Der zwölfte Mann – wie der vietnamesische Geheimdienst Trinh Xuan Thanh entführte

Am Kammergericht läuft der zweite Prozess um die Entführung eines Ex-Politikers aus Berlin. Höchste Regierungskreise Vietnams sind wohl in den Fall verwickelt.

Der einstige Politiker Trinh Xuan Thanh (M.) wird Anfang 2018 zu einem Gericht in Hanoi gebracht. 
Der einstige Politiker Trinh Xuan Thanh (M.) wird Anfang 2018 zu einem Gericht in Hanoi gebracht. AP

Am frühen Nachmittag fährt der Autokonvoi einer hochrangigen vietnamesischen Delegation am Flughafen in Bratislava vor. Sie besteigt einen Airbus der Regierung, den sie sich erbeten hat und der ihr vom slowakischen Innenministerium zur Verfügung gestellt wurde. Die Passagiere haben Diplomatenpässe. Ein Mann wird regelrecht die Gangway hinaufgeschleppt, flankiert von zwei Männern, die ihm scheinbar helfend unter die Arme greifen. Er sei betrunken, sollen sie seinen Zustand erklärt haben.

Um 14.45 Uhr hebt die Regierungsmaschine von der Startbahn ab. Ihr Ziel liegt außerhalb des Schengenraumes – in Russland. Um 17.12 Uhr landet der Airbus auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo. Der scheinbar betrunkene Passagier an Bord, davon sind die Ermittler in Deutschland heute überzeugt, ist der drei Tage zuvor in Berlin entführte Vietnamese Trinh Xuan Thanh, ein in Ungnade gefallener ehemaliger Politiker des kommunistischen Einparteienstaates.

Die Ermittler in Berlin haben nicht lange rätseln müssen, wie es gelungen war, den Verschleppten, nach dem bereits gefahndet wurde, unentdeckt aus dem Schengenraum zu bringen. Denn den Planern der von höchsten Regierungskreisen angeordneten Geheimdienstaktion waren zu viele Fehler unterlaufen, die die Fahnder schließlich in die slowakische Hauptstadt führten.

Mehr als fünf Jahre später betritt eine dunkel gekleidete Frau den Verhandlungssaal des Berliner Kammergerichts. Obwohl es ein Novembertag ist, trägt sie eine große dunkle Sonnenbrille, die sie erst vor dem Richtertisch abnimmt. Die 53-Jährige ist die Ehefrau von Trinh Xuan Thanh. Seit der Flucht der Familie vor sechs Jahren aus Hanoi lebt sie mit ihren beiden jüngsten Töchtern in Deutschland, ist als politisch Verfolgte anerkannt. Ihren Namen muss sie nennen, ihren Wohnort nicht – weil sie damit „Leib, Leben und Freiheit“ gefährden würde, wie es heißt.

Die Frau ist Zeugin in diesem zweiten Prozess gegen einen mutmaßlichen Tatbeteiligten der Verschleppung ihres Ehemannes Trinh Xuan Thanh, genannt TXT, der am Montag fortgesetzt wird. Keine zwei Meter von dem Zeugenplatz entfernt sitzt Anh Tu L. zwischen seinen beiden Anwälten. Er ist vietnamesischer Staatsbürger, trägt einen schwarzen Nike-Jogginganzug und große Kopfhörer, mit denen er die sich abwechselnden Dolmetscher hören kann.

Der Angeklagte sieht jünger aus, als er mit seinen 32 Jahren ist. Als Kraftfahrer soll er an der Ausspähung des späteren Opfers in Berlin und an Thanhs Entführung in die Slowakei beteiligt gewesen sein. Bis zu der Tat hatte er in Prag gelebt, sich nach der Tat in seine Heimat abgesetzt. Als er im April dieses Jahres nach Tschechien zurückkehrte, um seine Mutter zu besuchen, wurde er bei der Einreise festgenommen und nach Deutschland überführt.

Der nun Angeklagte Anh Tu L. mit seinem Strafverteidiger Marvin Schroth
Der nun Angeklagte Anh Tu L. mit seinem Strafverteidiger Marvin Schrothdpa

Ebenso wie ein bereits verurteilter Landsmann ist Anh Tu L. in dem Fall nur ein kleines Licht, ein Tatgehilfe, dem die Bundesanwaltschaft geheimdienstliche Agententätigkeit und Beihilfe zur Freiheitsberaubung vorwirft. Angeordnet wurde Thanhs Entführung von höchsten Stellen in Vietnam. So steht es in der Anklage und so hat es das Kammergericht schon in seinem ersten Urteil gegen einen Entführungsgehilfen festgestellt.

Aufmerksam verfolgt der Angeklagte, was die Frau im Zeugenstand zu sagen hat. Sie erzählt auf Nachfrage, dass ihr Mann seit seiner Ankunft in Hanoi vier Jahre lang in B 14 gesessen habe. B 14 ist ein Lager für Untersuchungsgefangene, die in dem kommunistischen Land in Ungnade gefallen sind. Es liegt im Stadtteil Thanh Liet der vietnamesischen Hauptstadt. In der streng gesicherten Haftanstalt sitzen Dissidenten und ehemalige Funktionäre der Kommunistischen Partei. Direkt unterstellt ist sie dem Ministerium für öffentliche Sicherheit.

Die Menschen, die in B 14 weggesperrt sind, haben weder Kontakt zur Außenwelt noch zu anderen Gefangenen. Nach Auskunft von Menschenrechtsorganisationen können sie noch nicht einmal mit ihren Anwälten sprechen, ohne dass der Staat mithört. Ihr Mann sei vier Jahre lang in einer vier Quadratmeter großen Zelle mit einem „sehr kleinen Fenster“ inhaftiert gewesen, schildert Thanhs Ehefrau an diesem bisher letzten Verhandlungstag. Seit der Entführung aus Berlin habe sie ihren Mann weder gesehen noch gesprochen.

Die wenigen Details über den Vater ihrer vier Kinder kennt die 53-Jährige von ihren Angehörigen in Vietnam. Etwa dass Trinh Xuan Thanh in dem Untersuchungsgefängnis keinen Freigang hatte. „Ihm ging es dort sehr schlecht. Ich habe später von seinen sehr destruktiven Gedanken erfahren“, berichtet die 53-Jährige. Anh Tu L. hört schweigend zu, er äußert sich nicht zu den Vorwürfen. Doch auch ohne seine Aussage kennen die Ermittler längst viele Details um die Entführung des in Vietnam abtrünnig gewordenen Parteigenossen.

Ein Minister ordnete Entführung an

Trinh Xuan Thanh gehörte einst zum westlich orientierten Reformflügel der Kommunistischen Partei (KP) Vietnams. Er war Vorstandschef eines staatlichen Unternehmens, sollte gar stellvertretender Minister werden. Seine Karriere endete, nachdem sich 2016 konservative Kräfte der KP durchgesetzt hatten. Thanh fiel in Ungnade. Zuvor eingestellte Ermittlungen gegen ihn wegen Veruntreuung staatlicher Gelder wurden wieder aufgenommen, er bestritt die Vorwürfe.

Aus Angst vor einer Verhaftung floh er im August 2016 nach Deutschland zu seiner kurz zuvor dorthin ausgereisten Ehefrau und den Kindern. In Berlin hielt sich Thanh versteckt, vermied den Kontakt zu seinen Landsleuten. Er war gewarnt worden, dass man seiner habhaft werden wollte. Im Mai 2017 stellte er einen Asylantrag als politisch Verfolgter.

Auslieferungsersuchen Vietnams blieben in Berlin ungehört – weil deutsche Behörden keine Grundlagen dafür sahen. Selbst ein Gespräch des vietnamesischen Ministerpräsidenten mit der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel am Rande des G20-Gipfels Anfang Juli 2017 über den Fall TXT verlief für die vietnamesische Seite ergebnislos.

Was dann geschah, liest sich im ersten Urteil des Kammergericht wie das Drehbuch für einen schlechten Agententhriller aus Zeiten des Kalten Krieges: In Absprache mit dem vietnamesischen Geheimdienst ordnete To Lam, der noch immer amtierende Minister für die öffentliche Sicherheit Vietnams, Thanhs Entführung an. Mit der Planung beauftragte er Vizegeheimdienstchef Duong Minh H., einen Zwei-Sterne-General, dem die Einheit zur Bekämpfung von Dissidenten und Regimegegnern im In- und Ausland unterstand.

Geeignet für Thanhs Verschleppung schien ein Besuch seiner Geliebten im Juli 2017 in Berlin. Landsleute wurden für den Coup rekrutiert und in Tschechien Autos gemietet, um keine Fahrzeuge der Botschaft in Berlin verwenden zu müssen. Ein Agentenkommando beschattete Thanhs Freundin seit ihrer Landung am Flughafen Tegel auf Schritt und Tritt. Am 23. Juli 2017 wurde das Paar bei einem Spaziergang im Tiergarten in einen VW-Transporter gezerrt, der am Wegesrand gehalten hatte. Die Aktion an jenem Sonntagvormittag dauerte keine Minute. Am Tatort zurück blieben nur die Sonnenbrille und das Mobiltelefon der Frau sowie fassungslose Zeugen.

Spur der Geliebten verliert sich in Hanoi

Der alarmierten Polizei konnten sie ein Foto des Fahrzeugs und des Kennzeichens übergeben. Das Tatauto war ein Mietwagen mit GPS. Dadurch klärten die Ermittler, wie Thanh außer Landes gebracht werden konnte. Hotels in Berlin wurden ausfindig gemacht, in denen die Organisatoren des Coups abgestiegen waren. Darunter auch General H.

Der Wagen mit den Verschleppten fuhr auf das Gelände der vietnamesischen Botschaft in Treptow. Noch am selben Tag wurde Thanhs Freundin von zwei „Begleitern“ mit einem eiligst gebuchten Flug über Peking und Seoul nach Hanoi zurückgebracht, die Rechnung in Höhe von 3820 Euro wurde zwei Tage später in bar beim Reisebüro bezahlt. Die Spur der verschleppten Frau verliert sich in Hanoi in einem Krankenhaus, in dem ihr bei der Entführung gebrochener Arm behandelt wurde.

Trinh Xuan Thanh verblieb vermutlich noch zwei Tage in der Botschaft Vietnams. Dort hatten deutsche Ermittler keinen Zugriff. Am 25. Juli, so ergaben die Ermittlungen, verließen zwei Fahrzeuge mit Diplomatenkennzeichen, ein VW Passat und ein Kleintransporter, das Botschaftsgelände. Ziel war zunächst das tschechische Brno. Dort soll Thanh in ein anderes Fahrzeug umgeladen und nach Bratislava geschafft worden sein.

Nun wird es ominös. Nach den Ermittlungen hatten Vietnams Sicherheitsminister To Lam und General H. beschlossen, ein geplantes Arbeitstreffen des Ministers mit seinem slowakischen Amtskollegen Robert Kalinak zu nutzen, um TXT unbemerkt nach Vietnam zu transportieren. Sie baten die slowakische Seite, die Zusammenkunft kurzfristig von Wien nach Bratislava zu verlegen und ihnen eine slowakische Regierungsmaschine zur Verfügung zu stellen. Das Innenministerium in Bratislava stimmte zu.

Das Treffen fand am 26. Juli 2017 im regierungseigenen Hotel Borik statt. Um 13.25 Uhr traf die elf Mann zählende vietnamesische Delegation dort ein. Neben To Lam nahm auch General H. an dem Treffen teil. Angeblich ging es um die Unterstützung der Slowakei bei der Ausrüstung von Feuerwehr und Polizei in Vietnam. Das Arbeitsessen dauerte knapp 50 Minuten, dann drängten die Gesandten aus Vietnam auf Abreise. „Es konnte noch nicht einmal das Dessert gereicht werden“, sagt Anwältin Petra Schlagenhauf, die den entführten Thanh als Nebenkläger beim Prozess in Berlin vertritt.

Die Gäste wurde zum Flughafen gebracht. Thanh muss sich unter ihnen befunden haben, sind sich die Ermittler sicher. Er sei „durch Drohungen, Verabreichung von Medikamenten oder Alkohol“ gefügig gemacht und „unter falschem Namen als zwölfte Person in die vietnamesische Regierungsdelegation“ geschleust worden, heißt es in der Anklage der Bundesanwaltschaft gegen Anh Tu L. Von Moskau wurde er vermutlich mit einer Maschine der Vietnam Airlines nach Hanoi gebracht – auf einer Trage liegend, getarnt als Kranker.

Acht Tage nach dem Abflug von Bratislava präsentierte das Staatsfernsehen in Vietnam einen reuigen Trinh Xuan Than. Er erklärte, freiwillig in seine Heimat zurückgekehrt zu sein, um sich der Verantwortung zu stellen. In zwei Schauprozessen wegen Korruption entkam er der drohenden Todesstrafe, wurde zu jeweils lebenslanger Haft verurteilt.

Thans Frau erzählt vor Gericht, dass ihr Mann im Juni vorigen Jahres in ein anderes Gefängnis verlegt worden sei. Seitdem gehe es im psychisch besser. Er sei mit anderen Gefangenen in einer 25-Mann-Zelle untergebracht. Er könne arbeiten, fernsehen, und er nehme am Unterricht teil. Was das für Unterricht sei, will der Bundesanwalt wissen. „Staatsbürgerkunde“, übersetzt der Dolmetscher die Antwort von Thanhs Frau. Es ginge dabei um Moral und wie man die Bevölkerung zu besseren Menschen erziehe.

Thanh hat die Vorwürfe der Korruption stets bestritten. Seine Anwältin nennt sie an den Haaren herbeigezogen. Die Frau von TXT sagt als Zeugin, die Richter in Hanoi hätten die Beweismittel der Verteidigung verworfen. Ihr Mann habe nicht die Absicht, gegen die Urteile Rechtsmittel einzulegen. „Er ist aber innerlich überzeugt, dass er eines Tages nach Deutschland ausreisen und seine Familie wiedersehen darf.“

Die Entführung hatte zu ernsthaften Zerwürfnissen zwischen beiden Ländern geführt. Doch es gibt Bewegung in dem Fall. Die deutsche Botschaft hat Kontakt zu dem Entführten. Erst vor wenigen Tagen war Bundeskanzler Olaf Scholz in Vietnam. Thanhs Anwältin Petra Schlagenhauf sagt, der Fall sei für sie erst erledigt, „wenn mein Mandant die Gangway eines Flugzeuges am BER hinuntersteigt“.