Berlin - Der Kommentar war eindeutig. „Die sieht ja aus, als wäre sie in einen Senftopf gefallen“, sagte ein S-Bahn-Fan auf der Innotrans. Eine Premiere der besonderen Art sorgt dort für Diskussionen.

Während der Bahnmesse wird erstmals ein Modell der neuen Berliner S-Bahn gezeigt – und mit ihm kündigt sich an, dass dieses Verkehrsmittel ein anderes Farbschema erhalten soll. Bei dem Nachbau im Maßstab 1:25, der beim Hersteller Stadler zu sehen ist, nimmt die Farbe Ockergelb einen viel größeren Teil der Außenflächen ein als heute. Auch Schwarz bekommt mehr Bedeutung. Dagegen ist der Rot-Anteil deutlich geringer.

Berliner zeigen sich konservativ

Die S-Bahn-Farben sind ein heikles Thema, bei dem sich viele Berliner als erstaunlich konservativ erweisen. Für sie müssen S-Bahnen bordeauxrot und ockergelb sein, und auch die Anteile der Traditionsfarben sind nicht beliebig.

Als 1986 kristallblaue Züge vorgestellt wurden, hagelte es Proteste. Als die Baureihe 481, die heute den Großteil der Flotte stellt, zeitweise größtenteils ockergelb lackiert mit nur geringen Rotanteilen geliefert wurde, erzwangen Fans ebenfalls eine Änderung – zurück zur Tradition. Nun kündigt sich erneut eine Debatte an.

„Mehr Frische und Freundlichkeit“

Denn die neue S-Bahn, von der Siemens und Stadler ab 2020 mehr als 380 Wagen liefern wollen, soll ebenfalls vom gewohnten Schema abweichen. Abgesehen davon, dass ihr Rot heller wirkt: Vor allem das Verhältnis der Farben ist anders – und es erinnert an die Abweichung bei der Baureihe 481. Die Devise lautet: viel mehr Ockergelb, mehr Schwarz.

„Das am Modell dargestellte Farbschema ist Ergebnis einer intensiven Diskussion“, sagte S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz am Mittwoch. Daran hätten sich die S-Bahn, die Herstellerfirmen, die Designer von Büro+Staubach, der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg sowie die beiden Bundesländer beteiligt.

Frische trotz Tradition

Entsprechend den Wünschen der Berliner und Brandenburger werde die neue Flotte „in den typischen S-Bahn-Farben auf die Strecke gehen“, so Priegnitz. Allerdings sei sein Unternehmen davon überzeugt, dass „Traditionsverbundenheit auch mit mehr Frische und Freundlichkeit einhergehen kann und trotzdem jedermann erkennen wird: Das ist die S-Bahn in Berlin.“

Das Farbschema folge der markanten Form. Aufgrund neuer Normen und Richtlinien werde mehr Wert auf Kontraste gelegt – auch um Sehschwachen die Nutzung zu erleichtern. Darum seien die Türen deutlich abgesetzt. „Das Fahrzeug wird von außen betrachtet höher und luftiger, die Details sind reduziert. Aber die traditionellen Farben sind als Elemente erhalten“, hieß es.

Doch auch im Internet gab es Kritik. „Warum müssen die Türen eigentlich so schwarz gehalten sein? Sieht nicht so gut aus“, heißt es im Bahninfo-Forum. „Das rote Fensterband ist mir persönlich zu klein gehalten, das sollte doch bis zu den Fenstern hochreichen. Außerdem hat man auch oben das rote Band weggelassen. Also wieder mal ein Senftopp wie das zweite Design der Baureihe 481. Was finden die Designer bloß immer daran so toll?“

Es gibt bereits neue Modelle

Inzwischen wurde in Babelsberg ein weiteres Modell der neuen S-Bahn fertig gestellt – in Originalgröße. Wie berichtet konnten sich Interessierte dafür bewerben, den Nachbau im Oktober im Werk Schöneweide zu besichtigen. „Mögliche Farbkombinationen sind eine konkrete Frage, die wir den S-Bahn-Testern stellen werden“, so Priegnitz.

Der Coupon, der bis Montag eingesandt werden konnte, sorgte allerdings für Irritationen. Auf ihm wurde danach gefragt, ob sich ein „Bürger/in ausländischer Herkunft“ bewirbt. „Das finde ich rechtlich bedenklich“, sagte Rechtsanwalt Thomas Feuerhelm aus Berlin. Er hält es für möglich, dass die S-Bahn gegen das Gleichstellungsgesetz verstößt und Bewerber diskriminiert.

Tester sind gefragt

„Ausländer oder nicht – das soll offenbar in die Bewertung einfließen.“ Aber nicht um Ausländer auszugrenzen, entgegnete Priegnitz. Im Gegenteil: „Wir wollen eine möglichst repräsentative Auswahl von Testern. Auch Bürger mit Migrationshintergrund sind gefragt.“ Zum Beispiel: Kommen sie mit Piktogrammen und anderen Hinweisen zurecht? Die Angabe sei „explizit freiwillig“.