Nachdem die Olympia-Debatte des Senats mit den Bürgern am Donnerstagabend fast an 20 bis 30 Störern gescheitert wäre, sollen die Berliner nun zu einem weiteren bedeutenden Thema das Wort haben – zur Historischen Mitte zwischen Fernsehturm und Spree. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat am Freitag mit einem Jahr Verzögerung einen Dialogprozess mit den Bürger eingeläutet. Die dürfen nun ihre Meinung äußern und ihre Erwartungen und Wünsche zur künftigen Gestaltung formulieren.
Dabei sollen Fragen beantwortet werden: Soll der Neptunbrunnen zurück ans Schloss versetzt werden? Wie geht man mit dem Denkmal von Marx und Engels um? Die Kernfrage aber ist: Bleibt die große Freifläche erhalten oder darf sie bebaut werden? Den Dialog zum Rathausforum, wie das Gebiet genannt wird, organisiert im Auftrag des Senats die Agentur Zebralog. Sie ist schon für die Olympia-Debatte verantwortlich. „Wir initiieren eine Stadtdebatte“, sagt Daniela Riedel von Zebralog.
Wie Lüscher sagt, sollen die Bürger bis Ende 2015 diskutieren und als Abschluss eine Art Manifest für das Areal formulieren. Titel des Dialogs: Alte Mitte – Neue Liebe. Anschließend wird sich das Abgeordnetenhaus damit beschäftigen und entsprechend den Bürgerwünschen einen Beschluss fassen. Der ist 2016 Basis für einen Wettbewerb, in dem Architekten die Vorgaben umsetzen und städtebauliche Ideen für das Gebiet entwerfen. Soweit die Theorie.
„Bis Ende 2016 verständigen wir uns über diesen Ort“, verspricht Lüscher. Dazu habe man den Auftrag der Koalitionsparteien SPD und CDU. Lüscher betont, dass das Verfahren „ergebnisoffen ist“. Sie selbst hat sich früher aber gegen eine kleinteilige und historisierende Bebauung der Freiflächen zwischen Marienkirche und Rotem Rathaus ausgesprochen, wie sie von der Gesellschaft Historisches Berlin gefordert wird.
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Dass das Verfahren ergebnisoffen ist, muss bezweifelt werden. Denn für Millionensummen wurde das Umfeld des Fernsehturms schon neu gestaltet. An der Marienkirche wird ein Kirchhof gebaut. Auch das Luther-Denkmal kehrt an seinen historischen Platz zurück – das ist ein Beitrag Berlins zum Luther-Jahr 2017, dem 500. Jahrestag der Reformation. Lüscher verteidigt die Maßnahmen, mit denen aber keine vollendeten Tatsachen geschaffen würden. „Wir können diesen öffentlichen Raum nicht vergammeln lassen. Der Kirchhof wird nach einem Hilferuf der Kirche angelegt, sie hat sich über das versiffte Umfeld beschwert.“ Auch wenn Lüscher von Rückbau und der Rückzahlung von Fördermitteln spricht, sollten die Bürger andere Ideen entwickeln – es ist unwahrscheinlich, dass die jetzigen Gestaltungen wieder in Frage gestellt werden.
Damit die Debatte nicht aus dem Ruder läuft, hat Lüscher ein Kuratorium berufen, in dem Lobbyisten, Initiativen und Unternehmen wie die Wohnungsbaugesellschaft Mitte und die Hermann-Henselmann-Stiftung vertreten sind. „Wir verstehen uns als Wächter des Verfahrens“, sagt Stefan Richter von der Stiftung Zukunft Berlin. Melanie Bähr von der IHK Berlin hofft, dass der „Funken auf alle übertragen wird und Jugendliche angesprochen werden“.
Antje Kapek, Fraktionsvorsitzende der Grünen, kritisiert den Zeitplan. „2016 ist Abgeordnetenhauswahl, die Historische Mitte wird zum Wahlkampfthema.“ Sie fordert, eine Entscheidung erst nach der Wahl zu treffen, zumal die Gestaltung wegen der U-Bahnbaustelle nicht drängt. Auch sollte das Gebiet größer gefasst werden – mit Alex und Molkenmarkt.
Die Bürger können mitdiskutieren unter www.altemitte-neueliebe.de. Am Montag diskutiert die Friedrich-Ebert-Stiftung (Umspannwerk Voltairestraße, 18.30 Uhr) mit Lüscher zu dem Thema. Auftakt für den Bürgerdialog des Senats ist am 18. April im Berliner Congress Center.