Berlin - Ist noch nicht viel los am frühen Sonnabend Morgen auf dem Wochenmarkt in Friedenau, das erleichtert die Suche. Wo nur steckt die dicke Fischfrau, von der in den Nachrufen auf Günter Grass die Rede war? Und wo der verrückte Blumenhändler? Der Schriftsteller mochte den Markt am Breslauer Platz. Dill und Gurken, Havelaal und Heilbutt, Birnen und Pfifferlinge, Hasenläufe und Vierländer Mastenten kaufte er dort, als er vor 20 Jahren in der ein paar Schritte entfernten Niedstraße wohnte.

Einen verrückten Blumenhändler, das ist schnell klar, gibt es nicht mehr. Und nur noch einen Stand, an dem frischer Fisch verkauft wird. Seit 27 Jahren bietet der Verkäufer in seinem hellblauen Sweatshirt und mit Berliner Schnauze seine Waren an, aber Grass war nie da. An Jürgen von der Lippe kann er sich erinnern, Inge Meysel, Mike Krüger. Angelika Milster stürmte mit einem Kamerateam in seinen Verkaufswagen, auf dem jetzt mit blauen Buchstaben „Mausis Fischhandel“ steht. Dann erzählt er, wie sich der Handel verändert hat. Früher sei Fisch fast nur auf dem Markt zu haben gewesen, Supermärkte führten so etwas nicht im Sortiment.

Und der Markt sei viel rustikaler gewesen, ein Messerschleifer habe gut zu tun gehabt. Und ja, an ein korpulentes Fischweib könne er sich auch erinnern, habe weiße Haare gehabt und ein paar Meter weiter gestanden. Grass hat nicht nur von ihr geschwärmt, er mochte wohl auch andere Verkäuferinnen auf den Berliner Wochenmärkten. Im „Butt“ ist die Rede von einer Affäre des Ich-Erzählers mit einer Gemüsefrau, die Waren aus Britz anbot. Wer ihm wohl an diesem Sonnabend gefallen hätte?

Das Gedankenspiel beendet der Ruf nach Zwiebeln. Ein Kunde am Fischstand verlangt Matjes. Natürlich mit Zwiebeln, am liebsten wahrscheinlich gehäutet und nicht geschält, so wie sie in der Küche des Schriftstellers zubereitet wurden. Der Nobelpreisträger hat gerne deftig gegessen, gerne mit Freunden. Max Frisch bekam zur Begrüßung Nieren aufgetischt, andere Hammelbraten oder Fischsuppe. Hauptsache, es schmeckte. Der Raucher Grass ist übrigens 87 Jahre alt geworden. Ein genussvolles Leben muss nicht zwingend früh enden.

Am Abend brutzelt der Saibling vom Markt zu Hause in der Röhre, gemeinsam mit frischem Marktgemüse und Kartoffelecken. Als die Teller leer sind, gibt es Schnaps – wie früher bei Grass. Irgendwer hat übrigens nachgesalzen am Tisch. Was ein letztes Mal an den Schriftsteller erinnert und seinen ersten Satz aus dem „Butt“. Es gibt Literaturkritiker, die halten den Einstieg für einen der besten, der je geschrieben wurde. „Ilsebill salzte nach.“ So geht’s los. In dem Roman wird nach dem Essen dann ein Kind gezeugt.