung der Trasse“, schrieb der Zentralrats-Vorsitzende Romani Rose Wolfgang Kubicki. „Wir sind uns einig, dass der Nahverkehr ausgebaut werden muss“, sagte Herbert Heuß, der wissenschaftliche Leiter des Zentralrats. Deshalb sei es zu begrüßen, dass nun eine Lösung auf dem Tisch liege, mit der alle Seiten leben könnten.

„Wir sind auf einem guten Weg“, teilte Alexander Kaczmarek mit. Das wurde auch im Senat bekräftigt - allerdings mit der Ergänzung: „Aber eine Entscheidung ist noch nicht getroffen“, sagte Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). „Wir sind weiterhin in Gesprächen.“ Hintergrund ist, dass Berlin außer dem Deutschen Bundestag sowie dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma einen weiteren Akteur einbezogen hat. Für das Aktionsbündnis „Unser Denkmal ist unantastbar!“ ist der gesamte Denkmalbereich unantastbar. Dazu zählt auch der Versorgungstunnel.

Die Planungen am zweiten Bauabschnitt der neuen Nord-Süd-S-Bahn umfassen das Tunnelteilstück, das auf der Ostseite des Hauptbahnhofs beginnt, die Spree unterquert und in Höhe der US-Botschaft unter der Ebertstraße an den bestehenden Tunnel zum Potsdamer Platz anschließt. 2021 soll die Terminkette festgezurrt werden. Künftig sollen auf diesem Abschnitt drei S-Bahn-Linien verkehren – mit täglich 177 Fahrten pro Tag und Richtung.

Die City-S-Bahn, dessen früherer Arbeitstitel S21 lautet, soll die Erreichbarkeit des Hauptbahnhofs verbessern und den Umsteigeknoten Friedrichstraße entlasten. Auf dem ersten Abschnitt im Norden soll im vierten Quartal 2021 der S-Bahn-Betrieb beginnen. Dann kommt wie berichtet die neue S15 zwischen Gesundbrunnen und Hauptbahnhof ins Rollen.