Deutsch-israelische Freundschaft: „Wir kommen trotzdem!“

Als in Gaza die ersten Autoreifen zur Grenze gerollt werden, steigt Sören Benn vor dem Rathaus in Aschkelon aus, hängt sich seinen Rucksack mit der Kippa und den Stoffbeutel mit den Gastgeschenken über die Schulter und blinzelt in die Sonne.

Sören Benn, 49 Jahre alt, Mitglied der Links-Partei, ist Bürgermeister von Berlin-Pankow und mit einer 14-köpfigen Delegation nach Aschkelon gekommen, um der israelischen Partnerstadt zum 70. Jahrestag der Staatsgründung zu gratulieren. Die Reise wurde vor einem Jahr geplant, lange bevor abzusehen war, dass der Jahrestag von anderen Ereignissen überschattet werden könnte: die US-Botschaftseröffnung in Jerusalem, der Nakba-Tag der Palästinenser, die Proteste in Gaza. Für Jerusalem gibt es eine aktuelle Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Auch das Gebiet in der Nähe des Grenzzauns von Gaza sollte unbedingt gemieden werden, heißt es. Die Hamas hat zu einem Sturm auf die Grenze aufgerufen. Aschkelon liegt sieben Kilometer von der Grenze entfernt.

Der AfD-Fraktionsvorsitzende hat kurz vorher abgesagt. Der Rückflug sei gestrichen worden, war seine Begründung, die keiner richtig geglaubt hat. Alle anderen sind dabei. Stadtverordnete, Bürgerbeauftragte, Ausschussvorsitzende. Auch der ehemalige Bürgermeister Matthias Köhne, seine Frau leitet den Aschkelon-Freundeskreis. In ihren Gesichtern glänzt Sonnencreme, sie tragen praktische Schuhe, Sonnenbrillen und Rucksäcke. Ein Mann hat eine Kippa auf dem Kopf. Ihre Mienen sind ernst und erwartungsvoll. Wegen der Reisewarnungen, aber auch, weil sie mit einer Mission hier sind.

Vor drei Wochen wurde am Helmholtzplatz ein Israeli, der eine Kippa trug, auf offener Straße zusammengeschlagen. Bei dem Täter handelte es sich um einen palästinensischen Syrer, der in Brandenburg wohnt. Aber der Helmholtzplatz liegt im Bezirk Pankow. Pankow war auf einmal in aller Munde, sogar die israelischen Zeitungen schrieben über den antisemitischen Vorfall. Der Pankower Bürgermeister ließ auf den jüdischen Friedhöfen Berlins Kippot einsammeln und sie vor der nächsten Bezirksverordnetenversammlung austeilen. Alle haben mitgemacht, sogar ein paar Frauen, sagt er.

Wie im Schulunterricht, nur realer

Benn ist das erste Mal in Israel, er habe es vorher einfach nie geschafft, sagt er. Am Nachmittag zuvor ist er gelandet, nun geht das offizielle Programm los. Der deutsche Bürgermeister soll seinen israelischen Amtskollegen treffen, danach gibt es einen Ausflug zu einem Kibbuz und am nächsten Tag einen Museumsbesuch und eine Stadtführung. Aber jetzt steht erstmal ein weißhaariger Mann im karierten Hemd auf dem Parkplatz, zeigt auf ein Viereck im Asphalt und ruft: „Hier ist die Rakete eingeschlagen.“

Die Deutschen gucken auf das Viereck. Die Rakete?

„2007, eine Hamas-Rakete!“, ruft der Mann. „Das Auto vom Sicherheits-Kommandeur wurde zerstört. Er saß nicht drin.“ Die Deutschen nicken erleichtert. Der Mann lacht. Er heißt Alan Marcus, man soll ihn Alan nennen, ist pensionierter Direktor für Strategie-Planung und hat im Notfall-Kommando-Zentrum der Stadt eine Präsentation vorbereitet. Fünf Minuten später sitzen die Pankower in einem fensterlosen Raum und erfahren, dass seit 2006 die Hamas 540 Raketen auf Aschkelon abgefeuert hat, dass bis 2010 alle eingeschlagen sind, aber danach so gut wie keine mehr.

„Und wissen Sie warum?“, fragt Alan in die Runde.

„Iron Dome“, sagt eine Pankowerin.

„Richtig“, ruft Alan. „Unser Raketen-Abwehrsystem.“

Es ist ein bisschen wie im Schulunterricht, nur irgendwie realer. Vor knapp einer Woche hat der Iran Raketen aus Syrien abgeschossen, und Israel hat sie abgefangen. Auch davor warnt das Auswärtige Amt.

Alan erklärt, was im Ernstfall zu machen ist. Nach dem Ertönen der Sirene hat man höchstens 30 Sekunden Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, manchmal auch nur 12. Alle Kindergärten und Schulen in Aschkelon sind mit Luftschutzbunkern ausgestattet, und 78 Prozent der Bewohner in ihren Wohnungen haben eigene Bunker. Seine Enkel schliefen sogar darin, damit sie bei Bombenalarm nachts nicht geweckt werden müssen, sagt Alan, sichtlich stolz, dass seine Familie eine sichere und praktische Lösung gefunden hat.

Turbulenzen wirken sich auf deutsch-israelische Städtebeziehung aus

Die Deutschen hören still zu. Vielleicht sind sie überrascht darüber, wie locker Alan über die Bedrohung redet, vielleicht ahnen sie, dass ihre Partnerstadt andere Probleme hat als den Kippa-Vorfall in Berlin-Pankow.

Aschkelon liegt 50 Kilometer südlich von Tel Aviv, hat 150.000 Einwohner, einen alten Hafen, einen Nationalpark, ein großes Elektrokraftwerk und einen traumhaften Strand, der manchmal wegen der Abwässer von Gaza, die ins Meer fließen, gesperrt werden muss. Eine typische israelische Stadt, in jeder Hinsicht: Vor einem Jahr wurde der Bürgermeister Itamar Shamani verhaftet. Er soll von Geschäftsleuten bestochen worden sein. Außerdem gibt es Vorwürfe wegen sexueller Belästigung.

Die Turbulenzen im Rathaus wirkten sich auch auf die deutsch-israelischen Städtebeziehungen aus. Der alte Bürgermeister musste abtreten, der neue schien kein großes Interesse an der Partnerschaft zu Pankow zu haben. Vor acht Wochen kam eine Mail aus dem Aschkeloner Rathaus, der Besuch müsse wegen der bevorstehenden Wahlen im Oktober abgesagt werden. Abgesagt? Die lang geplante Reise zum 70. Jahrestag? Die fassungslosen Pankower antworteten, die Flüge seien gebucht, alle freuten sich. „Wir kommen trotzdem.“ Aschkelon schrieb, man verstehe nicht, warum die Deutschen schon so früh Flüge gebucht hätten.

„Das war schon ziemlich schnippig“, sagt Sören Benn. Er schrieb dann einen persönlichen Brief an den Amtskollegen: Wir kommen auf eigene Initiative und organisieren alles selbst, falls Sie Zeit auf einen Kaffee haben, würde ich mich freuen. „So in der Art“, sagt Benn. Dann war Funkstille. Die Pankower buchten Zimmer übers Internet und Zugtickets vom Flughafen in die Stadt, Alan erklärte sich bereit, Chauffeurdienste für die Deutschen zu übernehmen. Vor drei Wochen kam wieder eine Mail aus dem Aschkeloner Rathaus, ein DinA4-Zettel mit Besuchsprogramm. Ein Friedensangebot.

Wie ein zwangsverheiratetes Ehepaar

Das Rathaus von Aschkelon ist ein graues Gebäude mit kastenförmigen Klimaanlagen an den Fenstern. Zum Empfang mit dem Bürgermeister geht es vier Treppen hoch, die Pankower sind ein bisschen außer Atem, als sie oben angekommen sind. Sören Benn stellt seinen Rucksack und den Beutel in die Ecke, als ein kleiner Mann mit Halbglatze, enger Hose und engem Hemd erscheint. Tomer Glam, der neue Bürgermeister.

Er setzt sich an die Stirnseite des Tisches hinter ein weißes Blumengesteck und begrüßt die Pankower. Er freue sich sehr über den Besuch. Schade sei nur, dass sie nicht zwei Tage eher gekommen seien, dann hätten sie beim Eurovision Song Contest für die israelische Sängerin Netta stimmen können. Er lacht. Dann fragt er, ob noch jemand reden wolle. Sören Benn hebt die Hand. Bevor er etwas sagen kann, ergreift eine Frau das Wort, die Tourismusbeauftragte von Aschkelon, danach ist der Stellvertretende Bürgermeister an der Reihe. Er weist darauf hin, was für ein besonderer Tag heute sei. „Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die USA ist ein historisches Ereignis in der Geschichte des Landes.“

Das passt gut zu der Landkarte auf der Rückseite des Kataloges, den jeder Gast als Geschenk bekommt: eine Israel-Karte, in der es keine inneren Grenzen gibt, nur äußere, im Westen das Mittelmeer, im Osten Jordanien, dazwischen nichts. Von den besetzten Gebieten der Palästinenser keine Spur. Aber die Kataloge werden erst am Ende verteilt. Jetzt ist erst einmal der deutsche Bürgermeister dran. Er sagt, wie er sich freue, hier zu sein und stellt die Delegation vor. Er spricht gebrochenes Englisch, einen deutschen Dolmetscher gibt es nicht. Dann lädt er den Amtskollegen zum 25. Jahrestag der Städtepartnerschaft nach Pankow ein und verteilt Gastgeschenke. Glam sagt, er hoffe, dann noch im Amt zu sein. Er lacht. Benn lacht nicht. Die Bürgermeister sitzen hinter dem weißen Blumengesteck wie ein zwangsverheiratetes Ehepaar. Benn sagt später, er habe eigentlich zum 70. Jahrestag gratulieren wollen, aber es schlichtweg vergessen.

„Ist das Gaza?“

Sören Benn kommt aus der DDR, war Friedensaktivist in der evangelischen Kirche, während des Kosovo-Krieges ist er in die PDS eingetreten. Man merkt ihm an, wie sehr er sich bemüht zu verstehen, nicht bewerten will, was er nicht kennt. „Hast du ne Idee, warum es so schwierig ist“, fragt er seinen Vorgänger auf dem Weg zum nächsten Termin, einem Besuch in einem Kibbuz. Matthias Köhne erzählt, wie gut es noch bis vor Kurzem lief. Man besuchte sich gegenseitig, organisierte Seniorenreisen nach Israel und einen Jugendaustausch zur Fußball-WM, private Freundschaften entstanden.

Die beiden Männer sitzen nebeneinander im Bus. In der Mitte steht Alan Marcus, Alan, und sagt, wie entsetzt er sei, was in den letzten Jahren aus Aschkelon geworden ist. Immer habe die Stadt ihr Budget eingehalten, jeden Städtepreis gewonnen. Und nun! Shimoni, der Bürgermeister mit den Korruptionsvorwürfen habe das Geld aus dem Fenster geworfen, sein Nachfolger sei nicht besser. Mit einer Stimme Vorsprung sei er gewählt worden. Eine Stimme!

Die Pankower lachen und wollen wissen, was aus dem korrupten Bürgermeister geworden sei. Alan winkt ab. Ein Prozess gegen ihn sei eingestellt worden, mit dem anderen sehe es nicht besser aus. Shimoni will für die nächsten Wahlen wieder antreten. Und führt in den Umfragen mit 40 Prozent.

Von den Schüssen erfahren sie erst aus dem Internet

Es ist kein Witz. Die Pankower verstehen gar nichts mehr, sie sehen aus dem Fenster, wo grüne Wiesen und leuchtend gelbe Felder vorbeigleiten. Landschaften wie im Reisekatalog. Nur ganz hinten, am Horizont steigt Rauch auf, nicht nur an einer Stelle, sondern an vielen. Die meisten merken es erst gar nicht. „Ist das Gaza?“, fragt einer. Alan Marcus wirft einen Blick nach links und nickt.

Im Kibbuz angekommen, kann man den Rauch aus Gaza riechen, der Kibbuz ist nur vier Kilometer von der Grenze entfernt, jedes Haus hier hat einen Bunker. Vom Dach der Druckerei sieht man die Wolken ganz deutlich und auch die Häuser der Gaza-Bewohner dahinter. Kurz steht die Delegation oben und blinzelt in die Ferne. Dann geht das Programm weiter: Vortrag über das Gemeinschaftsleben, Rundgang durch den Kibbuz, gemeinsames Mittagessen, Rückfahrt nach Aschkelon. Von den Schüssen in Gaza erfahren sie erst, als sie im Restaurant am Hafen Bier trinken und ins Internet gucken.

Die Zahl der Toten liegt bei 37, am Ende des Tages werden es über 50 sein. Die ganze Welt redet über Gaza. Und in Aschkelon geht das Leben weiter als wäre nichts geschehen, die Menschen hier schützen sich mit Bunkern und Raketenabwehrsystemen, aber blenden aus, was direkt neben ihnen geschieht, als habe es nichts mit ihnen zu tun. Sie leben in einer Parallelwelt. Auch das ist etwas, was die Pankower auf dieser Reise lernen. Und wie leicht man Teil davon wird.

Seine Mission vergisst der Bürgermeister nicht

Am nächsten Morgen um neun steigen sie wieder aus den Autos. Müde, aber tapfer, keiner ist abgereist. Es geht weiter im Besuchsprogramm. Die Gruppe besichtigt das Haus einer israelischen Mosaik-Künstlerin. „Herzlich Willkommen in Aschkelon“, begrüßt der Sohn der Künstlerin die Gruppe und bittet ins Haus. Sören Benn bleibt noch einen Moment auf der Terrasse. Er soll sagen, was sein Eindruck ist, wie er den Abend erlebt hat.

Er sagt, wie surreal die Situation für ihn ist, so dicht dran zu sein und so wenig mitzubekommen. Dann sagt er einen sehr staatsmännischen Satz: Er sei beeindruckt, was die Israelis in 70 Jahren geschaffen und wie sie die Gefahr in ihr Leben integriert haben und dass man bald mit den Vorbereitungen für den 25. Jahrestag der Städtepartnerschaft beginnen werde. Es sind die Worte, die er eigentlich im Rathaus sagen wollte.

Er ist der Bürgermeister, und er ist mit einer Mission gekommen, das hat er nicht vergessen. Am Nachmittag wird der offizielle Teil der Reise beendet sein. Die Gruppe löst sich auf, ein paar fliegen zurück, ein paar bleiben noch eine Nacht in Aschkelon. Sören Benn fährt mit dem Zug nach Tel Aviv. Er hat gehört, der Strand dort sei sehr schön.