Architektur als Machtdemonstration: Block II des Komplexes Zentrale der Deutschen Bank an der Mauerstraße 25-28 in Berlin-Mitte, erbaut 1908 von Wilhelm Martens.
Foto: Wikipedia

Berlin-MitteÜber der Französischen Straße drehen sich derzeit riesige Kräne. Sie kreisen über zwei Blockgevierten der Friedrichstadt. Mächtige Gebäude stehen dort, steinerne Kolosse, abweisend, abschreckend. Seit vier Jahren wird dort ein Quartier saniert, das mit der Metropolenwerdung Berlins wuchs und wuchs, bis schließlich eine Machtzentrale entstanden war, ein Dreh- und Angelpunkt der expandieren Wirtschaft der Kaiserzeit: die Zentrale der Deutschen Bank.

1914 jubelte die Frankfurter Zeitung über „die größte Bank der Welt“. Mit der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg endete der imperiale Traum zunächst; man  wandte sich nationalen Projekten zu – bis die Globalisierung mit den Nationalsozialisten wieder ein Geschäftsmodell wurde.

Die Zentrale der Deutschen Bank gedieh in Berlin-Mitte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Zwar liegen Publikumszonen wie Friedrichstraße und Linden-Boulevard um die Ecke, doch in diese steinerne Gegend ohne Restaurants, Galerien, Läden verläuft sich selten jemand.

Verbindungsbrücke über die Französische Straße zwischen Block I und Block II des ehemaligen Deutsche-Bank-Komplexes. An den unteren Bogenenden zu erkennen: diesogenannten Atlanten.
Wikipedia: CC BY-SA 3.0

Kaum einer kann sie beschreiben – einzig die markante Brücke über die Französische Straße, die die großen Baukomplexe I und II verbindet, bietet Gesprächsstoff: vier mächtige Kerle, allegorische Gestalten, sogenannte Atlanten, die für Wasser, Feuer, Luft und Erde stehen, tragen die an die Seufzerbrücke von Venedig erinnernde Bautenverbindung.

Lesen Sie auch: Ausgrabungen in Mitte - Am Anfang stand die Holzhütte

Die Friedrichstadt wird City

Aber wie entstand dieser raumgreifende Gebäudekomplex? Es fing sehr klein an: Das erste Dokument aus der Geschichte der Deutschen Bank datiert von 1870 und beschäftigt sich mit der Wasserrechnung für den bescheidenen Sitz des noch bescheideneren Geldhauses.

Es ging um acht Taler, die der Vermieter der Erdgeschossräume des barocken Zweigeschossers in der Französischen Straße 21 forderte. Es lag dort, wo heute das Kaufhaus Lafayette steht.  Das war drei Wochen nach der Eröffnung der Bank am 9. April 1870, vor fast genau 150 Jahren. Die Proklamation des Deutschen Kaiserreiches am 1. Januar 1871 dämmerte herauf, Berlin sollte dessen Hauptstadt werden, der große Boom der Gründerjahre bald ausbrechen.

Das Statut der Deutschen Bank gab deren Ausrichtung vor: den Außenhandel finanzieren. Man dachte groß, blickte nach Übersee und strebte danach, den Vorsprung Englands aufzuholen. Das Festplakat zum zehnjährigen Jubiläum zeigte dann schon den Handelsgott Merkur, der einen Goldregen niedergehen lässt; dicke Engelchen schleppen Körbe voller Champagnerflaschen herbei. Das Geschäft brummte, man expandierte.

Gebaute Statussymbole

Auch das bescheidene Quartier war schon Vergangenheit. 1876 hatte man das Gebäude der Unionsbank in der Behrenstraße 9-10 gekauft – so fing das Wachstum des Gebäudekomplexes der Zentrale im Bankenviertel um Behrenstraße, Mauerstraße und Französische Straße an. Die damals zwei Bogen-Brücken, die die Blöcke I und II verbanden, dienten als eine Art Wahrzeichen der Bank.

1882 begann der bauliche Umsturz. Das erste Stammhaus wurde neu überbaut. Das Gebäude Französische Straße 66-67 erfuhr einen kompletten Umbau. Zwischen 1896 und 1902 wurde auch der östliche Teil des bis dahin noch barocken Quartiers in der Friedrichstadt vollständig von der Deutschen Bank überformt.

Als mächtige Großbank legten die Eigentümer ihre Projekte monumental an, sie bauten nicht einfach Geschäftsräume, sondern Statussymbole. Als Vorbilder wählten Bauherren und Architekten italienische Renaissancepaläste mit wuchtigen Steinfassaden, grob behauenen Quadern und tiefliegenden Fugen, Rustika genannt. Macht demonstrieren, darum ging es.

Lage der einstigen Bankzentrale im alten Berliner Geschäfts- und Regierungsviertel.
Grafik: BLZ/Sabine Hecher

Bis heute wirken die Häuser als die Panzer unter den Gebäuden. Die nächste Erweiterung war 1908 fällig: Zwei Jahre lang erfasste sie das südliche Quartier. Über dem fast quadratischen Grundriss erhebt sich dort seither auf hohem Sockelgeschoss ein viergeschossiger Monumentalbau, der zwei kleine Höfe umschließt.

Vor allem die geschwungene Hauptfront an der Mauerstraße spricht die nicht minder gewaltige Sprache des italienischen Barocks. Die übrigen langgestreckten Fassaden des Blocks II zeigten seinerzeit freier variierende historischen Formen, auffallend dabei die damals aktuellen Einflüsse des Jugendstils.  

Sanierung und Neue Nutzer

Block I: Das Gesundheitsministerium, bisher Berliner Dienstsitz Friedrichstraße 108 plus fünf Außenstellen, wird nach der Sanierung alle 400 Mitarbeiter in Block I (30.700 Quadratmeter) zusammenziehen. Die Gesamtkosten von anfangs rund 170 Millionen Euro steigen, der vorgesehene Fertigstellungstermin Ende 2020 wird nicht gehalten.

Block II: Das Gebäude mit rund 29.000 Quadratmetern wird gleich mitsaniert. Die Rede ist von „weiteren ministerialen Nutzern“, für die auch eine Kantine vorgesehen ist. Die ehemalige große Kassenhalle soll Konferenzzentrum werden. Die Tresorräume sollen als „hochwertige Lagerflächen“ dienen, die ein „Spezialanbieter“ zu betreuen hätte.

Denkmal: „Das denkmalgeschützte Ensemble (Haus 1 und 2) soll wieder in seiner alten Herrlichkeit erstrahlen“, liest man auf der Website des Bauherren. Repräsentation, Modernität und Barrierefreiheit sind zentrale Kriterien. Die denkmalgeschützte Natursteinfassade wird gereinigt, Schadstellen werden ausgebessert, fehlerhafte Stellen ergänzt.

Heute dominieren dort die strengen Formen der 1950er-Jahre. Sie entstanden, als der Architekt Franz Ehrlich nach den Kriegszerstörungen die beiden großen Komplexe mit teilweise neuem Fassadensystem für das Innenministerium der DDR wieder herrichtete. Dieses residierte in den Büros, bis die DDR abgewickelt war.

Seit 1990 nutzten der Deutsche Bundestag und verschiedene Bundesverwaltungen die Gebäude. Von den beiden Brücken ist die zwischen 1908 und 1910 zur Querung der Französischen Straße erbaute, die mit den vier Atlanten, erhalten. Eine neue führt als Skyway über die Mauerstraße. Sie ist im Zuge der Nachkriegsauf- und Umbauten mit viel Glas eingesetzt worden.

Monumentale Geschäftsstadt

Die letzte territoriale Ausdehnung der Deutschen Bank in Mitte erfasste 1914 die Grundstücke Mauerstraße 35-40, der sogenannte Block III. Das 1901 errichtete Gebäudes der Nordstern-Lebensversicherung wurde nach Entwürfen von Hans Jessen an der Mauerstraße 35-38 ausgeführt. Dabei blieb die rote Sandsteinfassade des Versicherungsgebäudes in neobarocken Formen erhalten. Beim Wiederaufbau  verwendeten die DDR-Architekten auch alte Fassadenteile.

Im Inneren dehnten sich schon vor hundert Jahren Zehntausende Quadratmeter Bürofläche für die diversen Geschäftsbereiche, doch es reichte nicht: Die bis dahin dreistöckige Anlage wurde 1921-22 um ein weiteres Geschoss aufgestockt. Alte Fotos zeigen die Schalterhallen in Block I. und II. als architektonische Prunkstücke.

Die Gebäude der Deutschen Bank gehören dem Bund und stehen unter Denkmalschutz. Das Landesdenkmalamt beschreibt den Komplex als bauliches Zeichen dafür, wie sich „die deutsche Wirtschaft im Kaiserreich entwickelte und wie radikal sich gleichzeitig die barocke Friedrichstadt von einer Wohn- zu einer monumentalen Geschäftsstadt wandelte“.

Das könnte Sie auch interessieren: Ein Sündenfall: Als das Ahornblatt abgerissen wurde

Der gewohnte Gang?

Die Denkmalschützer würdigen ebenso die vereinfachenden, aber systematischen Umgestaltungen nach den schweren Kriegszerstörungen. Tatsächlich fielen in der Nacht vom 22. auf 23. November 1943 Spreng- und Brandbomben auf die Deutsche Bank. Die Gebäude wurden stark beschädigt und brannten teilweise aus.

Doch nicht einmal diese Warnung vermochte, dass sich die im Allmachtsgefühl  schwelgenden Bänker die Konsequenzen des bevorstehenden Endes des für sie vorteilhaften nationalsozialistischen Systems klarmachten. Bis Februar 1945 glaubten sie, die West-Alliierten würden Berlin einnehmen und alles könne den gewohnten Gang gehen.

Nicht einmal die Evakuierung der Akten war vorbereitet geschweige denn durchgeführt worden – obwohl  die Rote Armee näher rückte. Viele Akten verbrannten, andere wurden Ende März nach Hamburg umgelagert. Ein beträchtlicher Teil gelangte in die Hände der DDR-Staatssicherheit und blieb dort bis 1989. So wurden Details zur NS-Vergangenheit von Führungspersönlichkeiten der westdeutschen Wirtschaft bekannt  und für die Überführung von Kriegsverbrechern benutzt.

Soll und Haben

Der jüdischen Mitarbeiter hatte man sich nach 1933 rasch entledigt. Die Deutsche Bank unterstützte allerorten die Arisierung jüdischen Besitzes. 2008 blockierte der damalige Vorstandsvorsitzende Joseph Ackermann die Dokumentation der Biografien hinausgeworfener Juden. Am 4. März 1946 schloss die sowjetische Besatzungsmacht die Zentrale der Deutschen Bank. Den Angestellten war das Betreten der Gebäude in der Mauerstraße fortan verboten. Die Büros wurden in den Westteil nach Schöneberg verlegt.

Mit zahlreich vertretenem Alt-Personal begann in den 1950ern der Wiederaufstieg der Deutschen Bank in der Bundesrepublik. Heute residiert ihre Zentrale in zwei gläsernen, 155 Meter hohen Türmen in Frankfurt am Main. Man nennt sie „Soll und Haben“.