Berlin - Der 83-jährige Helmut Richter ist sauer. „Seit Beginn der Heizperiode im Oktober funktioniert unsere Heizung nicht“, sagt er. Warm werde es in seiner Wohnung im elften Obergeschoss derzeit nur mit Hilfe von elektrischen Heizlüftern.

So wie Richter geht es vielen Mietern an der Gitschiner Straße 38 in Kreuzberg. In den Wohnungen der oberen Stockwerke bleiben die Heizkörper kalt – oder erwärmen sich nur zum Teil. Reparaturversuche des Vermieters, der Deutschen Wohnen, blieben bislang offenbar erfolglos. „Meine Wohnung ist wie ein Kühlschrank“, sagt die 63-jährige Cetintas Afife. Sie wohnt zusammen mit ihrem Mann Cabir im zehnten Obergeschoss. Um der Kälte zu trotzen, ziehe sie sich dicker an, sagt sie. Oder sie klappe in der Küche die Tür zum Backofen auf, um mit der Wärme die Wohnung zu heizen.

Besonders betroffen ist die 29-jährige Sevdalin Kirov. Sie ist Mutter eines zwei Jahre alten Kindes. „Den ganzen Monat heizen wir schon mit Strom“, sagt sie. „Das wird teuer.“ Aber ihr Kind solle nicht frieren.

In der Not ausgezogen

Susanne Dahl, 57 Jahre alt, wohnt im zwölften Obergeschoss. Eine Temperatur von 13,2 Grad habe sie in ihrer Wohnung gemessen, berichtet sie. Sie ist kurzerhand ausgezogen. „Ich wohne jetzt bei meiner Schwiegertochter“, sagt sie. Sie wolle kein Risiko eingehen. Erst im vergangenen Jahr habe sie eine Lungenentzündung gehabt.

Das Gebäude an der Gitschiner Straße 38 war früher ein Seniorenwohnhaus. 148 Wohnungen befinden sich dort. Vermieter ist die Deutsche Wohnen, die mit 159.000 Wohnungen zweitgrößtes börsennotiertes Wohnungsunternehmen in Deutschland ist. Rund 107.000 Wohnungen hat sie in Berlin. Erst im August vermeldete die Deutsche Wohnen einen Konzerngewinn von 623 Millionen Euro fürs erste Halbjahr 2016. Der Gewinn-Anstieg beruhe „im Wesentlichen auf der Aufwertung des Portfolios“, teilte das Unternehmen mit. Eine Aufwertung des Wohnhauses an der Gitschiner Straße 38 hat es aber nicht gegeben – jedenfalls keine bauliche.

Die Bewohner leiden nicht nur unter dem Ausfall der Heizung. Sie beklagen zudem „katastrophale Zustände“ durch Obdachlose und Junkies, die immer wieder in das Haus kommen. „Sie hinterlassen Drogenbesteck und Fäkalien“, berichtet Helmut Richter. Immerhin: Die Hauseingangstür, die wochenlang kaputt war, ist inzwischen repariert.

Der Berliner Mieterverein (BMV) kritisiert das Verhalten des Vermieters: „Offenbar gelingt es der Deutschen Wohnen nicht immer, den Fokus auf attraktive Wohnimmobilien zu richten, wie das Unternehmen behauptet“, sagt BMV-Geschäftsführer Reiner Wild. Möglicherweise sei das Wohnhaus an der Gitschiner Straße aber auch bei der Portfolio-optimierung „durchgefallen“. Anders sei nicht zu erklären, warum die Reparatur der Heizanlage in Kreuzberg ähnlich wie bei einer Spandauer Wohnanlage nicht im angemessenen Zeitraum bewerkstelligt werden könne. „Der Vermieter muss die mietvertraglich zugesicherte Temperatur sicherstellen“, so Wild. „Die Rechtsprechung geht in Wohnräumen von 20 bis 22 Grad aus.“ Diese Temperatur sollte von 6 bis 24 Uhr erreicht werden. Nachts dürfe es bei winterlichen Außentemperaturen in der Wohnung auch auf 18 Grad runtergehen.

Die Deutsche Wohnen drückt in einem Brief an Helmut Richter ihr Bedauern über den Heizungsausfall an der Gitschiner Straße aus. „Wir haben bereits die Einleitung von entsprechenden Maßnahmen veranlasst und arbeiten daran“, heißt es in einem Schreiben vom 2. November. Leider seien „Ersatzteile nicht stets sofort lieferbar“. „Wir bitten um Verständnis“.

Kessel soll ersetzt werden

Auf Anfrage der Berliner Zeitung wartet die Deutsche Wohnen mit einer umfassenderen Erklärung auf. „Wir haben zunächst versucht, den defekten Kessel der Heizanlage zu reparieren, was aber nicht dauerhaft funktioniert hat“, so Firmensprecher Marko Rosteck. „Darum haben wir uns entschlossen, den Kessel komplett zu ersetzen.“ Da dies „nicht von heute auf morgen“ möglich sei, habe die Deutsche Wohnen am 25. Oktober eine mobile Heizstation eingerichtet und an das Leitungsnetz angebunden. „Wann konkret der neue Kessel installiert ist, lässt sich heute nicht verlässlich sagen“, so Rosteck. „Bis dahin aber werden die Wohnungen durch die mobile Heizstation versorgt.“ Bereits vor der Inbetriebnahme sei den Mietern angeboten worden, ihnen die Kosten für die Anschaffung von Heizlüftern sowie den Strom zu erstatten. Für die Zeit seit Ausfall der Heizung bis zur Einrichtung der mobilen Heizstation gebe es eine Mietminderung.

Helmut Richter reagiert überrascht. Er wisse nichts von einer mobilen Heizstation, sagt er. Dass Mietminderung gewährt werden soll, sei bekannt. Mit Freude höre er, dass auch die Stromkosten für die Heizlüfter erstattet werden sollen.