Deutschlands Energiewende erinnert an Moskau, wo Bananen wachsen sollten

In der jungen Sowjetunion wollte man Pflanzen umerziehen, damit sie richtig wachsen. Und in Deutschland? Versucht man es jetzt mit der Energie. Eine Kolumne.

Blumen im Zaryadye Park, im Hintergrund die Basilius-Kathedrale.
Blumen im Zaryadye Park, im Hintergrund die Basilius-Kathedrale.imago/SNA

Nächstes Jahr wird noch schlimmer. Allerdings, ohne zu viel versprechen zu wollen: Vielleicht kommt noch mal ein Frühling. Vorfreude, schönste Freude. Leider haben wir keinen Balkon. Es gibt einen großen Sims vor dem Küchenfenster. Jeden März kauft meine Frau dafür Töpfe mit buntem Kraut. Anfangs sorgt die Vegetation für Genugtuung bei der Küchenarbeit. Über den Sommer lässt neben dem Regen auch die Fürsorge nach. Die Plantage wirkt verlottert. Ich habe mich zu der Lesart entschlossen, dass der Anblick täuscht. Dort geschieht Bedeutendes, ein Kleinstfeldversuch im Geiste des großen Trofim Denissowitsch Lyssenko.

Der sowjetische Experimental-Agrarier glaubte, Pflanzen lernten ratzfatz, sich unter unwirtlichen, theoretisch artfremden Bedingungen zu behaupten. Sie könnten diese Fähigkeit sogar unmittelbar vererben. Wir probieren und probieren. Noch nie hatten wir ein Simsgewächs, das begriff, wie man unseren Urlaub ohne Wasser übersteht. Was läuft falsch? Dass wir den Pflanzenfriedhof jeden Herbst entsorgen? Kann die Karpaten-Glockenblume ihr Durstbewältigungswissen deshalb nicht an eine nächste Generation weitergeben?

Stalin gefiel der Gedanke, Nutzpflanzen zu erschaffen, die sich dem dialektischen Materialismus unterwarfen

Ich habe ein Faible für Transformationsvisionen, die sich einen Dreck um angebliche Gesetzmäßigkeiten scheren. Auch die Idee, eine moderne Volkswirtschaft ohne Energiespeicher mit der Kraft von Licht, Luft und Liebe zu betreiben, erscheint mir von epochaler Erhabenheit – zumal dort, wo Sonne oder Wind nicht stets verfügbar sind, von Liebe ganz zu schweigen. Durch Wärmepumpen und Elektroautos den Bedarf an Ökostrom erheblich zu erhöhen, ohne dessen stabil lieferbare Menge gleichermaßen steigern zu können, hey, das ist genau mein Stil.

Auch Lyssenko meinte es gut. Es gab Hungersnöte in der jungen Sowjetunion. Stand der Wissenschaft war, dass die Evolution durch Genmutationen voranschreitet. Zufällig. Langsam. Geduld hatten weder Lyssenko noch Hobbygärtner Stalin. Dem gefiel der Gedanke, nicht nur den neuen Menschen zu erschaffen, sondern auch Nutzpflanzen, die sich dem dialektischen Materialismus unterwarfen. Es hieß, wenn man Winterweizensaat kühle, verwandele sie sich in blitzreifen Sommerweizen. Man solle mehr Getreide in Dürrezonen anbauen. Die Ähren würden sich an die sozialistischen Produktionsverhältnisse gewöhnen. Die Idee gerann zur Doktrin und zu Missernten. Lyssenkos Leute predigten weiter. Bald wüchsen Bananen vor Moskau; nicht infolge globaler Erwärmung, sondern nach Südfruchtumerziehung.

Genetiker, die an Mendels Vererbungslehre und Charles Darwin festhielten, galten als feindliche Agenten und Faschisten. Heute nennt man solche Elemente sinnverwandt „rechts“ – etwa jene, die nicht vom Kinderglauben lassen, das Geschlecht eines Menschen würde durch Chromosomen definiert. Hier zeigt sich der historische Fortschritt: Die unverbesserliche Joanne K. Rowling braucht nur Harry-Potter-Boykotte zu fürchten. Lyssenko-Gegner riskierten Gulag.

Die sowjetische Pflanzenabhärtung wurde vom Ausland verstört betrachtet

Die sowjetische Pflanzenabhärtung wurde vom Ausland so verstört betrachtet wie jetzt Deutschlands Energiewende. Schade. Kühne Visionen brauchen Pioniere, die, während sie das große Rad drehen, verwegen genug sind, Tatbestände zu überwinden, notfalls durch Ausblenden der Hindernisse. Solche wie meine Frau, mich und unser Ringen mit verweichlichtem Gewächs auf dem Küchensims. Ich freue mich aufs Frühjahr.

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