Berlin - Für Dieter Schulz* ist die Sache klar: „Ich fühle mich hier wohl“, sagt der 54-Jährige. „Meine Mutter wohnt um die Ecke“, er wolle nicht wegziehen. Doch genau das soll er, wenn es nach seinem Vermieter, dem Unternehmen Deutsche Wohnen, geht. Schulz lebt in einem Wohnhaus in der Mecklenburgischen Straße in Wilmersdorf. In unmittelbarer Nähe zum Hauptsitz der Deutsche Wohnen. Diese will einen Teil der dreigeschossigen Wohnbebauung abreißen, um einen fünfgeschossigen Büroneubau zur Erweiterung des Unternehmenssitzes zu errichten.

14 Wohnungen sollen abgerissen werden, zwei weitere Wohnungen  verkleinert werden. Der zuständige Bezirksstadtrat Arne Herz (CDU) spricht zwar davon, dass der Abriss von 16 Wohnungen genehmigt worden sei. Darin enthalten sind laut Deutsche Wohnen aber auch die beiden Wohnungen, die nur verkleinert werden.  Weil eine der 16 Wohnungen leer steht, sind nach Angaben der Deutsche Wohnen insgesamt 15 Mietparteien betroffen. 

Bereits vor mehreren Jahren habe die Deutsche Wohnen mit der Planung eines weiteren Bürogebäudes in der Mecklenburgischen Straße begonnen und Anfang 2020 einen entsprechenden Bauantrag gestellt, erklärt eine Unternehmenssprecherin. „Inzwischen hat uns das zuständige Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf diesen Bauantrag genehmigt.“ Leider lasse „die zur Verfügung stehende Fläche eine Umsetzung der Baumaßnahme ohne den Rückbau einiger Wohnungen nicht zu“. Die 15 betroffenen Mietparteien würden aber „mit passenden und ihren individuellen Bedürfnissen entsprechenden neuen Wohnungen in der nahen Umgebung versorgt“.

Stimmung unter Mietern ist gemischt

Der „überwiegende Teil“ der Mieter habe sich bereits für eine neue Wohnung entschieden, so die Sprecherin. Die ersten Umzüge hätten stattgefunden. Die Nettokaltmiete pro Quadratmeter bleibe dabei für die Mieter unverändert auch in der neuen Wohnung bestehen. Allen Mietern stehe zudem die persönliche Unterstützung durch die Mieterbetreuung der Deutsche Wohnen zur Verfügung. Darüber hinaus übernehme die Deutsche Wohnen sämtliche Fahrtkosten für Wohnungsbesichtigungen, ebenso wie später sämtliche Umzugskosten. „Auch organisieren wir auf Wunsch den gesamten Umzug, inklusive Ein- und Auspacken“, so die Sprecherin.

Die Stimmung unter den Mietern ist gemischt. „Ich wollte sowieso ausziehen“, sagt einer im Vorbeigehen, der gerade einen Stuhl zum Auto trägt. Und eine ältere Mieterin stellt fest, dass die Deutsche Wohnen den Mietern „einwandfreie Wohnungen zur Verfügung“ stelle. Sie habe eine Wohnung ganz in der Nähe genommen. „Wir bekommen den Umzug und alles bezahlt“, sagt sie. Der anstehende Wohnungswechsel mache sie aber dennoch „nervös“. Dieter Schulz indes bekräftigt seinen Widerwillen: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“

Zum Ausgleich für die wegfallenden Wohnungen wollte die Deutsche Wohnen eigentlich durch eine zweigeschossige Dachaufstockung gleich um die Ecke 20 neue Wohnungen schaffen. Da die Lage direkt an der Autobahn aber nicht ideal und die Belastung für die Mieter während der Bauarbeiten auch „nicht unwesentlich“ sei, prüfe die Deutsche Wohnen momentan mit dem Bezirk noch einmal alternative Standorte für den Ersatzneubau, so die Unternehmenssprecherin. Unabhängig wie die Entscheidung ausfalle, würden die Wohnungen erst zeitverzögert zur Verfügung stehen. Für die neu errichteten Ersatzwohnungen gelte entsprechend der Zweckentfremdungsverordnung eine maximale Miethöhe von 7,92 Euro je Quadratmeter.

Mieterverein übt Kritik

Nach Angaben von Bezirksstadtrat Arne Herz wurde der Abriss der Wohnungen am 3. März 2021 genehmigt, „da ein entsprechendes Ersatzwohnraumangebot vorgelegt worden“ sei. Von behördlicher Seite könne der Abriss nicht verhindert werden, da die Anforderungen für die Erteilung der Abrissgenehmigung erfüllt gewesen seien.

Der Berliner Mieterverein (BMV) beurteilt die Pläne kritisch. „Merkwürdig, dass das Bezirksamt offenbar aufgrund eines konkreten Ersatzwohnraumangebots den Abriss genehmigte, dieser Ersatzwohnraum aber nun konkret gar nicht angeboten wird“, sagt BMV-Geschäftsführer Reiner Wild. „Dass hier Wohnraum zugunsten der Erweiterung eines Bürogebäudes weichen soll, können wir nicht nachvollziehen“, erklärt Wild. „In der Nähe dürfte es infolge der Pandemie ausreichend Büroflächen geben, die die Deutsche Wohnen anmieten kann.“

Fraglich sei, „ob die Erweiterung wegen der geplanten Übernahme der Deutsche Wohnen durch die Vonovia überhaupt notwendig wird“, so Wild. „Grundsätzlich wird umstritten sein, worauf sich die Deutsche Wohnen bei einer Kündigung überhaupt berufen könnte“, sagt der BMV-Geschäftsführer. „Aus Sicht des Mietervereins kann das Wohnungsunternehmen keinesfalls sicher sein, einen Räumungsprozess auch zu gewinnen.“

*Name geändert