Thomas Heidenreich ist gern Lehrer. Er fühlt sich wohl in der Erwachsenenbildung und möchte seine freie Dozententätigkeit mit keinem Lehrer an einem Gymnasium tauschen. Trotzdem wird der 52-Jährige am heutigen Mittwoch um 14 Uhr vor dem Innenministerium, Alt-Moabit 140, zusammen mit anderen Lehrkräften, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten, demonstrieren. Warum?

23 Euro je Unterrichtseinheit

Die Deutschlehrer, die in Integrationskursen für EU-Bürger und Flüchtlinge tätig sind, wollen auf ihre schlechten, teilweise prekären Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das dem Innenministerium untersteht, zahlt den Bildungsträgern, die die Integrationskurse anbieten, 23 Euro pro Unterrichtseinheit. Damit gibt es den Rahmen für die Bezahlung der freien Dozenten vor.

„Wegen der geringen finanziellen Zuweisungen an die Bildungsträger haben wir als Dozenten keinen Verhandlungsspielraum“, heißt es in dem gemeinsamen Demo-Aufruf von GEW, Verdi, Dozentenvertretungen freier Träger und Volkshochschulen sowie der Bundeskonferenz der Sprachlehrbeauftragten. „Daher arbeiten die meisten von uns gezwungenermaßen zu Armutshonoraren um die 23 Euro brutto pro Unterrichtseinheit.“ Mehr als 20.000 Dozenten, wahrscheinlich mittlerweile eher 30.000 sind bundesweit an rund 1450 Bildungsträgern betroffen. Dazu gehören Volkshochschulen, Filialen des Goethe-Instituts, private Bildungseinrichtungen.

Die Freiberufler müssen von dem Honorar den vollen Betrag der Sozialabgaben abführen und Steuern zahlen. Für die meisten gibt es keine Honorarfortzahlung im Krankheitsfall und natürlich auch kein Geld während der Ferienzeiten. Dazu nur sehr kurzfristige Verträge.

1300 Euro netto für 100 Stunden Unterricht

Thomas Heidenreich macht die Rechnung auf: 100 Stunden Unterricht im Monat sei die realistische Arbeitsbelastung und entspricht einem Modul der BAMF-Kurse. Sie bringen bei je 23 Euro 2300 Euro brutto im Monat. Nach Abzug der Beiträge für Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung sowie der Steuern bleiben 1300 Euro netto übrig. „Davon etwas für eventuelle Krankheiten oder gar drei Wochen Urlaub zurückzulegen, ist fast unmöglich, erst recht für Dozenten mit Kindern“, erläutert er.

Nicht bezahlt würden damit Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, die Korrektur vorgeschriebener Tests, Bücher und Arbeitsmaterialien. In manchen Volkshochschulen stünde nicht einmal ein kostenloser Drucker für die Deutschlehrer zur Verfügung.

Die Dozenten haben mit Verdi gemeinsam errechnet, dass ihr Honorar mindestens verdoppelt werden müsste, um von einer gerechten Honorierung sprechen zu können. Schließlich mussten sie zu ihrem Abschluss noch eine Zusatzqualifikation für Deutsch als Fremdsprache erwerben. „Früher war die Bezahlung der Lehrer an den Volkshochschulen an der von Berufsschullehrern orientiert“, sagt Heidenreich, der zurzeit an der Volkshochschule Steglitz-Zehlendorf EU-Bürger unterrichtet, „das fände ich gerecht“.