Die Tischlampe auf der Bühne ist angeknipst. Sie hüllt die Räume der Buchhandlung in gedämpftes Licht. Das Publikum hat Platz genommen, die letzten Kopfhörer werden zurecht gerückt. Eine Simultanübersetzerin macht es sich in einer Ecke bequem. Ein bisschen fühlt man sich an die Dichterlesung aus Loriots „Pappa ante Portas“ erinnert, hier beim dritten Gespräch der Reihe „Polnisch Poetisch“ in der deutsch-polnischen Buchhandlung Buchbund. Die Übersetzerin und Autorin Esther Kinsky hat den polnischen Poeten Dariusz Sosnicki zu Gast, der aus einem seiner Lyrikbände liest.

Bestehen gegen große Ketten

Polnische Lyrik? In Berlin ist das etwas Besonderes, in der Sanderstraße 8 in Neukölln aber gehört Lyrik zum festen Repertoire. Dort betreiben Nina Mueller und ihr Mann Marcin Piekoszewski den Buchbund. „Im Oktober 2011 haben wir eröffnet, vor allem als Buchhandlung. Nach und nach aber haben wir unser Konzept erweitert“, erzählt die 34-jährige Nina Mueller.

Zum erweiterten Konzept gehören ein angeschlossenes Café, Polnisch- und Jiddischsprachkurse, Stammtische für Literaturinteressierte und professionelle Übersetzer sowie Abendveranstaltungen wie Lesungen oder Podiumsdiskussionen. Das müsse sein, erklärt der 40-jährige Piekoszewski. „Es ist nicht leicht, gegen die großen Buchketten zu bestehen, wir müssen uns immer wieder etwas einfallen lassen.“ Würden im Buchbund sehr viele Bücher verkauft werden, so der Inhaber weiter, dann hätte das Paar nicht den Antrieb, Veranstaltungen zu organisieren.

Fremd trotz europäischer Nachbarschaft

In Berlin leben ungefähr 180.000 Polen und polnischstämmige Deutsche. Polnisch ist häufig auf Berliner Straßen zu hören. Dass erst vor vier Jahren die bisher einzige deutsch-polnische Buchhandlung Berlins eröffnet hat, ist ungewöhnlich. Mueller selbst hat sich polnischsprachige Bücher oft aus Polen bestellen müssen, was bisweilen lange gedauert hat und teuer war. Heute bekommt sie ihre Bücher einfach in ihrer eigenen Buchhandlung.

Im Buchbund gibt es polnische Neuerscheinungen, Prosa und Lyrik, Sachbücher und Biografien – und das auf Polnisch, Deutsch und Englisch. „Man muss nicht polnisch sprechen, um sich bei uns wohlzufühlen“, sagt Mueller. „Die eine Hälfte unserer Kundschaft spricht polnisch, die andere nicht.“ So habe er sich das gewünscht, bevor der Buchbund eröffnet wurde, sagt Marcin Piekoszewski. Auch Menschen, die die Sprache nicht verstehen, sollen an polnische Literatur und Kultur herangeführt werden. Schließlich gehe es um Polen und Deutsche, die sich trotz ihrer europäischen Nachbarschaft manchmal noch fremd seien.

„Einmal“, erzählt Piekoszewski, „ist eine junge deutsche Frau in unseren Laden gekommen. Sie war zuvor als Touristin in Warschau und fing an, sich dort mit der Geschichte des Warschauer Ghettos zu beschäftigen. Zurück in Berlin hat sie uns dann zufällig gefunden und wir konnten ihr helfen, passende Literatur zu besorgen.“ Solche Geschichten, sagt Piekoszewski, hätten ihn darin bestätigt, dass es richtig war, den Buchbund zu eröffnen.

Das Bild vom Spargelstecher

Mueller und Piekoszewski sehen sich als Teil einer neuen Bewegung zwischen Polen und Deutschen. Für viele junge Polen ist das offene und multikulturelle Berlin ein beliebtes Ziel; viele haben Freunde in Berlin oder wollen mal eine Zeit lang in der deutschen Hauptstadt leben. Warschau ist nicht mal sechs Stunden Bahnfahrt entfernt, Großstädte wie Poznan oder Wrocław sogar nur drei. Polnische Studenten kommen nach Berlin, Unternehmer, die in der Start-up-Szene aktiv werden oder Kreative, für die es in Berlin immer noch Freiräume gibt.

Die neuen Migranten verändern das Bild, das viele Deutsche von Polen haben. „Wir merken“, sagt Piekoszewski, „dass junge Deutsche eine neue Neugierde an Polen zeigen, das Bild von der Putzfrau oder dem Spargelstecher ist nicht mehr bestimmend.“ In den Sprachkursen im Buchbund sitzen Teilnehmer, deren Familien aus Polen stammen, die einen polnischen Freund oder eine polnische Freundin haben oder die sich einfach für die polnische Sprache interessieren, vielleicht weil sie etwas anderes machen wollten, als Englisch oder Französisch zu lernen.

Schmökernd Café trinken

Krakau ist ein beliebtes Ziel für deutsche Studenten. An der altehrwürdigen Jagiellonen-Universität stellen Deutsche eine der größten Studierendengruppen. „Ich war selbst als Gaststudentin in Krakau“, sagt Mueller. „Dort habe ich Marcin kennengelernt.“ Nina Mueller ist damals von München nach Krakau gezogen. Marcin Piekoszewski arbeitete als freier Journalist und in einer Buchhandlung in der Altstadt. „Uns kam damals schon die Idee, irgendwann selbst eine Buchhandlung zu eröffnen, zumal wir uns in einer in Krakau kennengelernt haben“, erzählt Piekoszewski.

Im Buchbund beschäftigt man sich nicht nur mit polnischer Lyrik oder dem polnisch-jüdischen Verhältnis, das regelmäßig ein Thema in Veranstaltungen ist. Gäste können auch einfach einen Kaffee trinken und schmökernd verweilen.