Deutsche Bahn sucht Investor: Wohnen im Wasserturm am Ostkreuz

Die meisten S-Bahn-Fahrgäste sehen schon gar nicht mehr hin, wenn sie am Ostkreuz ein-, aus- oder umsteigen. Doch er ist immer noch da, der alte Wasserturm, seit 102 Jahren schon. Und eine nähere Betrachtung würde sich lohnen, denn es handelt sich um ein sehr spezielles Gebäude: Das spitze Dach erinnert an eine preußische Pickelhaube, der Turmschaft ist mit glasierten violetten Klinkern verkleidet. Noch dämmert der Turm leer und verschlossen vor sich hin. Aber das könnte sich ändern. Die Deutsche Bahn (DB) spricht mit Kaufinteressenten, eine Bauingenieurin hat detaillierte Pläne entwickelt. Möglich, dass man künftig auf dem Turm Kaffee trinken kann.

Raja Kozlovskaya gehört zu den wenigen Menschen, die den 59 Meter hohen Wasserturm am Ostkreuz bislang erklommen haben. Angenehm ist der steile Aufstieg nicht, denn er führt über Spindeltreppen und Leitern durch leere stählerne Wassertanks. Im Turm ist es dunkel, es gibt so gut wie keine Fenster. Doch als die gebürtige Russin oben stand, war sie begeistert. „Von oben hat man einen sehr schönen Blick auf Berlin“, erzählt die Ingenieurin.

Die Spree und die Rummelsburger Bucht glitzern in der Nähe, auf der anderen Seite erstreckt sich das Dächergewirr von Friedrichshain, und die Schienen, auf denen Züge in alle vier Richtungen fahren, muten wie eine Modelleisenbahn an. Der Ausblick hat Raja Kozlovskaya inspiriert, als sie an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur ihre Diplomarbeit zur Revitalisierung des Turms verfasste.

„Ganz oben könnte ein Panorama-Restaurant entstehen“, sagt sie. Ihre Simulationen zeigen eine helle Etage mit weißen Stühlen und Tischen, in 41 Meter Höhe gleich unter der Dachhaube, in der Experten Elemente des Jugendstils sehen. Ein Fensterband erlaubt eine Rundumsicht bis zum Fernsehturm. Das zweigeschossige Restaurant hätte auf 195 Quadratmetern Raum für 48 Sitzplätze, eine Bar und Toiletten. Das Essen käme aus der Küche darunter. Auch eine Nutzung als Kunstgalerie wäre möglich.

„Die Aussicht ist grandios“

Im Turm, dessen Innendurchmesser bis zu 9,50 Meter beträgt, wäre Platz bis zu sieben Wohnungen, zum Teil als Maisonettes. „Kleine Apartments, zum Beispiel für Menschen, die nicht permanent in Berlin wohnen“, sagt Kozlovskaya. Damit mehr Helligkeit hineinkommt, müsste die Fassaden mit senkrechten „Lichtachsen“ versehen werden. Im Turmfuß wäre auf zwei Untergeschossen wiederum eine öffentliche Nutzung möglich. „Dieser Bereich bietet sich für eine Bar an. Wer am Ostkreuz auf seinen Zug wartet und noch etwas Zeit hat, kann dort hingehen“, sagt die 26-Jährige, die seit sieben Jahren in Deutschland lebt.

Die Deutsche Bahn (DB) hat die Diplomandin unterstützt. Nicht ohne Hintergedanken, denn sie will dem Turm aus dem Jahr 1912 eine Zukunft geben. „Er ist ein ganz besonderes Gebäude in einem Gebiet, das durch den Ausbau des Bahnhofs Ostkreuz an Bedeutung gewinnen wird“, sagt Cord Meyer von DB Netz. Nur noch ein paar Jahre, dann werden auch Regionalzüge nach Potsdam, zum Flughafen BER und anderswohin unter dem Turm halten.

„Dieses Bauwerk hat unsere Fantasie beflügelt. Uns ist sehr daran gelegen, dass es nicht in falsche Hände gerät“, sagt Meyer. Die Bahn will den Turm verkaufen. „Natürlich zu einem gewissen Preis, doch im Vordergrund steht ein tragfähiges Konzept.“ Die Vorstellungen decken sich mit den Raja Kozlovskayas Plänen: Wohnen, Gastronomie, Galerie. Meyer: „Wir wollen keine ausschließlich private Nutzung, die Öffentlichkeit muss Zugang haben.“

Die Turmspitze soll öffentlich zugänglich sein

„Die Bahn sollte den Wasserturm an den Interessenten verkaufen, der das beste Konzept auf den Tisch legt“, fordert Sven Heinemann, SPD-Abgeordneter aus Friedrichshain. „Ich kann mir dort Wohnen, Kunst und Kultur sowie Essen und Trinken vorstellen. Die Aussicht vom Turm auf die Rummelsburger Bucht und den Boxhagener Kiez ist grandios. Deshalb sollte die Turmspitze öffentlich zugänglich sein.“

Kein Wunder, dass das Bauwerk auch potenzielle Käufer inspiriert. „Bei uns haben sich viele Interessenten gemeldet, auch aus dem Ausland“, erzählt Meyer. Wahrscheinlich wären nicht alle der Aufgabe gewachsen, das Baudenkmal zu revitalisieren. Der Käufer müsste viel Geld mitbringen, allein 109.000 Euro würde es kosten, die Kessel und die hydraulischen Anlagen zu entfernen. Mit zwei oder drei Interessenten will die Bahn nun weiter sprechen, eine beschränkte Ausschreibung ist geplant. Gut möglich, dass 2014 die Entscheidung fällt.