Berlin - Er sieht aus wie eine zu groß geratene Brotbüchse auf Rädern – irgendwie niedlich. Doch für Arwed Schmidt ist der kleine Bus, der bald durch Berlin rollt, ein ernstzunehmender Vorbote einer neuen Form der Mobilität. „Was wir nun erleben, ist der Start einer neuen Denkserie der Forschung“, sagte er am Donnerstag. Ein Meilenstein, vergleichbar mit der ersten Fahrt eines Autos mit Verbrennungsmotor 1885. Nicht mehr lange, dann wird ein hochautomatisierter Shuttle, der ohne Fahrer auskommt, erstmals in einer deutschen Großstadt auf öffentlichen Straßen Fahrgäste befördern. Schauplatz der Premiere wird wie berichtet Tegel sein. Bushersteller ist das französische Unternehmen Easymile, für das Schmidt arbeitet.

Lenkrad und Fahrersitz sucht man vergebens. Der EZ10 Gen2 soll seine Route eigenständig abfahren – mithilfe von gespeicherten Daten. Zur Sicherheit wird ein Begleiter an Bord sein, der eingreifen kann, wenn es Hindernisse zu umfahren gilt oder überholt werden muss. Doch der Großteil der täglichen Routine soll von der Technik übernommen werden, die in dem Elektrobus steckt.

Zum Nulltarif an die Promenade

Am Anfang stehen Testfahrten, noch ohne reguläre Reisende. „Wir gehen aber davon aus, dass die Fahrgastbeförderung noch in diesem August beginnen kann“, sagte Markus Falkner, Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), am Donnerstag. Noch fehlt die Liniengenehmigung der Senatsverkehrsverwaltung. Ist sie da, könne es losgehen.

Der Minibus wird auf einem rund 1,2 Kilometer langen Rundkurs verkehren, maximal mit Tempo 15. Los geht es am U-Bahnhof Alt-Tegel, nördlich vom Kaufhaus C&A. Über die Straße Am Tegeler Hafen geht es in die Wilkestraße. Von dort rollt der nicht mal vier Meter lange Bus wieder zurück – erneut über die Straße Am Tegeler Hafen. Es gibt vier Haltestellen, an jeder wird der Shuttle im 15-Minuten-Takt halten. An den Straßen wird nichts verändert. Nur zwei Parkplätze fallen weg, damit der Bus in einem Fall zum Ein- und Aussteigen an den Rand fahren kann.

Gefahren wird täglich – an Wochenenden zwischen 10.30 und 17.30 Uhr, montags bis freitags zwischen 7.30 und 11 Uhr sowie zwischen 15 und 18.30 Uhr. Rollstühle können von September an befördert werden. Zwar gibt es bereits eine Rampe, aber das Gurtsystem im Innern muss noch nachgerüstet werden. Der Akku reicht für 130 Kilometer, dann tankt der Bus auf dem Areal der Wasserbetriebe in der Wilkestraße wieder Grünstrom. Das Laden soll fünf bis acht Stunden dauern.

Gut möglich, dass es in dem kleinen Bus öfter voll wird – nicht nur, weil ein Nulltarif gilt. Zum einen hat der EZ10 nur sechs Sitz- und keine Stehplätze, zum anderen bedient er ein echtes Verkehrsbedürfnis. Unweit der Wilkestraße erstreckt sich die Greenwichpromenade, eine beliebte Grünanlage am Tegeler See, die bei gutem Wetter von vielen Ausflüglern angesteuert wird. Auch Anleger für Fahrgastschiffe gibt es dort. Eine Seniorenresidenz könnte für weiteres Verkehrsaufkommen sorgen. Bislang gab es in diesem Teil von Tegel keine BVG-Linie - für reguläre Linienbusse sind die Straßen zu schmal.

Mit der "See-Meile" hat Berlin die Nase vorn

"Wir sind stolz, dass ein solches Projekt ins unserem Bezirk stattfindet", sagte Marion Schwarz vom Bezirksamt Reinickendorf. In den Außenbezirken habe man den Eindruck, dass viele Innovationen vorrangig in der Innenstadt erprobt werden. "Wir fühlen uns nach draußen geschoben." 

Mit dem Projekt „See-Meile“, das bis zum Jahresende dauert, hat Berlin bundesweit die Nase vorn. „Erstmals wird sich ein hochautomatisierter Bus über einen längeren Zeitraum auf öffentlichem Straßenland einer Großstadt bewegen“, sagte Judith Drescher von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, die das Vorhaben mit 200.000 Euro fördert. Zu den neun Projektpartner gehört auch Ioki, Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Es erstellt eine Akzeptanzstudie. Fahrgäste müssen also damit rechnen, vor, während oder nach ihrer Fahrt befragt zu werden. 

Zwar ist in Bayern bereits seit 2017 ein EZ10 auf öffentlichen Straßen unterwegs, mit dem Kurort Bad Birnbach hat er aber ein ländliches Einsatzgebiet. Auch in der rheinischen Stadt Monheim und in Hamburg sollen hochautomatisierte Fahrzeuge in öffentlichen Bereichen Fahrgäste befördern, aber die Projekte sind noch nicht so weit. In Hamburg soll der Fahrgastbetrieb 2020 beginnen. Dort werden allerdings mehrere hochautomatisierte Fahrzeuge unterwegs sein, und die Geschwindigkeit wird schrittweise auf 50 Kilometer in der Stunde erhöht.

Wegen Wartung außer Betrieb

In Berlin sind Fahrzeuge, die ihre Routine selbstständig abwickeln können, nichts Neues. Aus rechtlichen Gründen sind sie aber bislang ausschließlich auf Privatareal unterwegs. Den Anfang machte 2016 Olli, ein kleiner E-Bus des US-Herstellers Local Motors. Wie seine Nachfolgerin Emily von Easymile, die bis Ende 2018 im Einsatz war, drehte er auf dem Euref-Gelände am alten Schöneberger Gasometer seine Runden. Ein passender Ort: Dort haben sich viele Firmen und Forschungseinrichtungen angesiedelt, die sich mit der Mobilität der Zukunft befassen.

Immer wieder gab es Vorstöße, die Linie zum Bahnhof Südkreuz zu verlängern. Doch dafür hätte der elektrische Kleinbus nicht nur öffentliches Straßenland, sondern auch einen Weg in einer Grünanlage befahren müssen. Das lehnte das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg ab. Melanie Jachtner von der Senatsverkehrsverwaltung teilte die dortige Einschätzung: "Wir wollten ein solches Fahrzeug nicht in einem geschützten Bereich für Fußgänger fahren lassen." 

Wer heute schon hochautomatisierte Shuttles  ausprobieren will, kann auf dem Charité-Campus Mitte mir zwei EZ10 fahren, ebenfalls zum Nulltarif. Zum Projekt Stimulate, das vom Bund gefördert wird, gehört auch eine Buslinie auf dem Charité-Campus Virchow – doch die beiden Navya-Fahrzeuge sind wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb.