Schulleiter Stefan Marien sitzt im seinem Büro im ersten Stock, nippt an seinem Tee und freut sich. Vor ein paar Tagen hat er erfahren, dass sein Oberstufenzentrum (OSZ) für den renommierten Deutschen Schulpreis nominiert worden ist – als eine von 20 Schulen in Deutschland. „Eine Berufsschule ist bisher kaum in die engere Auswahl gekommen“, sagt Marien. An seiner Schule in Prenzlauer Berg werden Büro-, Sport- und Fitnesskaufleute ausgebildet – und zwar nicht in Kooperation mit einem Unternehmen, sondern komplett an der Schule selbst.

Okan, 20, aus Rudow übt an diesem Nachmittag im hellen Lernzentrum für die Prüfungen zum Abschluss der vollschulischen Ausbildung. „Später will ich studieren“, sagte er. Auch die Hälfte der Pädagogen hat eine meist kaufmännische Ausbildung absolviert. Schulleiter Marien hat vor dem Lehramtsstudium Industriekaufmann gelernt, bei IBM in Marienfelde.

Als sei man in einem Betrieb

Im Oberstufenzentrum wird so getan, als sei man in einem Betrieb. Im zweiten Stock sind die Lernbüros, ausgestattet mit Apple-Computer. Es gibt den Einkauf- und den Verkaufsbereich, das Sekretariat und andere Betriebsteile. Die Schüler arbeiten mit moderner Software, die Elinor-Ostrom-Schule, wie sie neuerdings heißt, kooperiert mit dem SAP-Konzern. Das sei wohl ein Grund dafür, warum die Schule für den Preis nominiert sei, glaubt Marien. Sie sei gut ausgestattet, und die Schüler lernten auf dem neuesten Stand der Technik. „Früher mussten die Bürokaufleute an Berufsschulen viel über Recht lernen“, sagt Marien.

Ihm sei es wichtiger, dass seine Schüler am Oberstufenzentrum Bürowirtschaft und Dienstleistungen lernen, wie es in modernen Betrieben wirklich zugeht. Sie trainieren zum Beispiel den Ablauf von Großgeschäften, üben Stornos und achten auf Lieferfristen. Der andere Grund für die Nominierung sei sicher, dass sich die Lehrer fortbilden, sagt der 47-jährige Schulleiter. Die Kritik, die immer wieder von Berliner Wirtschaftsverbänden an den OSZ geübt wird, kann Stefan Marien nicht nachvollziehen. Erst jüngst hatte Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, den Oberstufenzentren vorgeworfen, Jugendliche zu lange in Warteschleifen-Kursen zu beschäftigen anstatt sie den Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Viele Firmen könnten Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen. „Nur 20 Prozent der Berliner Betriebe bilden überhaupt noch aus“, entgegnet Marien. Und oft sei die Ausbildung leider nicht gut, mitunter seien Azubis vor allem billige Arbeitskräfte.

Auch Marien bietet an seinem OSZ die kritisierten einjährigen Kurse für Schüler an, die erst einmal den Mittleren Schulabschluss nachholen wollen. Das sei aber nicht unbedingt eine Warteschleife, er wolle einfach sämtliche Bildungsgänge anbieten, um jedem eine Chance zu geben.

Deshalb ist hier die Berufsvorbereitung genau so möglich wie die vollschulische Ausbildung, die duale Ausbildung und eine Doppelqualifizierung, die die Fachhochschulreife einschließt. Selbst die allgemeine Hochschulreife kann erworben werden. Solch ein breites Angebot unterbreiten fast alle der 35 Berliner Oberstufenzentren.

Lehrer rufen Absolventen an

Schulleiter Marien weiß genau, was aus den Ehemaligen wird. Die Klassenlehrer behalten die Handynummern der Absolventen und rufen sie innerhalb von 15 Monaten zweimal an. 40 Prozent der Absolventen nehmen demnach ein Studium auf, meist ein Wirtschaftsstudium, weitere 40 Prozent finden eine reguläre Festanstellung, einige machen sich selbstständig, acht Prozent sind arbeitslos. Insgesamt liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Berlin derzeit bei knapp 11 Prozent. Das ist bundesweit der höchste Wert.

Der Deutsche Schulpreis wird von der Robert-Bosch-Stiftung an Schulen vergeben für gute Unterrichtsqualität, Umgang mit Vielfalt und ständige Weiterentwicklung. In diesem Jahr ist auch die private Elisabethstift-Schule in Reinickendorf nominiert.