Berlin - Oben, auf dem Gipfel, weht wirklich ein scharfer Wind. Eiskalt und unangenehm. Das Thermometer zeigt bitterkalte sieben Grad unter Null, aber niemanden scheint das hier zu stören. Denn endlich – nach einer halben Ewigkeit – ist er da: dicker Schnee, der tatsächlich liegen bleibt. Nicht matschig und weich, sondern knirschend fest.

Es scheint kein bisschen Sonne, trotzdem sind die Straßen ungewöhnlich voll. Überall in Berlin werden Familien magisch angezogen von den Hügeln dieser Stadt. Es ist eine Völkerwanderung der Glücklichen. Die Leute strahlen vor Vorfreude. Der echte Winter ist da.

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Viele Berliner sind recht ungeübt in Sachen Schnee.

So auch in Lichtenberg. Dort zieht es die Leute in die Parkaue. Der Gipfel, auf dem der Wind so unangenehm peitscht, ist gerade mal fünf Meter hoch. Aber es ist der wohl steilste Hügel im Bezirk, entsprechend voll ist es. Und überall lachende Gesichter. Die Windböen wehen teilweise so stark, dass die Schneeflocken fast waagerecht über den Boden geblasen werden. Doch die Stimmung ist bestens.

Große Ruhe über der Stadt

Unermüdlich stapfen Kinder mit ihren Schlitten den Hügel hoch, immer und immer wieder. Nichts kann sie bremsen. Nicht der kleine Sturz vom Schlitten, nicht die klappernden Zähne, nicht die durchweichten Handschuhe, nicht die blauen Flecken am Schienbein.

Eigentlich sind es ganz normale Wintertage. Doch es gibt gleich zwei Besonderheiten für Berlin: der Schnee und diese ganz besondere Form der Ruhe. Schnee ist schon ein ganz besonderer Stoff: Wenn er nicht gerade Autofahrer zur Unachtsamkeit verleitet und für Unfälle sorgt, verwandelt er ganze Landschaften in weiße Kitschbilder. Und auch in den Städten sorgt er für eine besondere Stimmung. Zumindest am Anfang. Die weiße Pracht taucht selbst Großstädte wie Berlin für eine Weile in völlige Ruhe. Es sind kaum Autos unterwegs, den einzigen Lärm verursachen jauchzende Kinder, die sich Nachschub von den Autodächern holen und Schneeballschlachten veranstalten.

Wegen Corona wurde die sonst so lebendige Stadt schon vor Wochen in eine Zwangspause geschickt. Viele Menschen sind davon langsam genervt. Doch jetzt – mit dem Schnee und der großen Ruhe über der Stadt – sieht der Stillstand endlich auch richtig schön aus.

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Nur raus, wenn es unbedingt sein muss – bei Schnee muss es einfach sein. 

Schnee ist nun mal eine echte Rarität, jedenfalls in Berlin. Es gibt siebenjährige Kinder, die sich gerade noch so daran erinnern können, dass sie vor vier Jahren mal von den Eltern mit dem Schlitten zur Kita gebracht wurden. Schnee ist für sie fast so etwas wie für Kinder in Afrika: Sie kennen ihn vor allem aus dem Fernsehen. Manche noch aus dem Skiurlaub in den Bergen.

Die Internetseite wetterstation-berlin.de meldet für den 8. Februar eine Schneedecke von fünf Zentimetern. Wohlgemerkt mitten am Tag, als es gemächlich weiter schneit. Wie selten solcher Schnee ist, zeigt sich daran, dass es in den vergangenen 26 Jahren nur an sechs Tagen dieses Datums überhaupt Schnee gab. Die maximale Höhe: 19 Zentimeter im Jahr 2010.

Die besten Rodelpisten der Stadt

  •  Als schnellste Rodelabfahrt gilt der Teufelsberg, der mit 120 Metern höchste Berg der Stadt ist
  • Schon lange kein Geheimtipp mehr ist die Oderbruchkippe im Volkspark Prenzlauer Berg
  • Als Klassiker gilt der Insulaner, der schon fast ein Skipass ist und sogar Snowboarder anlockt
  • Die vielleicht längste Piste mit fast 600 Metern ist am Hahneberg in Spandau
  • Sehr beliebt ist auch der Rodelhügel im Preußenpark in Wilmersdorf an der zentralen Picknickwiese
  • Zentral gelegen und deshalb viel besucht von Rodlern ist der Viktoriapark in Kreuzberg
  • Die Hasenheide bietet eine gute Abfahrt unter der Statue von Turnvater Jahn und auch sonst viele breite Rodelflächen besonders für kleine Kinder
  • Im überlaufenen Volkspark Friedrichshain haben die Bunkerberge gleich mehrere Abfahrten, besonders beliebt ist der „Mont Klamott“
  • Schön in der Natur gelegen ist die Strecke in der Nähe der S-Bahn-Station Onkel Toms Hütte, von dort aus geht es 300 Meter in den Wald
  • Die Müggelberge bieten gleich zwei Berge mit 115 und 88 Meter Höhe

Die Berliner sollen derzeit eigentlich nur vor die Tür, wenn es unbedingt notwendig ist. Aber wer Kinder hat und auch einen Schlitten, muss natürlich raus. Endlich mal ein Tag, an dem die Kinder sich genügend bewegen. Am Rodelhügel binden drei Jungs die Schlitten zusammen zu einem Schneezug, der natürlich immer wieder umfällt. Viele Familien sind mit ganz neuen Schlitten unterwegs, quasi auf Erstfahrt. Viele Eltern stehen unten und filmen. Hier zeigt sich die soziale Kompetenz: Die einen warten vorbildlich am Rand, die anderen mitten auf der Piste – und meckern auch dann noch, wenn sie von einem Vierjährigen fast umgefahren werden.

Ansonsten regiert das Lachen. Manche Kinder lassen sich am Ende der Piste vom Schlitten fallen und kugeln durch den Schnee. Andere machen lieber Schneeballschlachten. Es gibt Eltern, die frieren und nach Hause wollen, und es gibt Kinder, denen egal ist, dass sie frieren und dass ihre Eltern nach Hause wollen. Im Schnee scheinen alle wie aus der Zeit gefallen. Sogar als eine Frau doch von Corona spricht, erzählt sie, dass ihre 99-jährige Oma gerade dreimal positiv getestet wurde: „Aber sie hatte keinerlei Symptome.“

Rodelunfälle sind selten

Und trotz der großen Ungeübtheit der Berliner in Sachen Schnee mussten die Rettungswagen der Feuerwehr bei ihren täglich 1400 Einsätzen nur ganz selten wegen Rodelunfällen ausrücken. In der Pressestelle sind, Stand Redaktionsschluss, nur zwei solcher Einsätze bekannt.

Am Montag sind noch viel mehr ältere Kinder unterwegs, der Berg ist nun richtig eingerodelt und glatt. Manche Kinder tragen richtige Abfahrtsausrüstung mit Brille und allem Pipapo – bestimmt übrig geblieben vom ausgefallenen Skiurlaub.

Eine Frau kommt mit ihrem Sohn vom Hügel und bringt es auf den Punkt: „Es sind zwei Sachen zusammengekommen, die es in Berlin selten gibt: Schnee und Glück“, sagt sie und verschwindet im Schneegestöber.