Berlin - Sie sind flink, wendig, und sie geraten immer öfter in das Visier der Berliner Polizei. In diesen Tagen werden E-Scooter und ihre Nutzer verstärkt kontrolliert, sagte Frank Schattling, der im Polizeipräsidium den Stab Verkehr leitet, am Mittwoch der Berliner Zeitung. Während der „Überwachungswoche“ müssen Fahrer von Elektro-Tretrollern auch abends damit rechnen, in eine Kontrolle zu geraten. Jetzt geben offizielle Daten weitere Hinweise darauf, worin die Risiken der neuen Fortbewegungsart bestehen. Einen Monat nach der Legalisierung der E-Scooter in Deutschland legte Berlins Polizei eine detaillierte Unfallbilanz vor.

Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch, sagte Schattling. „Zu kleineren Unfällen, bei denen es keine weiteren Beteiligten gibt, wird die Polizei kaum gerufen.“ Dennoch gelten die Zahlen für die Zeit vom 15. Juni bis zum 16. Juli als aussagekräftig. Danach registrierte die Polizei während der ersten vier Wochen nach der Legalisierung in Berlin 21 Verkehrsunfälle, an denen E-Scooter beteiligt waren. Es gab vier schwer und 15 leicht Verletzte. Elf Unfälle ereigneten sich in Mitte, hieß es weiter.

Drei Fußgänger verletzt

Eine auffällige Besonderheit: Die meisten Unfälle wurden von den E-Scooter-Nutzern verursacht. „Es waren 18. Das entspricht einem Anteil von 85 Prozent“, berichtete Schattling. Bei Radfahrern liegt die Unfallverursachungsquote dagegen bei etwas mehr als 50 Prozent.

Dass die Elektromobile, die Tempo 20 erreichen, von vielen nicht beherrscht werden, zeigt ein weiterer Befund. Danach war an jedem dritten Unfall außer den E-Scooter-Fahrern niemand beteiligt, es handelte sich um sogenannte Alleinunfälle. Da ist der Mann, der in Marienfelde mehrere Zähne einbüßte, als er auf die Straße stürzte. Ein anderer Fahrer wollte bremsen, gab aber stattdessen aus Versehen Gas. „Viele Fahrer überschätzen ihre Fähigkeiten und haben Probleme bei der Bedienung der E-Scooter“, stellte Schattling fest.

Der Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS), der sich als Fußgängerlobby versteht, sieht die neue Konkurrenz im immer engen Straßenraum mit großer Skepsis. Wie groß ist nun die Gefahr für Menschen, die zu Fuß in Berlin unterwegs sind? Im ersten Monat nach der Legalisierung der E-Scooter wurden drei Fußgänger in Berlin von solchen Fahrzeugen leicht verletzt, teilte die Polizei mit.

Im Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg brachte ein E-Tretroller-Fahrer eine Frau zu Fall, als sie ihren Hund ausführte. Er fuhr in die gespannte Leine hinein – und flüchtete unerkannt. Einen E-Scooter-Unfall nahm die Polizei auf der Warschauer Straße in Friedrichshain auf, wo der Fußgänger auf einem Radfahrstreifen lief,  als sich die Kollision ereignete. Ein weiterer Unfall mit einem Passanten geschah auf dem Pariser Platz in Mitte. 

Gehwege sind für E-Scooter tabu. Wo es Radwege oder Radfahrstreifen gibt, müssen sie diese nutzen. Auch dort kam es zu Kollisionen – drei Radfahrer wurden leicht verletzt. Alle diese Unfälle ereigneten sich in Mitte.

Die Analyse der Berliner Polizei hält weitere Erkenntnisse parat. So waren die E-Scooter-Fahrer mit durchschnittlich 25 Jahren relativ jung. Bei acht E-Scooter-Unfällen war Unachtsamkeit die Ursache. Vier Mal kam es zu Unfallflucht. Drei Unfallverursacher wiederum waren alkoholisiert unterwegs. Dazu zählte der Mann, der mit 1,45 Promille nachts gegen 0.30 Uhr in einer Linkskurve in Mitte die Gewalt über sein Mini-Mietfahrzeug verlor und stürzte – mit einer ebenfalls alkoholisierten Frau, die sich verbotenerweise ebenfalls auf dem E-Scooter befand.

Wie sähe man bei der Berliner Polizei eine Helmpflicht, wie sie momentan diskutiert wird? Skeptisch. Dann gäbe es ein "Überwachungsproblem", gab Frank Schattling zu bedenken. Zudem könne er sich vorstellen, dass das jetzige Geschäftsmodell der Vermieter in Gefahr geraten könnte. Sie müssten Helme bereithalten, und dies könnte wohl nur in Mietstationen geschehen - die es derzeit nicht gibt.

Führerschein kann in Gefahr geraten

21 registrierte Unfälle in vier Wochen: Ist das nun viel oder wenig? Zum Vergleich: Im Juni des vergangenen Jahres nahm die Berliner Polizei rund tausend Fahrradunfälle auf. Es gibt aber auch viel mehr Fahrräder als Elektrokleinstfahrzeuge. In der der Senatsverwaltung spricht man von acht Anbietern, die jeweils mit rund tausend E-Scootern in Berlin gestartet sind oder starten wollen. Wie groß ist die Gefahr wirklich? Dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat die Länder aufgefordert, ihre Möglichkeiten für eine „sichere und sachgemäße Nutzung“ der E-Tretroller auszuschöpfen. Bei der Berliner Polizei sollen E-Scooter aber "kein Jahresschwerpunktthema" werden, hieß es dort. Derzeit gebe es größere Herausforderungen, zum Beispiel die Überwachung des Fahrradverkehrs. Jedoch: „Wir dürfen uns dem Thema nicht verschließen, das wollen wir auch gar nicht“, sagte Frank Schattling.

So hat die Berliner Polizei bei Youtube ein Tutorial veröffentlicht und Flyer drucken lassen, die ebenfalls auf deutsch und englisch Regeln erklären – zum Beispiel, dass außer Gehwegen auch Grünanlagen und Fußgängerzonen für die kleinen Zweiräder verboten sind. Dasselbe gilt für Busspuren: Nicht überall, wo Rad gefahren werden darf, dürfen auch Elektrokleinstfahrzeuge unterwegs sein.

Ebenfalls wenig bekannt ist, dass dieselben Promillegrenzen und Punkteregelungen gelten wie bei anderen Kraftfahrzeugen. „Ab 0,3 Promille kann bei einem Unfall der Führerschein in Gefahr geraten“, warnte Schattling. Auch wer E-Scooter ohne Versicherung fährt, handelt riskant. Das ist eine Straftat, und es besteht die Gefahr, bei einem Unfall den gesamten Schaden zahlen zu müssen.

Mehr als 20 Verstöße pro Stunde

Dass Gehwege tabu sind, wird allerdings ebenso ignoriert wie das Verbot, jemanden mitzunehmen. Als die Fahrradstaffel der Polizei am Dienstag rund um die Spandauer Straße und Karl-Liebknecht-Straße in Mitte kontrollierte, stellte sie in einer Stunde 21 E-Scooter-Verstöße fest. Bei den Fahrern handelte es sich ausschließlich um Touristen.

Die Polizei geht jedoch davon aus, dass auch Berliner zunehmend auf den Geschmack kommen – und solche Flitzer privat kaufen. „Es geht jetzt erst los“, sagte Schattling. „Bei der Zahl der E-Scooter in Berlin ist noch Luft nach oben. Gerade außerhalb der City wird dieses Verkehrsmittel auch noch seinen Platz erhalten.“ Verschwinden werden die E-Scooter jedenfalls nicht:„Wir können das Rad nicht zurückdrehen.“