Wenn russische Geheimdienste morden, reagiert die Bundesregierung hart. Ist die saudische Regierung verdächtig, den Regimekritiker Dschamal Chaschukdschi heimtückisch ermordet zu haben, fordert im regierenden Berlin niemand Wirtschaftssanktionen. Wenn der IS, wie dieser Tage geschehen, 150 syrische Familien, hauptsächlich Frauen und Kinder, entführt, fällt Angela Merkels Sprecher Steffen Seibert dazu nichts ein.

Wenn aber die syrische Armee versucht, solchen Terroristen das Handwerk zu legen, dann gilt: Alles, was Assad tut, ist böse. So funktioniert doppelte Moral. Im Hinblick auf Saudi-Arabien folgt sie wirtschaftlichen Interessen. Im Fall Syrien wollen unsere Regierenden nicht zugeben, dass sie jahrelang mit sträflichem Leichtsinn „die Rebellen“ angefeuert haben.

Die Illusionen des arabischen Frühlings

Dabei ist dieser Fehler längst klar. Was Ägypten betrifft, sind alle führenden Politiker von Berlin über Jerusalem, London und Washington in halb versteckter Weise heilfroh über die dort herrschende Militärjunta. Diese putschte 2013 gegen die demokratisch gewählte Regierung der islamistischen Muslimbrüder und verhängte Hunderte Todesurteile gegen deren Unterstützer. Zuvor hatte die Bundesregierung seit 2011 die Umstürzler auf dem Kairoer Tahrir-Platz mit aufgewiegelt und Regierungssprecher Steffen Seibert erklären lassen: „Die ägyptische Bevölkerung demonstriert für Ideale wie Freiheit, Demokratie, faire Wahlen und Menschenwürde.“

Pustekuchen. Unter den nicht gerade schönen Alternativen finde auch ich die des Militärdiktators Al-Sisi die vorläufig beste, weil alles andere in Chaos und Bürgerkrieg geführt hätte (siehe Libyen). Ich habe mich keine Sekunde lang den Illusionen des „arabischen Frühlings“ hingegeben. Warum?

Ein Blick ins 19. Jahrhundert

Das sei mit einem Text aus dem Jahr 1887 begründet: Wo mehrere ethnische, religiöse, sprachliche oder soziale Gegensätze „vorhanden sind, aber schlummern und sich nur wenig bemerkbar machen, ist es in den meisten Fällen bedenklicher als die Volksaufwiegler ahnen, einen derselben zu erwecken oder aufzustacheln“. So formulierte der bayerisch-jüdische Orientalist und Jurist Dr. Siegfried Lichtenstaedter (1865–1942) das auch heute aktuelle Problem vor 131 Jahren und fuhr fort:

„Denn in der Regel kann nicht dafür gebürgt werden, dass nicht durch die Erschütterung des Rechtsbewusstseins auch die anderen Gegensätze rege werden. So ist es ganz erklärlich, dass – was so oft übersehen wird – irgendein Gegensatz Hand in Hand mit dem Brotneide geht. Die ungeheure Bedeutung des reinen materiellen Eigennutzes wird bei der Beurteilung der Gegensätze nur allzu oft völlig verkannt.“

Friedliche Veränderungen statt Revolutionen

Man betrachte die gegenwärtigen Bürgerkriege im Irak, in Libyen, im Jemen und in Syrien. Natürlich wurden dort üble Diktatoren gestürzt oder bekämpft, ebenso Unfreiheit und Willkür. Aber: Wer die einmal etablierte Ordnung zerstört, und sei es in bester Absicht, der weckt in vielen Fällen und zumeist unbedacht die Geister des Hasses, der Rache, der Raubgier und der Mordlust; der weckt alte Stammes- und Religionsfehden, ebenso ethnische und kulturelle Gegensätze, die zu sozialen geworden sind.

All diese Konflikte fusionieren dann zu unkontrollierten Gewaltexplosionen, die nur noch schwer befriedet werden können. Zu fördern sind nicht Revolutionen, sondern langsame, einigermaßen friedliche Veränderungen – hin zu Freiheit und Recht.