Lokführer Hendrik Hähnel.
Foto: Thomas Uhlemann

BerlinDer Zug ist noch nicht da, aber Hendrik Hähnel ahnt schon, wie es drinnen aussieht. „Er wird ziemlich leer sein“, sagt er. Ähnlich leer wie der obere Regionalbahnsteig des Ostkreuzes, auf dem der Lokführer von der Deutschen Bahn (DB) auf seinen Einsatz wartet. Auf dem sonst so belebten Bahnhof steht der 26-Jährige, der mit dem Fahrrad von Biesdorf gekommen ist, im Vormittagslicht fast allein an Gleis 13. Fast leer ist auch die Regionalbahn der Linie RB 24 nach Senftenberg, die pünktlich um 9.52 Uhr einfährt. In dem roten Elektrotriebzug verlieren sich wieder nur ein paar Menschen.  Längst gibt es Eisenbahnerkollegen, die sich die Sinnfrage stellen, sagt Hähnel, bevor er seinen Kollegen im Führerstand ablöst. „Sie überlegen, ob es sinnvoll ist, noch so viele Züge zu fahren“, erzählt der Eisenbahner. Doch seine Meinung ist klar: „Wir werden weiterhin gebraucht, auch und gerade jetzt.“

Wie viele andere Menschen teilt Hendrik Hähnel die jetzigen Tage in eine besondere Zeitrechnung ein. Vor Corona, erzählt er, waren Züge wie die Regionalbahn 18 352, die er gleich in 103 Minuten in die Lausitz fahren wird, meist gut gefüllt. Berliner reisten für einen Tagesausflug in den Spreewald, Brandenburger kehrten von Besorgungen in der Stadt heim. Corona hat das  geändert.  

Die Coronakrise konnte Hendrik Hähnel die Freude am Beruf nicht nehmen. Er ist weiterhin gern Lokführer.
Foto: Thomas Uhlemann

Ausflügler sind eine Seltenheit geworden, so Hähnel. Die Berliner bleiben tatsächlich zu Hause. „Es kommt nur noch selten vor, dass ein Fahrgast mit einem Fahrrad einsteigt.“ Wandervereine, Kaffeekränzchen, überhaupt Gruppen jeglicher Art, reisen so gut wie gar nicht mehr mit. „Als vor einigen Tagen einmal fünf Leute zusammen zustiegen, fiel das schon richtig auf. Fürs Vergnügen wird offenbar nicht mehr gereist.“

Berufsverkehr gibt es immer noch

Auch Brandenburger nehmen sich den Aufruf, zu Hause zu bleiben, offenbar zu Herzen. „Auch auf dieser Strecke gibt es inzwischen viele Bahnhöfe, in denen anders als früher, keiner ein- oder aussteigt“, sagt Hähnel. „Streckenweise war ich auch schon ganz ohne Fahrgäste unterwegs.“ Insgesamt, so schätzt er, sei die Auslastung im Zeichen von Corona auf fünf bis acht Prozent geschrumpft. Bundesweit sind es 15 Prozent, sagt Bahnchef Richard Lutz.

Ist der Bahnbetrieb in der jetzigen Form überhaupt noch sinnvoll? Haben die Kollegen Recht, die wie auch die Lokführergewerkschaft GDL heftige Einschränkungen für sinnvoll halten? Nein, bekräftigt Hendrik Hähnel. Denn es gebe weiterhin einen ausgeprägten Berufsverkehr, berichtet er. „Wenn am Nachmittag ein weiteres Mal von Berlin nach Senftenberg fahre, werden mehr Leute im Zug sein.“ Sicher gebe es auch dann kein großes Gedränge mehr, aber 30 bis 40 Reisende seien dann meist schon in der RB 24 an Bord.  

Auch von anderen Strecken in Berlin und Brandenburg wird berichtet, dass es weiterhin Stoßzeiten gibt, in denen 1,5-Meter-Abstand unmöglich ist. Weiterhin beschweren sich Fahrgäste (etwa auf der Route Nauen–Berlin), dass manch ein Zug so gut gefüllt ist, dass sich die Menschen darin zu nahe kommen.

Busse fahren nur noch nach dem Ferienfahrplan

„Längst nicht jeder kann zu Hause arbeiten“, weiß Hähnel. Krankenschwestern, Supermarktkassiererinnen, Polizisten – das sind nur drei von mehreren Berufen, bei denen die Arbeitnehmer wie vor der Coronakrise zu ihren Arbeitsstellen fahren müssen. Und weiterhin werde die Bahn auch für Einkäufe, Arztbesuche oder Apothekengänge gebraucht, gerade in Brandenburg, wie kaum noch Überlandbusse fahren – und das Fahrtenangebot stark ausgedünnt worden ist. In vielen Landkreisen verkehren die Busse nur noch nach dem Ferienfahrplan.

„Die Menschen, die auf dem Land leben, dürfen wir nicht allein lassen, auch sie brauchen uns jetzt“, sagt der Eisenbahner. Nach einem kurzen Stopp im Bahnhof Schöneweide, der seit Jahren eine Großbaustelle ist, rollt der rote Zug weiter nach Königs Wusterhausen. Viel voller ist es in den Wagen nicht geworden.

Auf Besuche bei seinen Eltern, die im Landkreis Ostprignitz-Ruppin wohnen, verzichtet Hendrik Hähnel derzeit. „Wir telefonieren.“ Der Lokführer ist froh, dass er und seine Familie gesund sind.

Schutzmaskenpflicht wäre "nicht sinnvoll"

Ist ihm nicht mulmig, an der Endstation jedes Mal durch die verbrauchte Luft im Zug zu gehen? „Ich gehe von einem geringen Infektionsrisiko aus. Die Klimaanlage wälzt die Luft ziemlich schnell um. Und die üblichen Vorkehrungen gelten jetzt ganz besonders: beim Niesen in die Armbeuge schnäuzen, Hände waschen.“ Sollte es wie in Österreich eine Pflicht für Fahrgäste geben, Schutzmasken zu tragen? „Nein, das hielte ich nicht für sinnvoll.“ Die meisten Menschen, so seine Beobachtung, halten sich an die Etikette.

Schon als Kind hatte Hendrik Hähnel einen Hang zum Schienenverkehr. Wenn er von seinem Heimatort Wildberg nach Neuruppin zur Schule fuhr, nahm er nicht den Bus, obwohl der in der Dorfmitte hielt.  „Ich bin lieber den halben Kilometer zum Bahnhof außerhalb des Ortes gelaufen.“ Nach dem Gymnasium begann er eine Ausbildung zum Fachinformatiker, doch die Perspektive, in Büros sitzen zu müssen, behagte ihm nicht.

So ging Hähnel vor drei Jahren zur Deutschen Bahn. „Ich habe mir einen Kindheitstraum erfüllt“, sagte er. Es sieht so aus, als ob die Coronakrise dem gebürtigen Brandenburger die Freude am Beruf nicht nehmen kann.