Für mich als Amerikanerin ist es sehr erfrischend, hierzulande Zeugin einer großen Vielfalt im politischen Spektrum zu werden. In meiner Heimat ist die politische Landschaft derart polarisiert, dass man nur frustriert sein kann. In den USA wird eine Stimme, die nicht entweder für die Republikaner oder für die Demokraten abgegeben wird, in der Regel als Verschwendung angesehen.

Im nächsten Monat wählen wir in den USA das Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu. Und wir haben keine Zeit für Experimente: nicht mit den Grünen, den Sozialdemokraten oder irgendwelchen anderen Parteien am Rande. Nur eine starke und mächtige Demokratische Partei kann die Festung der Republikaner herausfordern.

Landtagswahl in Bayern 

Unnötig zu erwähnen, dass sich ein demokratischer Wähler nach einem sozialverträglichen Gesundheitssystem und einem Ende des Frackings sehnen mag, während sich ein anderer Anhänger derselben Partei vielleicht das genaue Gegenteil wünscht. Und natürlich fragt es sich bei einer politischen Partei mit einem derart breiten Spektrum an Glaubenssätzen, was genau diese Partei eigentlich zusammenhält.

Bei den Landtagswahlen in Bayern haben die Ergebnisse der sieben erfolgreichsten Konkurrenten die Komplexität und Vielfalt des Wählerwunsches unterstrichen: Dieser Weckruf in Richtung der großen bayerischen Einheitspartei hat alle Klischees vom bayerischen Wähler über den Haufen geworfen. Unter anderem Seehofers Vorstöße in Richtung AfD-nahes Territorium haben die Wähler veranlasst, ihre Stimme einer Alternativpartei zu geben. In meinen Augen ist das wahre Demokratie.

Unteilbar-Demo von Linken und der SPD abgedeckt

Ich bekam am Wochenende bei der Unteilbar-Demonstration eine Fülle von Flyern in die Hand. Die Demonstration war für jede Initiative, Partei-in-den-Kinderschuhen oder sonstige Neu-Gründung eine gute Gelegenheit, sich zu präsentieren. Bei näherer Betrachtung stellte ich schnell fest, dass die meisten Aussagen keineswegs neu sind. „Wie bekämpfen wir die Spekulation“, fragte der Flyer der Initiative Deutsche Wohnen. Ein Flugblatt der Sozialistischen Alternative trug die Überschrift:

„Soziale Offensive gegen Kapitalmacht und Rassismus“. Als ich mich durch die Broschüren und Flyer gekämpft hatte, war mir klar: Die meisten der Thesen werden von der Linken und der SPD abgedeckt. Beide Parteien haben in Bayern nicht besonders gut abgeschnitten.
Berlin ist nicht Bayern, und Hessen hat noch zu wählen. Aber wir beobachten das Wegbrechen von Wählerstimmen für die einst großen Parteien – Stimme für Stimme.

Gegen das unentschlossene Wabern der deutschen Parteien

Als Amerikanerin weiß ich, dass eine Nation mit mehr als 320 Millionen Menschen nicht von zwei Parteien repräsentiert werden kann. Ich frage mich, wie viele Parteien sich nachhaltig in eine politische Landschaft integrieren können, wenn ein Zusammenbruch der großen Parteien nicht aufzuhalten ist?

Die Unteilbar-Demonstration als Aufruf zur Einheit gegen rechts war auch ein Indikator dafür, dass Parteien, Verbände, Initiativen, Gewerkschaften und politische Gruppen sich von den klassischen Parteien nicht mehr repräsentiert fühlen. Wer zu lange unentschlossen in der politischen Mitte herumwabert und sich nicht positioniert, verliert Wähler an die extremeren Seiten des Spektrums.