„Redest Du mit mir?“ – „Nein, mit dem Licht.“ Als dieser hinreißende kleine Dialog durch die Dunkelheit tönt, sitze ich bereits seit zwei Stunden im Saal. Die Frage stellte ein Schauspieler, die Antwort kam vom Regisseur. Der Erstere ist verwirrt, da es kurz zuvor noch um eine Stelle im Text ging. „Leute, es heißt nicht SPÜLEN! Sondern FÜÜÜHLEN. Oder von mir aus SPÜÜÜREN“, hatte der Regisseur gerufen. Ein unterdrücktes Lachen war zu hören in seiner deutlichen Ansage.

Jeder Buchstabe zählt. Jeder Ton, jeder Lichtstrahl, jeder Schritt. Das lerne ich an diesem Vormittag, an dem ich erleben darf, wie ein Musiktheaterstück entsteht. Nein, ein winziger Teil davon. Man probt seit 120 Minuten dieselbe Szene. Das ist nicht langweilig, im Gegenteil. Mit angehaltenem Atem verfolge ich die Korrekturen und werde immer demütiger ob der Geduld aller Beteiligten. Die einen sagen zum 15. Mal die gleichen Sätze. Andere stehen und haben nichts zu tun im Augenblick. Kein Füßescharren, kein Überdruss.

„Schauen Sie mal. Die Oboe strickt“

Das Orchester spielt die zur Szene gehörigen Sequenzen jedes Mal mit stoischer Konzentration. Oft wird unterbrochen, ein verrutschter Ton, eine Pause, die einen Vierteltakt zu lang ist, ein Forte, wo Mezzoforte geboten gewesen wäre – Winzigkeiten bringen das Gesamtgeschehen aus dem Takt. Also von vorn.

Wenn die Choreografin an einem Darsteller herumzupft, schweigen die Musiker. „Schauen Sie mal. Die Oboe strickt“, sagt der Mann neben mir. Das klingt genauso bizarr wie „Ich spreche mit dem Licht“, doch in der Tat: Die Oboistin nutzt die stille Phase für Handarbeiten. Die Klarinette tippt etwas in ihr Smartphone. Dann greifen alle wie in einer einzigen Bewegung zu ihren Instrumenten. Es geht weiter. Kurz bevor ich den Saal verlasse, sitzt die Szene. Alles stimmt. Stolz und Freude wabern durch den Raum wie vorhin der künstliche Nebel.

Auch wenn mir im Konzert, im Museum, im Kino oder beim Lesen unterbewusst klar ist, wie viel Akribie, Geduld und Kraft im Ergebnis steckt, staune ich noch auf dem Heimweg über das Ausmaß. Denke kurioserweise an einen Tag vor vielen Jahren, als ich für einen Text in einer Biogroßbäckerei war. Ich sah mein Brot danach mit anderen Augen, nicht nur wegen der Aufstehzeiten der Beschäftigten. Und wünschte mir, ich könnte bei der Entstehung von so vielem mal stille Beobachterin sein.

Am besten mit den Kindern. Wir würden lernen, was es braucht, bis ein Lego-Set fertig ist. Wie viel Sorgfalt in einer Hosennaht steckt. Wie kompliziert ein Heizungssystem aufgebaut ist und welche Kenntnis man haben muss, um die Fehler zu vermeiden, über die wir fluchen würden. Wir wären bestimmt fasziniert vom wahren Wert all dieser Dinge und würden sie anders benutzen.

Die Szene, in der die Regie mit dem Licht sprach, werde ich bei der Premiere jedenfalls mit einem Lächeln auf dem Gesicht sehen. Den Kindern werde ich von der Probe erzählen. Und sie und mich bei anderen Gelegenheiten daran erinnern.